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Geschichte internationaler Radsport



Kontrollen und Scherben

Teil V, Artikel 'Kniffe der Straßenfahrer'

 

Das Sprichwort, dass die Nacht keines Menschen Freund ist, trifft bei den Strassenfahrern nicht zu, weil es sich in der Nacht infolge der ozonreichen Luft viel leichter fährt und ein Abgehängter weit mehr Aussichten hat, wieder an die Kopfgruppe heranzukommen, als am Tage. Er muss aber schlau sein und sich nicht durch das Licht seiner Lampe verraten, wenn auch die Ausschreibung das Erleuchten des Rades während der Dunkelheit vorgeschrieben hat und das Auge des Gesetzes ganz besonders über die „Dunkelmänner“ unter den Radfahrern wacht. Ausser den Fahrradlaternen führen die meisten Fahrer elektrische Taschenlampen mit sich, die sie jeden Augenblick ein- und ausschalten können. Diese Lampe wird entweder an einer Schnur um den Hals gehängt, oder an der Brust befestigt, aber nur in äussersten Fällen eingeschaltet, wenn ein Fahrer abgehängt worden ist und den Anschluss erstreben will. Durch das Licht würde er sich verraten und aus diesem Grunde fährt er im Dunkeln, aber seine vorn liegenden Gegner sind auch schlau und schalten ihre Lampen gleichfalls aus, um sich durch den Lichtschein auf der Strasse nicht dem Nachzügler zu verraten.

 

Der Kampf um den Sieg macht erfinderisch, und jedes Strassenrennen bringt neue Kniffe und Schliche an das Tageslicht, sobald die Pfiffigen bemerken, dass man ihre List durchschaut hat und die Skrupellosen die Beobachtung gemacht haben, dass „hintenherum“ etwas zu ergattern ist.

 

Der Beobachter eines Strassenrennens wird in der Kontrolle schon den harten Kampf um die Kontroll-Liste beobachtet haben, der sich bei Ankunft  einer starken Gruppe entspinnt. In der Aufregung lässt mancher Fahrer die Vorsicht ausser Acht, und auf diesen Augenblick der Sorglosigkeit bauten verschiedene Fahrer ihren Kriegsplan auf. Sie verstanden es, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Maschine eines aussichtsreichen Fahrers zu lenken, der im Begriff war, seinen Namen auf die Kontroll-Liste zu setzen, und im Augenblick bildete sich um die Maschine des Unterschreibenden ein kleiner Auflauf. Die Sprengung dieser „Gruppe“ nahm oft so lange Zeit in Anspruch, dass die anderen Fahrer längst aus der Kontrolle waren, wenn der betreffende Fahrer zu seiner Maschine gelangte.





Bei „Rund um Berlin“ wurden einmal einem bekannten Fahrer von einem sehr hilfsbereiten jungen Mann die Wasserflaschen zwecks Füllung in der Kontrolle abgenommen, aber der Auftraggeber wartete vergeblich auf die Rückkunft und musste ohne die Flasche abfahren. Später stellte sich heraus, dass der junge Mann zu diesem Aufhaltungs-Trick gedungen worden war und gar nicht die Absicht gehabt hatte, die Flaschen gefüllt zurückzubringen.

 

Ein Trick, der, so bedenklich er auch ist, doch eines gewissen Humors nicht entbehrt, wurde beim Unterzeichnen der Kontroll-Liste von einem bekannten Fahrer angewendet. Der Fahrer strebte bei jeder Kontrolle ohne Zwangspause danach, zuerst einzukommen, um als erster einschreiben zu können. Seinen Namenszug krönte er jedes Mal mit einem eleganten Schnörkel, aber regelmässig brach bei diesem Schnörkel die Spitze des Bleistiftes ab. Der Fahrer warf die Bleistifte nach dem Abbruch der Spitze auf den Tisch und fuhr davon, während die mit ihm eingekommenen  Fahrer auf das Anspitzen des Bleistiftes warten mussten. Zuerst glaubte man an einen Zufall, aber dann kam man dahinter, dass der Bruch absichtlich herbeigeführt wurde und die Folge war das Mitführen eines eigenen Bleistiftes bei allen Fahrern. Plumper war ein diesem „Kampf um die Spitze“ ähnlicher Trick, bei dem der zuerst eingekommene Fahrer den Bleistift mitnahm oder in den Sand fallen liess, um seine Begleiter aufzuhalten.

 

Die Zwangspausen haben den Schlaumeiern unter den Strassenfahrern oft Gelegenheit zur Uebervorteilung ihrer Gegner gegeben. Die häufigen Klagen über zu frühes Verlassen der Zwangspause haben bewiesen, dass das Einhalten der vorgeschriebenen Zahl bei der Aufregung in den Kontrollen oft recht schwer ist, aber man muss nachsichtig sein, weil die Fahrer oft keine Uhr haben und die Kontroll-Leiter bei starken Gruppen einen Fehler machen können. Bedenklicher ist der auf Täuschung der Gegner berechnete Trick, den ein bekannter Strassenfahrer in einem Rennen des Jahres 1912 anwandte, indem er hinkend die Kontrolle in der Richtung zum Bahnhof verliess und sich auf das Rad schwang, als ihn die in der Kontrolle zurückgebliebenen Fahrer nicht mehr sehen konnten.




