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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo





Sizilien und Kalabrien im Mai



So muss man das machen, denke ich. Ich hielt wie immer meinen Vortrag in Rom, wohin ich Ende April mit dem Rad von Cremona durch die Toskana gefahren war. Ich hatte nichts geplant und nicht viel darüber nachgedacht, es sollte einfach passieren. Planen muss man da nichts. Alle fahren an der Küste um Sizilien herum, die einen links herum, die anderen rechts, und ich wollte es gegen den Uhrzeigersinn machen.





der Autor

Ich wusch in Civitavecchia meine Wäsche, wollte ein Uhrenarmband und dachte über den Weg nach Sizilien nach. Und links neben dem Waschsalon wartete ein Uhrenladen, und rechts davon ein Reisebüro, und dort erfuhr ich, dass es eine Fähre von Civitavecchia nach Termini Imerese gäbe (viele nehmen das Schiff von Genua nach Palermo), die am Abend des 5. Mai um 20:30 Uhr ablegen würde. Ticket für 50 Euro gekauft, zugestiegen, und zur Frühstückszeit zeigten sich uns die blassen Konturen der ersten Berge Siziliens, und um 9:30 Uhr gingen wir an Land.

 

Mein Leorad, wie ich es nenne (nach meinem Schwager Leopold, der es mir vererbte), hatte die Nacht Seite an Seite mit einem gelben Rad verbracht, das hoch beladen war. Es gehörte einem Oberbayern namens Wolf-Rainer, 73 Jahre alt, der nicht zum ersten Mal Sizilien bereiste und, wie ich später auf Campingplätzen sah, ein großes Zelt dabei hatte, ein Tischlein, einen Stuhl und Kochgeschirr. Wolf-Rainer fuhr hoch aufgerichtet und gemächlich, und mit derselben Eleganz und Gelassenheit eines reisenden Gentlemans baute er sein Zelt auf und machte sich ans Kochen. (Wir waren am ersten Abend bei Palermo auf demselben Campingplatz und trafen uns später an der Ostküste, bei Syrakus, wieder.)



Das erste Frühstück auf Sizilien versüßte ein „Cartoccio“, eine mit Ricotta gefüllte Teigrolle (die sizilianischen Süßigkeiten sind berühmt), und dann ging es an der mäßig befahrenen Küstenstraße Richtung Westen entlang. Baghería bietet außer hunderten herrenlosen Müllsäcken nicht viel, und nach 30 Kilometern nähert man sich schon den Außenbezirken Palermos. Eine gute Karte hilft, man hält sich an den Hafen und das Meer und biegt gleich nach dem Gefängnis rechts ab, und schon ist man wieder draußen und hat groß den Monte Pellegrino vor sich, Wahrzeichen Palermos, den man rechts umrundet.




Der Müll von Bagheria



Vorbei am Monte Pellegrino



Der Campingplatz liegt etwa 12 Kilometer nordwestlich, Isola delle Femmine. Der Ort ist zu Fuß gut erreichbar, und so hat man schon einen Abend mit Pizza und sizilianischem Leben vor sich. 4,50 Euro kostet die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug nach Palermo, die Campingplatzverwalterin gab eine Einführung, und dann wanderte ich schon durch den Palazzo Reale und durch viele verfallene und verfallende Gassen, und plötzlich stand ich im Viertel Ballarò.

 

Das ist spektakulär! Mir fehlten die Worte. Rosa Wimpel flatterten überall, denn Palermo hatte den Aufstieg in die erste Fußball-Liga geschafft (Mitte März lag das einzige sizilianische Team der Liga auf Platz 11 mit 35 Punkten, gut im Mittelfeld).






A für „Andiamoci“: vorwärts, Palermo!





