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die Rolle der Ärzte im Dopingkomplex und Suchtproblematik



Brissonneau: Ärzte und Doping - die Rollen der Mediziner

 

Christophe Brissonneau ist Forscher am Institut für Sport und Kultur der Universität Paris-X-Nanterre. Als ehemaliger Hochleistungssportler besuchte er in den 80er Jahren das l'Institut national du sport et de l'éducation physique (Insep), die französische Kaderschmiede für Hochleistungssportler.

 

Er befragte Sportler, warum sie dopen und analysiert das Umfeld, das ihr Verhalten beeinflusst. Eine wichtige Rolle spielen die Mediziner, ihnen gilt sein großes Interesse.

 

Am 16.1.2004 beantwortete er in einem Chat der Zeitschrift le Monde Fragen zu seinen Studien. Le Monde veröffentlichte das Gespräch > hier.

 

Brissonneau erläutert seine Erkenntnisse auch hier :Brissonneauu: Ärzte im Zwiespalt. Das Protokoll des Chats ergänzt diese Ausführungen.

 

Auszüge des Chatprotokolls:

 



Die Rolle der Mediziner

om: Haben Sie mit Sportlern, die dopten während ihrer Forschungen gesprochen ?

 

Christian Brissonneau: Vorab, ich werde den Begriff „gedopt“ nicht verwenden. Zum einen gilt, es werden pharmakologische Produkte genommen werden. Zum anderen gibt es gesellschaftliche Gruppen (z. B. die Sportmediziner), die bestimmen, welche dieser pharmakologischen Produkte legal oder illegal sind. So gesehen habe ich Hochleistungssportler getroffen, die ‚legale’ und ‚illegale’ Produkte in großen Mengen nahmen. Wenn man ein wenig die Lebensgeschichten dieser Hochleistungssportler betrachtet, stellt man fest, dass sie mit 10 – 12 Jahren mit dem Sport beginnen. Nachdem ihre außerordentliche Begabung festgestellt wird, nimmt ihr Trainingsumfang mehr und mehr zu: 5 Stunden, 10 Stunden, 15, Stunden, 25 Stunden pro Woche. Sie sind mehr und mehr erschöpft, immer öfter verletzt und bekommen somit immer öfter Medikamente. Die Einnahme von Medikamenten wird für sie zur Normalität. Sie wissen nicht immer warum diese Mittel manchmal verboten sind und warum manchmal nicht. Sie äußerten mir gegenüber, dass sie annehmen, dass es wohl normal sei, wenn man Schmerzen, die aus dem Training resultierten, mit Medikamente behandle. Doch sie seien gegen Doping, denn entsprechend der Definition gefährde Doping die Gesundheit und vielleicht sogar die Ethik? Aus diesem Grund sind sie gegen die Einnahme dieser Produkte bei Jugendlichen und Amateuren.

 

Darius: Wie lautet die wissenschaftliche Definition von Doping?

 

CB: Es gibt keine wissenschaftliche Dopingdefinition. Die Definition verändert sich seit 40 Jahren ununterbrochen. Abhängig vom Auftauchen neuer Produkte, neuer Trainingsmethoden, einige wurden verboten, wie die Bluttransfusionen. Zudem wird Doping von verschiedenen Sportmedizinergruppen unterschiedlich definiert. Da gibt es die Kliniker, die den Sportlern sehr nahe stehen und diese betreuen. Dann gibt es die Forscher, die die Sportler als Laborratten betrachten. Diese beiden Sportmediziner-Gruppen haben unterschiedliche Doping-Definitionen. Dann gibt es noch den geographischen Faktor: Französische Sportmediziner haben eine andere Vorstellung vom Sport, von seinen Werten und dem Doping, als sowjetische es hatten. Wenn man die Diskussionen der medizinischen Forscher studiert, stellt man fest, dass der Gesichtspunkt des Betruges schnell in den Vordergrund rückt, über die Gesundheit wird wenig gesprochen. Hört man aber den Sportmedizinern, die den Sportlern nahe stehen, zu, dann stellt man fest, dass der Gesundheitsaspekt in den Vordergrund rückt. Aus dieser Gruppe der Sportmediziner kommen auch jene Mediziner, die sich für den ‚Hormonalen Ausgleich’ ("rééquilibrage hormonal“) stark machen.

