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Legendäre Rennen

von Sven



Tour de France 1996, 6. Etappe



Bjarne Riis, Tour-Sieger 1996 und sein Vorgänger Miguel Indurain

 

06. Juli 1996: Eine Ära geht zuende – der König ist gestürzt

 

 

 

Viele Jäger sind des Hasen Tod, lautet ein altbekanntes und zumeist auch  zutreffendes Sprichwort: Der Spanier Miguel Indurain schien bei „seinem“ Rennen immun gegen jedwede Art von Angriff zu sein. Fünf lange Jahre dominierte er die  Tour de France in einem Stil, der sowohl Gegner, als auch so manch spannungssüchtigen Experten zur Verzweiflung brachte: Zeitfahren waren seine Stärke und somit das Fundament seiner Erfolge. Möglichst viel Zeit im „contre-la-montre“ herausholen war die Intention, und den dadurch erlangten Vorsprung über Alpen und Pyrenäen bis nach Paris zu transportieren – mal gelang dies souverän, mal weniger. Im Endeffekt zählten die nackten Zahlen und diese sprachen von 1991 bis 1995 eine eindeutige Sprache: Fünfmal in Folge Sieger der Tour de France, dem berühmtesten Radrennen der Welt. Dies hatten zuvor weder Jacques Anquetil, noch Eddy Merckx und Bernard Hinault, die anderen Mitglieder im „Club der Fünfer“, geschafft. Kritiker warfen Indurain vor, ein „Juli-Fahrer“ zu sein und demzufolge nie den Stellenwert eines Merckx oder Hinault erreichen zu können. Indurain interessierten diese Sticheleien herzlich wenig – vielmehr bereitete er sich akribisch Jahr für Jahr auf die Frankreich-Rundfahrt vor: Mal ohne Giro d’Italia, mal mit, was ihm zusätzlich bei der Italien-Rundfahrt zwei Gesamtsiege 1992 und 1993 einbrachte.





www.cyclingphotos.co.uk Indurain wie gewohnt in Gelb bei der Tour 1993 (rechts Alvaro Mejia)

 

Im Jahre 1995 war Indurain dominant wie selten zuvor: Nicht nur im Zeitfahren holte er Minuten heraus, auch auf anderem Terrain zeigte er nun den Gegnern die Grenzen auf. Demonstrationen seiner Stärke in den belgischen Ardennen nach Lüttich und hinauf nach La Plagne ließen auch die letzten Zweifler verstummen, die da meinten, Indurain könne nicht attackieren und würde mit seiner haushalterischen Fahrweise einigen Makel an seinen Siegen hinterlassen.

Wer zweifelte demnach so recht an einem denkwürdigen und einzigartigen sechsten Tour-Sieg im Jahr 1996 ?

Die Vorbereitung lief nahezu perfekt: Gesamtsiege bei Midi Libre und Dauphiné Libéré unterstrichen seine großartige Form. Die Gegnerschaft wiederum hatte sich im Vergleich zum Vorjahr nicht grundlegend geändert: Da waren die beiden Once-Fahrer Alex Zülle (Schweiz) und Laurent Jalabert (Frankreich), Indurains Dauergegner Tony Rominger aus der Schweiz sowie dessen Teamkollege und amtierende Weltmeister Abraham Olano (Spanien), die französischen Kletterkünstler Luc Leblanc und Richard Virenque, die beiden Russen Yevgeny Berzin und Pjotr Ugrumov sowie der 32-jährige Däne Bjarne Riis. Der Gesamt-Dritte des Vorjahres war zu Beginn der Saison vom Ausnahmeteam der vergangen Jahre, Gewiss-Ballan, zur eher belächelten Telekom-Truppe aus Deutschland gewechselt, die im vergangenen Jahr erst ausgeladen und dann in einer Mix-Truppe gemeinsam mit dem zweitklassigen ZG-Mobili-Rennstall aus Italien doch noch zur Tour de France zugelassen wurde.