Ein Fahrradladen in Palermo

Hinein ging es in die dunklen Hohlräume des Marktes, der von Arabern und Afrikanern geprägt ist. Man meint, in Casablanca zu sein, alle schreien, tote Fische und Tonnen Früchte, und all dies in der surrealen Atmosphäre bröckelnder Bauten, als wäre es der erste Markttag nach einem langen Krieg. Es gibt in Palermo auch elegante Einkaufsstraßen und hochtönenden Barock, aber es bleibt der Eindruck einer ruinösen, gleichwohl vor Leben berstenden Stadt, den ich schon vor zwanzig Jahren gehabt hatte. Sizilianer sind Überlebenskünstler.





Der Dom von Monreale

Am Tag darauf fuhr ich auf dem Rad inmitten von Autokolonnen durch die Stadt und hoch nach Monreale zum alten Dom und dann noch hinauf ins Bergland. Unten lag die Stadt Palermo, schön anzuschauen, vor ihrer Bucht, und auf dem Rückweg musste ich mitten hinein und meinen Weg hinaus finden … unglaublich! Es war enger und verrückter als in Rom, und Panik erfasste mich, jedoch keine Angst spürte ich, denn die Autofahrer sind großzügig und langsam, man bewegt sich kriechend mit dem restlichen Blech, sie machen auch Platz und passen auf, doch dann rettete ich mich in einen Bahnhof und nahm den Zug nach Isola delle Femmine, zum Camping.



Dann ging es weiter. Mein Freund Romano hatte mir San Vito lo Capo ans Herz gelegt, die Landspitze im Nordwesten, und wunderschön ist Castellamare del Golfe, wo ich in einer Bar Pause machte, die oberhalb des Runds der Bucht liegt, und stahlblau war das Meer!




Halt oberhalb von Castellamare del Golfo



Es gilt, eine hübsche Steigung zu überwinden, auf derem höchsten Punkt der Ort „Purgatorio“ liegt, der Reinigungsort oder das Fegefeuer, und da trank ich einen Kaffee und aß, wie symbolisch, ein „Paradies-Törtchen“. Denn nach dem Leiden im Fegefeuer wartet das Paradies, und das lag dann nach der Abfahrt am Meer, im Camping von San Vito lo Capo. Da bleiben wir auch den Samstag.





Ein Obsthändler

Und wieder den Berg hoch mit den 25 Kilo Gepäck! Ich hatte auch ein kleines Notebook dabei, und es war nützlich, denn auf den meisten Campingplätzen Siziliens gibt es WiFi (Internet-Verbindung), oft gratis. Beim Anstieg zum Purgatorio setzte sich ein Mountainbiker neben mich und begleitete mich, wollte mich bis zum Anstieg des 750 Meter hoch gelegenen Erice bringen. Es war Gaspare, ein ehemaliger Fischer aus Trapani, der nun Touristenboote repariert, aber sie nicht lenken darf, weil er leider nicht richtig lesen und schreiben kann.





Der Justizpalast von Trapani



Gela, ein hässlicher Ort

An den Serpentinen empfahl sich Gaspare, und hoch ging es, überholt von Touristenbussen. Große Leistung, da hochzufahren, und dann muss man seinen „Lastwagen“ noch durch den Ort hochschieben zum höchsten Punkt. Es waren so viele Touristen, dass ich keine Lust hatte, irgendetwas anzuschauen; essen und wieder hinunter, auf das tiefe Blau des Meeres und Trapani zu. Trapani war leer bis auf zwei Touristen, ein paar Autos und einem Dutzend Afrikaner. Sonntag, vermutlich waren alle am Meer.

 

In regelmäßigen Abständen stoßen wir, der Küste folgend, auf moderne Mythen Siziliens aus Filmen und Büchern. In Trapani und Umgebung spielte die Fernsehserie „Allein gegen die Mafia“, die in Italien „La Piovra“ hieß (die Krake), und der tragische Held hieß Corrado Cattani (verkörpert von Michele Placido. An der Südküste spielt das Buch „Der Leopard“ von Giuseppe di Lampedusa, dann haben wir noch bei Licata die Romane um den Commissario Salvo Montalbano von Andrea Camilleri und im Osten den Roman „I Malavoglia“ von Verga.