 



Die Mediziner

Darius : Könnten Sie auf diese beiden Medizinerfraktionen näher eingehen ? Das ist interessant, Kliniker, Forscher …

 

CB : In den 60er Jahren waren es die Kliniker, die den Sportlern nahe standen, die deren pharmakologischen Praktiken und Malaisen kannten und auch die Toten sahen. Sie informierten die Öffentlichkeit darüber. Der gaullistische Staat bat die Sportmediziner darum, den Hochleistungssportlern zu helfen ihre Höchstleistungen zu erreichen. Es kommen die ersten Sportmediziner hinzu, die sich auf Leistungsphysiologie spezialisierten und entsprechende Forschungen vornahmen. Sie führten Methodiken ein, mit denen sie versuchten die physiologischen Antriebskräfte der Hochleistungssportler zu finden. So entstand auch das Konzept des VO2 max. Dabei handelt es sich um das maximale Sauerstoffvolumen: Je mehr Sauerstoff ein Sportler im Körper transportieren kann, desto leistungsfähiger ist er. Diese Physiologen bestimmen, wann Doping beginnt und nehmen auch den Antidopingkampf in die Hand. Während dieser Zeit kümmern sich die Kliniker direkt um die Sportler, die mehr und mehr erschöpft und verletzt werden und pflegen und heilen sie. Diese Mediziner nehmen an den Schmerzen, den Freuden, den Leiden teil. Sie beginnen zu „verstehen“ warum diese Sportler sich erholen müssen und möchten ihren Hormonhaushalt wieder herstellen (mit der Gabe von Anabolika und geringen Cortisondosen).

 

Thomas: Wie ist die Rolle der Ärzte einzuschätzen? Sind sie alle korrupt?

 

CB: Ich habe tatsächlich gewisse Mediziner gesehen, die ihre Rezepte sehr teuer verkaufen. Aber das Spezifische an diesem Ärztetyp ist, dass sie oft selbst ehemalige Sportler sind, den Sport sehr lieben. Sie teilen die Leidenschaft ihrer Patienten. Sie sind von diesen außergewöhnlichen Menschen fasziniert und möchten diesen helfen. Möchten deren Trainer ersetzen und sie daher pharmakologisch unterstützen. Weil sie die Technik beherrschen, denken sie, zu recht oder Unrecht, dass sie das Verhältnis Leistung/Risiken bezogen auf die Gesundheit optimieren können. Diese Sportmediziner stehen ihren Patienten extrem nahe, wie ich bereits sagte, sie verstehen diese. So kann ich nicht sagen, dass sie alle korrupt sind. Aber ich möchte sagen, dass diese Art der Medizin eine ‚Nischenmedizin’ ist. Es ist eine Medizin der Leistungssteigerung. Trotzdem spricht man von Sportmedizin. Aber man muss sehr wohl unterscheiden zwischen Sportmedizinern, die sich um Sportler kümmern, die weniger als 10 Stunden wöchentlich trainieren und Medizinern, die sich um Hochleistungssportler kümmern, die 20 oder 30 Stunden pro Woche trainieren. Sie haben Patienten, die nicht derselben Logik gehorchen.

 

Arlette: Befinden sich die Trainer und die Mediziner miteinander in einem starken Konflikt? Die einen sind die Guten, die anderen die Schlechten? Ist ihre Sichtweise nicht etwas einseitig?

 

Darius: Besteht eine Konkurrenz zwischen Trainern und Medizinern?

 

CB : Meine These (die ich auf 450 Seiten darlege) besagt, nicht alles ist schwarz, nicht alles ist weiß. Es gibt eine breite Palette von Medizinern, zwischen denen, die gegen Doping sind und jenen, die sehr viel verabreichen. Ich mache schon den Unterschied zwischen den Sportärzten. Wenn ich von der “Sportmedizin“ spreche, denke ich vor allem an die „großen“, die verantwortlichen Sportmediziner, die meist Leistungsphysiologen sind. Sie stehen den Leiden der Sportler fern, haben Abstand, sie bestimmen, was gut und was schlecht für die Hochleistungssportler ist. Diese Leistungsphysiologen träumen davon, dass ihre Forschungsergebnisse ungesetzt werden. Und damit stehen sie in Konkurrenz zu den Trainern. Man kann eine Rivalität zwischen ‚mehrfach qualifizierten’ (hyperdiplômés) Medizinern und Trainern feststellen, die letztlich wenig wissenschaftliche Kenntnisse haben. Sie leben von ihren empirischen Kenntnissen, die wissenschaftlich nicht anerkannt werden. Seit 1950 findet man in der medizinischen Literatur den Wunsch den Trainern zu helfen, sie auch zu ersetzen.

 



die Medikamente

Harry: Seit wann gibt es Doping im Profi-Hochleistungsport? Seit Anfang der 90er Jahre oder schon früher?