Die Angewohnheit der Strassenfahrer, sich aller überflüssigen Gepäckstücke vor dem Endkampf zu entledigen, hat einige Schlaumeier auf den Gedanken gebracht, die überflüssigen Stücke schon vorher fortzuwerfen und dadurch zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die überflüssigen Gepäckstücke, durch die man sich einen Vorteilverschaffen konnte, waren die Flaschen, deren sich die nach Erleichterung strebenden Fahrer in der Weise zu entledigen wussten, dass die Flaschen zerschellten und die Scherben die Strassen bedeckten. Die Reifen der Nachkommenden wussten dann von den Scherben ein Lied zu pfeifen.

 

Dieser Glasflaschentrick führte in Frankreich zu einem Verbot der Benutzung von gläsernen Gefässen und auch für deutsche Strassenrennen wird man Glasflaschen verbieten, um unsere deutschen Fahrer nicht auf den Gedanken kommen zu lassen, in Heil in einem „Scherbengericht“ zu suchen.

 




Ein gefährlicher Trick wurde im Keime erstickt. Ein Fahrer war auf den Gedanken gekommen, sein Hinterrad mit zwei Aufstiegen zu versehen. Diese Aufstieg waren überaus lang und hatten den Zweck, einem aufgreifenden Fahrer ins Vorderrad zu haken und dieses einiger Speichen zu berauben.

 

Nach dem Muster der Kraftwagenrennen war in einem grossen Strassenrennen eine Bezeichnung der gefährlichen Stellen durch Farben vorgenommen worden. An den Bäumen waren die Zeichen angebracht, und zwar bedeutet blau: Vorsicht, langsam fahren, rot: Absteigen und grün: scharfe Kurve. Die Strecke wurde von vielen Fahrern vorher abgefahren und im Rennen machten die Veranstalter die Beobachtung, dass sich die Zahl der Zeichen ganz bedeutend vermehrt hatte. Die Farbenbezeichnungen befanden sich in vielen Orten, wo keine gefährliche Kurve war, wo niemand langsam zu fahren oder abzusteigen brauchte, und den Veranstaltern sowohl, , welche die Strecke vorher nicht abgefahren hatten, wurde es bald klar, dass auch von anderer Seite Zeichen angebracht worden waren, um die unkundigen Fahrer irre zu machen. Dieser Trick wurde übrigens auch bei einem grossen deutschen Kraftwagenrennen angewendet, hatte in diesem aber weniger Wirkung, als in dem Strassenrennen, weil die Fahrer hinter den Kniff gekommen waren und bei der zur Vorsicht mahnenden Farbe Vollgas gaben und in die mit grün angezeigte Kurve ohne Hemmung des Wagens gingen.

 




Ein Gewaltstreich wurde in einem grossen Strassenrennen mit Hilfe des Telefons und der Polizei durchgeführt. In einer Kontrolle entwischte ein Fahrer seinem einzigen Weggenossen, nachdem beide das Feld weit zurückgelassen hatten. Als der Spitzenreiter die erste grössere Ortschaft durchfahren wollte, wurde er von einem Polizisten angehalten und auf die Wache geführt. Dort wurde ihm bekannt gegeben, dass soeben telephonisch gemeldet worden sei, der Fahrer No. 41 habe bei Dingsda den Bürgersteig befahren, und da er die No. 41 trage, müsse er der Uebeltäter sein. Ehe die Feststellung der Personalien erfolgt war, hatte der an zweiter Stelle liegende Fahrer die Spitze erlangt und damit auch das Rennen gewonnen, weil es dem angehaltenen Fahrer nicht mehr möglich war, Anschluss zu erhalten. Später stellte sich heraus, dass keine Anzeige eingelaufen  und die Polizei irregeführt worden war. So dass der „Abgehängte“ in den Verdacht geriet, dem Telephongespräch nicht ganz fernzustehen. Nachweisen liess sich leider nichts und so hatte der unschuldig Arretierte das Nachsehen.

 

Die strenge Aufsicht über die deutschen Strassenrennen hat die im trüben fischenden Elemente nach und nach beseitigt und von den vielen Tricks lässt sich heute kaum noch einer mit Erfolg anwenden. Es muss schon ein sehr schlauer Fahrer kommen, der den Matadoren der Landstrasse etwas vormachen will, denn diese sind durch Schaden klug geworden und fallen nicht so leicht auf einen Trick hinein. Trotzdem wird hin und wieder versucht werden, durch einen Kniff zu Vorteilen zu gelangen, aber das alte Sprichwort, wonach unrechtes Gut nicht gedeiht, hat auch im Radrennsport seine Gültigkeit, und wir wollen unseren Strassenfahrern den Rat geben, es mit ihrem verstorbenen Freunde Adolph Schulze (*) zu halten, dessen Wahlspruch bis an sein Lebensende das schöne deutsche Sprichwort war: Ehrlich währt am längsten.

 

*Adolph Schulze: Schefredakteur der Zeitschrift "Rad-Welt", gestorben am 9. September 1912





Der König der Landstrasse



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