Der Strand von Mazara del Vallo heißt Fata Morgana



Der verlassene Campingplatz im Süden

Der Geschmack nach Afrika verstärkte sich auf einem verlassenen Campingplatz zwischen Marsala und Mazara del Vallo. Da standen wackere Palmen auf einer dürren Wiese, ein Mann unbestimmbarem Alters fuhr mit dem Mercedes vor und kassierte meine 10 Euro ein, und hinter den leicht heruntergekommenen Sanitäranlagen fand sich ein gut geführtes Restaurant, viel zu elegant für den öden Landstrich. Es gab Bier. Ein dicker Mann kam mit einer dicken Frau und unterredete sich wichtig mit dem Campingplatzbetreiber, afrikanischer Wind blies durch den luftigen Vorraum mit seinen Sesseln, die Kellner und Bediensteten wirkten etwas gehetzt, doch das Essen war gut, das Restaurant gefüllt mit seltsamen jungen Männern, die übertrieben selbstbewusst auftraten und geschminkte Mädchen an ihrer Seite hatten. Irgendwie lag ein Mafia-Hauch über der Szene.



Am nächsten Tag an der Küste entlang, und da in der Nähe gibt es angeblich ein Sammellager mit Afrikanern. Prompt warteten, gegen die Sonne geschützt unter Gesträuch, afrikanische Mädchen und prostituierten sich, indem sie sich Autofahrern bemerkbar machten. Dann Selinunte, die berühmte griechische Siedlung. Ich kehrte in einer Bar ein, freundete mich gleich mit den jungen Besitzern an, und ich weiß noch, wie da die Frauen von älteren Schweizer Freizeitradlern interessiert auf mich reagierten, der ich ja nicht mehr jung bin, aber anscheinend Freiheit und Ungezwungenheit repräsentierte. Da gab es den Onkel des Besitzers, Giovanni, der einen Campingplatz leitete. Mit dem freundete ich mich auch an, einmal nahm er mich mit dem Auto in die Bar mit und wir redeten. Er hatte einmal in der Schweiz gearbeitet, war aber auf Drängen seiner Frau zurückgekehrt, doch alle, die zurückkehren, bereuen es irgendwann.

 

An meinem Abreisetag herrschte heftiger Wind, erfreulicherweise von Westen, und er trieb mich unwiderstehlich bis Agrigent. Man erreicht die Stadt über eine Straße auf Stelzen, und bei Wind ist das nicht ungefährlich. Agrigent mit seinen Ruinen sieht man sich genauso an wie Selinunte, später fragt man sich dann warum, aber man macht Halt und macht es halt. Interessanter war dann der Aufenthalt in Palma de Montechiaro, wo Raffaele, der Tourismusbeauftragte, unbeschäftigt auf der Treppe saß, die hochführte zum Dom. An diesem Ort ließ sich Giuseppe di Lampedusa, der in meinem Geburtsjahr 1957 gestorben ist, zu seinem Buch „Der Leopard“ inspirieren, das man nur jedem, der es nicht kennt, ans Herz legen kann. Darin steht alles, was man über Sizilien wissen muss. Raffaele zeigte mir die hohen Räume des Palasts, den früher der Fürst bewohnte und wo heute Kunstausstellungen stattfinden.

 

Wolken zeigten sich oberhalb von Licata, das für Sizilien auch legendär ist: Da sind die Romane um Commissario Montalbano angesiedelt, dem Luca Zingaretti im Fernsehen ein unverwechselbares Gesicht gegeben hat. Ein paar freundliche Leute geleiteten mich hinaus, und ich fuhr wie der Teufel und den Wolken davon, fuhr durch eine leere Küstenlandschaft, auf deren Straßen der Wind Sandhäufen geblasen hatte, und fand wieder einen einsamen Campingplatz, der gerade auf die Saison vorbereitet wurde. Man malte und pinselte und wischte herum, und eine Pizza gab’s.