 

CB: Wenn man nach den Gesetzen geht, beginnt das Doping 1965, denn da gab es das erste Anti-Doping-Gesetz (in Frankreich). Das was davor geschah, war somit kein Doping. In den 50er Jahren stellte man fest, dass die Straßenradfahrer enorme Mengen zu sich nahmen. Die verschiedenen Sportarten kamen zunehmend damit in Berührung. Für mich begann eine neue Dopingära Mitte der 80er Jahre. Das (große) Geld begann zu fließen, Privatunternehmen übernahmen die Clubs (Vereine) und verlangten zwingend Leistungen. Dafür wurden die besten Trainer, die besten Mechaniker im Radsport und die besten Mediziner beschäftigt. Man kann z. B. feststellen, dass bis dahin die großen Champions wie Hinault oder LeMond eher wenig vernünftig, gemessen an den vorliegenden wissenschaftlichen Kenntnissen, trainierten. Als die Sportmediziner kamen, mussten die Radsportler lernen, „vernünftig“ zu trainieren.

 

Anstelle täglich 6 Stunden lang auf dem Rad immer dasselbe zu tun, müssen sie nun Listungs-Intervalle einlegen. (séances de "lactique" ). Sie entdeckten das Muskeltraining. Das alles bringt das biologische System durcheinander. Ihre Körper, werden, da ermüdet, traumatisiert und verlangen nach Ruhephasen. Da diese aber auf diesem hohen Niveau nicht möglich sind, ging man dazu über Anabolika und Cortison zu nehmen. Das Training wurde vollständig rational. Aus dieser Zeit habe ich den Doping-Trainingsplan eines sehr großen französischen Sportlers gesehen, der in Italien trainierte. Er bezahlte dafür 400 000 FF im Jahr. Die Mediziner, die er dort konsultierte, haben ihm seine Herzrhytmusfrequenzen, die er erreichen sollte, vorgeschrieben, seine Trittfrequenz, die Mengen der Dopingsubstanzen, die nötig waren um die Trainingseinheiten zu schaffen. Das Ergebnis war eine der weltbesten Leistungen.

 

Thomas: Wer war der Sportler? Wann war das?

 

CB: da ich Forscher bin, interessiert mich die Person nicht sondern der Mechanismus. Ich möchte wissen, warum die Radfahrer entweder damit aufhören, ein Kreuz machen nach 10 Jahre Training, das sie auf Hochleistungsniveau bringen sollte oder weiter machen und dafür alle Möglichkeiten der Pharmakologie (legal und illegal) nutzen.

 

Riton: Enthüllte Ihre Arbeit Neues? Überraschte Sie das Geständnis von John McEnroe ?

 

CB : Für meine Arbeit benutzte ich 20 Jahre alte Zeitungsartikel, z. B. aus der Equipe. Man kann erkennen, dass die Mediziner das ‚hormonelle Gleichgewicht’ wichtig einschätzten. (In Deutschland sprach man von der hormonellen Substitution). Einige von ihnen übernahmen später die Verantwortung im französischen Antidopingkampf. Das heißt nicht unbedingt, dass sie für Doping waren, aber sie vertraten die Auffassung, dass die Einnahme von Medikamenten für Hochleistungssportler nötig sei. Sie lehnen Doping bei Amateuren und Jugendlichen ab, das sind immerhin 98% aller Sportler, für die diese Dopinglogik nicht gilt. Dann habe ich festgestellt, dass einige Sportärzte versucht haben mit speziellen maßnahmen Hochleistungssportlern dabei zu helfen, Medaillen für Frankreich im Kampf gegen die Sportler des Ostblocks zu gewinnen.

Sie unterstellten, dass ihre Kompetenz die Gesundheitsrisiken der Sportler minimieren würden. Für McEnroe gilt, dass im Tennis wie im Radsport und der Leichtathletik, das große Geld in den 80er Jahren Einzug gehalten hat. Die Tennisspieler wandten sich an die Präparatoren, durch welche sie lernten, die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit auszuloten. Verständlicherweise wünschen sich die Tennisspieler ebenso wie die Radfahrer, so schnell wie möglich zu regenerieren und die Schmerzen zu verlieren. Als Lösung bot sich hier auch die Wiederherstellung des ‚homonellen Gleichgewichts’ (bzw. anabole Steroide) an.

 



Schlussfolgerungen

Ranky: Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Studie?

 

CB: Wenn man meine Untersuchung liest, stellt man an den Äußerungen der Gedopten fest, dass Doping normal ist. Sie sehen keine Möglichkeit, daraus zu entkommen. Für sie scheint dies in der Logik des Hochleistungssports zu liegen.