Das Profil der Etappe nach Les Arcs


 

Sehr früh ging es bei der 96er Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt zur Sache: Bereits nach einer Woche Einrollen im Flachen stand die erste Alpenetappe über Col de la Madeleine, Cormet de Roselend sowie dem Schlussanstieg ins 1700m hoch gelegene Les Arcs auf dem Programm. Es sollte ein Desaster für „el rey“, den ungekrönten König der Tour de France werden. Schlechtes Wetter, Nebel und Regen, sorgten für zusätzlichen Zündstoff und Spannung. Der bisherige Träger des Gelben Trikots, der Franzose Stéphane Heulot, stieg tränenüberströmt am Cormet de Roselend vom Rad – anhaltende Knieschmerzen waren der Grund. Bereits am ersten Pass, dem Madeleine, verabschiedete sich mit Laurent Jalabert der erste Favorit aus der Spitzengruppe und damit aus dem Kreise der Anwärter auf eine vordere Platzierung im Gesamtklassement: Er fiel ab und damit aussichtslos zurück. Seinem Teamkollegen Alex Zülle erging es kaum besser: Mehrere Stürze demoralisierten den Schweizer, der damit einmal mehr seinem zweifelhaften Image als Bruchpilot ungewollt Nahrung verschaffte.

Vor dem Schlussanstieg hatte sich eine größere Gruppe mit gut einem Dutzend Fahrer gebildet, die dem führenden Deutschen Udo Bölts dicht auf den Fersen war: Bis auf Jalabert waren alle Favoriten darin vertreten. Viele Fahrer hatten gar mehrere Teamkollegen noch auf ihrer Seite: Festina war mit Virenque und Dufaux ebenso doppelt vertreten wie Telekom mit Riis und dem sensationell fahrenden ehemaligen Amateur-Weltmeister Jan Ullrich. Mapei hatte gar drei Fahrer (Rominger, Olano und den spanischen Meister Manuel Fernandez Gines) dabei. Ein sturz-geschädigter Alex Zülle besaß mit Aitor Garmendia noch einen Mann an seiner Seite. Nur Miguel Indurain war alleine: Kein Gérard Rue oder Jean-Francois Bernard, die ihn in den vergangen Jahren bis zum letzten Schweißtropfen unterstützen konnten. Unbedenklich angesichts der Stärke des fünffachen Tour-Siegers, dachten alle…

Doch es sollte anders kommen – Indurain erlebte auf den letzten vier Kilometern seinen Offenbarungseid: Ein Hungerast, wie sich später herausstellte, aber auch Formschwäche, was in den nächsten Etappen zweifelsfrei zu konstatieren war, sorgten für das Ende einer Ära.

Während Luc Leblanc nach einer unwiderstehlichen Attacke aus der Spitzengruppe dem Ziel auf Wolke Sieben schwebend entgegeneilte, die vorausfahrenden Bölts und Dufaux ein- und überholte und sich damit den Etappensieg sichern konnte, spielten sich hinter der Gruppe um Riis, Ullrich, Rominger und Co. wahre Dramen ab. Ein gehandicapter Alex Zülle hatte Mühe, überhaupt das Tempo seines Leutnats Garmendia zu halten. Dieses Tempo war aber immer noch höher als jenes von Miguel Indurain, der völlig geschwächt dem Ziel entgegenkrebste und auf den letzten drei Kilometern 4:19 Min auf Luc Leblanc und wiederum über 3 Min auf die Riis-Gruppe einbüßte.

Zu allem Überfluss bekam er im Nachhinein noch 20 Strafsekunden aufgebrummt, da er in seiner Not noch eine Trinkflasche vom sportlichen Leiter des Berzin-Teams annahm.

An diesem 06. Juli 1996 wurde Miguel Indurain vom Thron gestürzt. Tage später in den Pyrenäen sollte es noch dicker kommen: Besonders der Tag nach Pamplona im Baskenland, wo die Tour-Karawane mit dem Dänen Bjarne Riis im Gelben Trikot am Heimatdorf von Indurain vorbeifuhr, war besonders bitter für ihn: Er verlor nochmals acht Minuten und fiel damit sogar aus den Top Ten der Gesamtwertung heraus. Doch auch in der Niederlage zeigte der Spanier Größe: Anerkennend reckte er bei der Siegerehrung, zu der er gerufen wurde, Riis’ Arm als Zeichen des verdienten Siegers zum Himmel.


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