Ragusa Ibla



Ein Blumenteppich in Noto

Ragusa ist ein schöner Name, und ich fuhr hoch, klemmte mich hinter eine Gruppe älterer Rennradler, erreichte Ragusa Ibla, den alten Ort mit dem ganzen sizilianischen Barock-Gepränge – Palmen und verwitterte Kirchen, Plätze und hundert Geschäfte für Touristen –, rollte dann durch wildes Land, bis ich mich Noto näherte. Das ist auch ein berühmter Name, und es ist kaum zu glauben, dass es genau einer der zwei Tage war, an dem in Noto die legendären Blumenteppiche ausgebreitet liegen. In einer Bar saßen ein paar Radler, ich setzte mich dazu und lernte Stefano kennen, den wiederum jeder kannte, und er zeigte mir die Stadt und den Weg hinaus. Irgendwann fuhr ein Herr aufgerichtet auf seinem gelben Rad, und das war natürlich Wolf-Rainer aus Fürstenfeldbruck. Wir nahmen den selben Campingplatz.

 

Ein Tag Pause, ich wusch meine Wäsche, was kein glücklicher Einfall war, da Regen aufkam und den ganzen Tag verhagelte, aber da gab’s den Cafebesitzer und drei Mitarbeiter im Restaurant, die auf italienische Weise so sympathisch und warmherzig waren, natürlich und ehrlich, Freunde für einen Tag, dass der Abschied am nächsten Tag schwer fiel. Es war kalt gewesen den Tag über, mir war die ganze Zeit kalt gewesen, und danach, spät am Abend, nach dem Essen, vermerkte ich in meinen Aufzeichnungen: „Mir ist endlich warm. Die Wärme dieser Menschen!“

 

Es sind die Menschen, die einen Italien lieben lassen. Sie sind unprätentiös und öffnen sich dem, der sich selber offen gibt. Viele wunderschöne Begegnungen! Ich hatte fast durch Siracusa durchfahren wollen, fragte einen Mountainbiker nach dem Weg, und dieser fuhr mir nach und holte mich ein und begleitete mich, passte auf mein Rad auf, während ich den Dom besuchte, und gemeinsam verließen wir die Stadt über frühere Bahntrassen, die zu Radwegen geworden waren. Dann wurde es schwierig. Der Weg nach Catania war unklar. Industrieanlagen, Autobahnen, ich verfuhr mich, und kein Mensch war unterwegs. Schadhafte Straßen, in die an den Rändern schon die Vegetation eindrang. Da will einen fast Panik überkommen, denn man ist so alleine. Und die großen Straßen sind Radlern verboten, aber dann fand ich doch die kleine Straße Richtung Catania, und jemand sagte, da sei gerade eine Radlergruppe vorbeigekommen.





Die Cremona-Radler



In Siracusa an der Arethusa-Quelle: der Autor



Catagna, ein Platz

Und die trieb ich auf. Es waren sieben Leute aus der Nähe von Cremona, fünf Männer und zwei Frauen, und wir jagten gemeinsam dahin, auf Catania zu, fotografierten uns auch noch vor dem Ortsschild, bevor wir uns trennten. Auch da kam plötzlich ein Gefühl der Kameraderie auf, der Freundschaft fast, das uns alle einhüllte, und wieder erfuhr ich diese italienische Wärme, die durch die Leidenschaft fürs Fahrrad noch gesteigert wird.





Das Museum für die Malavoglia, mit Alessandra



Eine Hotelterrasse oberhalb von Acitrezza



Kalabrien: Das blaue Meer ist links

Catania war chaotisch, vor allem um vier Uhr nachmittags, aber ich fand hinaus und befand mich dann in Acitrezza und war also wiederum in einem Ort, in dem ein moderner Mythos Siziliens spielt: der 1888 veröffentlichte Roman „I Malavoglia“ (Die Malavoglia) von Giovanni Verga, in dem es um arme Fischer geht. Es ist der grösste Roman des italienischen literarischen Neorealismus. Sogar ein kleines Museum gibt es in Acitrezza, in dem man sieht, wie die Armen vor 150 Jahren lebten.