So gesehen, kann ich keine Lösungsvorschläge anbieten. Nach der Festina-Affaire haben einige Mediziner, die im Kampf gegen dieses Suchtverhalten engagiert sind, vorgeschlagen, die Risiken des Hochleistungssports insgesamt zu verringern. Ich als Soziologe und Lehrer sehe die Gefahr vielleicht eher bei den Jugendlichen und den Amateuren, die ca. 15 Millionen Lizenzen besitzen. Sie unterliegen der Logik des Hochleistungssports - gewinnen um jeden Preis - nicht. Sie haben die Kenntnisse nicht, die man für die Anwendung der Medikamente benötigt. Zudem ist die Qualität der Produkte nicht immer bekannt. Aber man muss feststellen, dass die ministeriellen Gelder, die in den Antidopingkampf gesteckt werden, eher dem Hochleistungssport zugute kommen als der Mehrheit der Sportler.

 

Abc : Wie kann ein Sportler eine Unterscheidung treffen zwischen einer „normalen“ Behandlung und einer , die Dopen bedeutet?

 

CB: Das wird durch das Gesetz geregelt: Das Gesetz sagt, was Doping ist und was nicht. Ich habe festgestellt, dass viele Sportler große Mengen legaler Mittel zu sich nehmen. Auch wenn man da nicht von Doping spricht, sind diese Mittel recht gefährlich für die Gesundheit.

 

Rachid : Warum ist Doping verboten? Um die Gesundheit der Athleten zu schützen? Mir scheint, dass die Praxis einiger Sportarten (z. B. Mohamed Ali) gefährlicher ist als die Einnahme von Cannabis vor einer Sportveranstaltung. Ist es um etwas mehr Gleichheit unter den Sportlern herzustellen? Ich denke, dass die Ausrüstungsunterschiede zwischen den Sportlern bereits einen Graben ziehen (z.B. das Rad von Armstrong).

 

CB: Das Problem ist, dass der Hochleistungssport für sich genommen schon hohe physische Risiken mit sich bringt. Manche Stürze der Radsportler sind tödlich, ebenso wie manche Boxschläge. Aus diesem Grund meinen die Hochleistungssportler, dass ihre risikobehafteten Aktivitäten sie krankmachen können und dass es daher besser sei, Dopingprodukte zu nehmen, die ihnen helfen gesund zu bleiben.

 

Darius: Man sagt, Doping sei schlecht für die Gesundheit. Wenn man liest, was Sie sagen, ist es eher der Hochleistungssport selbst.

 

CB : Ja, Sport mit Trainingseinheiten von 10 bis 20 Stunden pro Woche ist schlecht für die Gesundheit (Veränderung des biologischen Gleichgewichts, Probleme mit den Sehnen, Knochenbrüche). Ich bin der Meinung, es ist der excessive Gebrauch von Medikamenten, der für die Gesundheit schädlich ist.

 

Rvcaere: Ich verstehe Sie so, dass die Sportler keine Wahl haben!

 

CB: In einigen Sportarten werden auf Hochleistungsniveau alle Trainingstechniken genutzt und dennoch stellt sich den Sportlern die Frage nach der Pharmakologie. Andere Sportarten, wie Volley-Ball und Baseball sind in Frankreich noch nicht so weit.

 

Rita: Wenn man morgen wissenschaftlich feststellen wird, dass der Körper eigene dopingrelevante Substanzen herstellen kann, was würde das für die Dopingtests bedeuten?

 

CB: Der Körper produziert schon Doping-Substanzen wie z. B. Testosteron. Training kann die Produktion von Testosteron ankurbeln. Die Menschen, die die Gesetze machen, nehmen an, dass es illegal ist, zusätzlich Testosteron zu geben. Hier stellt sich die Frage, was ist natürlich. Die Sportler, die sich dopen, sagten mir: Finden Sie, dass Training etwas Natürliches ist? Tonnen von Gewichten während des Trainings auf die Schultern zu laden während des Trainings, oder nach einem Rennen sich zu übergeben, ist das natürlich? Ist das gesund? So gesehen, passt Doping in die Logik des Sports und zum Hochleistungstraining.

 

ABC : Haben Sie gedopt oder waren Sie in Versuchung, als sie selbst Hochleistungssportler waren ?

 

CB: Ich trainierte 10mal die Woche. Abends, nach 17 Uhr sah ich Sterne vor den Augen. Fast hätte ich ein Bein amputiert bekommen wegen einer Blutvergiftung. So war der Sport schon Mitte der 80er Jahre. Ich nahm nicht viele legale Mittel. Daher bin ich an diese Grenzen geraten. Ich habe keinen illegalen Substanzen genommen. Fast hätte ich meine physische und psychische Gesundheit verloren. Aufgrund dieser Erfahrung und aufgrund meiner Studie weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Ich möchte damit hier enden indem ich unterstreiche, dass man der Dopingrealität bei den Jugendlichen und den Amateuren die meiste Aufmerksamkeit widmen sollte (…)

 


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