 

Ich blieb in einem Bed-and-Breakfast, und am nächsten Tag stand plötzlich der Bekannte eines Freundes aus Rom da, Orazio (wie der große Lyriker der Antike), ein Autor und impulsiver Sizilianer, ja, man muss sagen: ein Vulkan! (Da ja der Ätna nördlich von Catania majestätisch dasteht.) Er war nicht alleine: Er hatte seinen 30 Jahre alten weißen Vespa-Roller mitgebracht.



Ich stülpte mir also den Fahrradhelm auf den Kopf, nahm hinter ihm Platz, und hätte ich gewusst, wie und wohin Orazio fährt, ich hätte vorher noch in einer Kapelle gebetet. Orazio fuhr mit mir in ein Radio-Museum, jagte durch alle möglichen Märkte der Stadt, hielt immer mal an und stellte stolz seinen Freund vor, den deutschen Journalisten, und knatterte weiter, fuhr hinein in ein ruinöses Viertel, in dem Prostituierte warteten, weil er da das Drehbuch für einen Film geschrieben hatte, und wir sahen sogar das Anwesen, in dem 1787 Goethe übernachtet hatte.

 

Dann war Mittag, wir aßen am Meer Spaghetti mit schwarzer Tintenfisch-Soße, und danach war ich erschöpft. Mammamia, Orazio, der Vulkan!



Ich glaube, es war der 20. Mai, als ich weiterfuhr, links oben im Dunst den Ätna erahnend, an der Küste entlang und durch Ripoll radelnd, wo Franco Battiato aufwuchs, der große Liedermacher. Es war ein genialer Tag, und schon am frühen Nachmittag befand ich mich in Messina, die Fähre braucht nur 35 Minuten, und drei alte Männer zeigten mir den Weg hoch nach Norden. Denn nun war ich in Kalabrien, Mare e Monti. Meer und Berge, das ist wörtlich zu nehmen. An der Ostküste gibt es kaum Vorland, die Straße läuft Berge hoch, immer nur hoch, und irgendwann war mein Akku alle, und ich blieb in einem Landgasthof zu Häupten des Meeres, und als ich dann weiterfuhr, lag immer links von mir das tiefblaue Meer, und in der Ferne sah ich sogar die Insel Stromboli.



Wenig Autoverkehr. Ich erreichte Tropea, das ja ein „angesagter“ Touristenort sein soll, traf einen deutschen Wanderer auf der Straße und blieb in Zambrano am Meer. Wo dann mein Zelt stand, trennte es nur ein Drahtzaun vom Meer. Man konnte hindurchschlüpfen und hatte seinen einsamen Strand, auf dem drei Liegestühle standen, leider gab es Wolken, und wieder hatte ich einen Tag mit Regen. Doch da gab es wieder einen netten Pizzeria-Besitzer, der mich kurzzeitig in seine Familie aufnahm. Gemeinsam sahen wir uns das Champions-League-Endspiel an.

 

Gut hatte ich mir das ausgedacht und die Karte studiert: Ich konnte nach 40 Kilometern nach Norden auf die kalabrische Westküste überwechseln, es war vermutlich die Stelle, an der Italien am schmalsten ist. Schlechtes Wetter mit Wind herrschte, ich kämpfte mich über die Berge, die jedoch nicht höher als 600 Meter waren. Ich erreichte ein Dorf mit schöner Kirche und ließ mich einfach hinuntertragen, bis ich auf der berüchtigten Staatsstraße (SS) 106 war. Gute Arbeit. Irgendwann hörte ich Rufe und schaute nach links. Da winkten mir zwei Radler, und das waren Wolfgang und Sylvia aus Mindelheim, er mit einem Liegerad (aus Holz; er ist Schreiner), was aller Augen auf sich zog, sie auf einem Normalrad. Da war Sympathie auf den ersten Blick, und wir fuhren gemeinsam weiter und fanden auch einen Campingplatz am Meer.





Sylvia und Wolfgang



Wolfgang mit seinem Lieger



Ich besah mir dann Crotona, die alte griechische Siedlung, auch weil ein Verlag, für den ich schreibe, so heißt. Wie viele Städte in Süditalien sind die Außenbezirke trist und einförmig, während das alte Zentrum und die Promenade am Meer fast schon mondän wirken.




Crotona an der Ostküste



Sylvia und Wolfgang wollten in Cirò Marina bleiben, es gab zwei Campingplätze, und ich als ich ihnen nachfuhr, landete ich zielsicher auf dem ihren. Dann aber wollten sie noch bleiben, und ich wollte weiter. Fuhr weiter auf der hässlichen SS 106 und beendete den Tag auf einem großen Campingplatz im Fichtenwald, der sich zunehmend füllte mit hunderten Schulkindern, die dort verpflegt wurden und tüchtig feierten. Zu essen gebe es nichts, sagte man mir, ich müsse erst warten, ob nach dem ausgedehnten Abendmahl etwas übrig sei. Und Alkohol werde ohnehin nicht verkauft. Ich war hungrig, mopste in einem unbeobachteten Augenblick ein paar Kirschen und etwas Weißbrot, bat dann ein paar Lehrer um Rotwein, den sie mir ausgiebig einschenkten, und ein Abendessen fand sich dann auch noch.

 

Die Staatsstraße war für Fahrräder verboten, aber es ging nicht anders, man musste sich 20 Kilometer lang über das Verbot hinwegsetzen, und dann ging es hinein ins Binnenland. Ich wollte an Matera vorbei und möglichst am selben Abend hinunter nach Trani, damit hätte ich, so wie ich an einem Tag von der kalabrischen Westküste zur Ostküste „gehopst“ war, auch an einem Tag von der Ostküste zur Adria gefahren. Die Straße stieg allmählich an, und in einer menschenleeren Gegend stand eine Tankstelle mit Bar. Besitzer und seine Frau schüttelten den Kopf: „Das schaffen Sie heute nicht mehr“, beschied er mir, Matera sei 60 Kilometer entfernt.

 

Doch ich gebe wenig auf das, was Leute sagen, die nur in ihrer Bar hocken und nicht herauskommen. Tatsächlich war Matera nur 35 Kilometer entfernt, um drei Uhr nachmittags kam ich durch Altavilla, musste eine Stunde in der Ebene gegen heftigen Wind ankämpfen, aber am Abend, um 19 Uhr, rollte ich hinein nach Trani und fand ein Bed-and-Breakfast an einer schönen Piazza. Es war der 30. Mai, und das war im Grunde das Ende der Reise. Nun würde ich am nächsten Tag einen Zug nach Rimini nehmen. Allerdings hieß es am nächsten Tag: Streik. Es fuhren keine Züge. Herumhängen in Trani wollte ich nicht, also bereitete ich mich wieder vor und legte die 80 Kilometer im Flachen nach Foggia zurück, übernachtete dort und nahm einen Zug nach Rimini.

 

Ein paar Tage später noch ein paar hübsche und typische Italien-Erlebnisse. Nahm den Zug nach Como, verpasste aber den Ausstieg und musste an der Grenze aussteigen. Der Schaffner sah mich und meinte, ich solle doch mit demselben Zug zurückfahren und am nächsten Halt aussteigen. Ich hätte keine Fahrkarte, meinte ich, der Deutsche. Er winkte bloß ab. In Como dann traf man wieder ein paar Leute, die alles für unendlich schwierig hielten, ein Campingplatz, keine Rede davon, doch wie zum Hohn sah ich ein paar Minuten später ein Schild und war in Sicherheit, und da traf ich dann ein paar Polen, die mit dem Motorrad unterwegs waren, und wir verstanden uns auch ausgezeichnet. Mit dem Zug von Chiasso weiter, und ein Umsteigen war nötig. Am Bahnsteig näherte sich ein Bahnbeamter, fragte mich, ob ich nach Zürich wolle, und zeigte mir, wo exakt der Gepäckwagen zum Stehen kommen würde. Wie schreibt Rod Driver, ein australischer Bekannter, immer auf seinen Reisen durch Japan und Russland: „Aren’t people nice?“



 

© Text und Fotos Manfred Poser, März 2015


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