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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser - manipogo



Spanien - Jeden Abend auf einem anderen Planeten?



I. Die spanische Ostküste hinunter

Die französischen Schnellzüge, die TGVs (trains à grand vitesse) nehmen – anders als die deutschen ICEs – Fahrräder mit. Von Mülhausen (Mulhouse) kommt man in 5 Stunden und für rund 100 Euro nach Montpellier, und da ist man gleich am Meer. Ich nahm noch einen Zug weiter, nach Perpignan, und da fuhr ich eines strahlenden Morgens Ende Februar los, die Küste entlang in Richtung Barcelona.




Unterwegs zur spanischen Grenze



Roses hieß er erste Touristenort am Meer, an dem ich nächtigte, und da war schon alles beisammen: ein Boden hart wie Beton und eine Nacht mit 3 Grad, in der ich fror wie ein Schneider. Schon war ich verschnupft. Die Steilküste östlich von Barcelona fordert dann alles vom Fahrer, Lloret del Mar lag dann in zu weiter Ferne: In Tossa blieb ich, Pension Anna. Da war’s wenigstens warm, an der Bar standen immer ein paar alte Männer und schauten Fußball, und mit dem Segen und einem dicken Sandwich der Pensionswirtin kam ich bis Masnou vor Barcelona. Da blieb ich zwei Tage und fuhr mit dem Zug in die Stadt, aber der Touristenrummel ist grausam, und man ist zu viel zu Fuß auf Asphalt unterwegs.

 

Den Weg auf dem Rad durch Barcelona zeigte mir José-Lluis, ein junger Mountainbiker, der erst zugeknöpft schien, dann aber immer fröhlicher wurde und mich zur Diagonal brachte, einer Straße, die – der Name sagt es – quer durch die katalanische Metropole verläuft. Danach fand ich mich plötzlich auf einer Autobahn wieder, die Fahrrädern verboten war und landete nach 60 Kilometern auf einer Nationalstraße durchs Nirgendwo im Hotel Via Augusta. Da gab’s ein wunderbares Menü (Spaghetti bolognese, Hühnchen, Flan, einen halben Liter Roten) für 10 Euro. Tags drauf durch Tarragona, und ich stieß auf ein Schild: Valencia 243 km. Viele Vierzigtonner rollten an mir vorbei. Sie wollen sich die Maut für die Autobahn nebenan sparen. Doch die Nationalstraßen (carretera nacional) besitzen einen breiten Seitenstreifen, man ist nie in Gefahr. Es nervt bloß.




José-Lluis, der brave Führer durch Barcelona.



Viñaroz am Meer war die nächste Station. Der Cuxhavener Wirt, der die deutsche Fahne vor seiner Kneipe hängen hatte, sprach zum ersten Mal das Wort Krise aus. Um neun Uhr kämen sonst immer die Spanier zum Abendessen; nun nicht. Aber: die Sonne! Die Berge! Das Meer! Hört man immer. Deutsche und Niederländer wollen anscheinend nur ihren Bauch an die Sonne halten. „Wir fahren nun nach Portugal. – Wir sind seit drei Monaten hier. – Wir waren lange in Malaga und hatten in drei Monaten nur drei Tage mit Regen.“ Was will der Mensch mehr?

 

100 Kilometer weiter (das war meine Tagesleistung) fädelte ich mich hinein nach Sagunt. Ich nahm die billigste Pension, Avenida, und 20 Euro kostete das Zimmer. Die Besitzerin erzählte mir viel: Sagunt gab es schon unter den Römern, danach war es 700 Jahre unter der (milden) Herrschaft des Islam. Ja, 711 eroberte der Halbmond die Halbinsel, doch 500 Jahre später rollten die Reyes cattolicos, die spanischen Könige, von oben her ihr Land auf, eroberten Region für Region zurück.




Scipio, der römische Verwalter Sagunts



Am Ende blieb nur noch Granada, und eine Laune der Geschichte wollte es, dass sich im Jahr 1492 drei große Ereignisse vollzogen: Amerika wurde durch Christoph Kolumbus entdeckt, auf Geheiß von Ferdinand und Isabell, des spanischen katholischen Königspaars; im selben Jahr wiesen sie die Juden aus dem Land und verjagten die Mohammedaner aus Granada. Alles 1492.

 

Am nächsten Tag Anfang März durch Valencia. Ich erinnere mich an einen Studenten und seine Partnerin, die an einer Ampel sich im Tanz drehten und dabei glücklich lachten. Ich fand den Radweg am Meer entlang und noch weiter südlich, nach Oliva.

Da war ein Luxuscampingplatz, in dem ich meine Sachen waschen konnte, aber die Parzelle zu mieten war teuer. Immerhin lag hinter einem Hügel gleich das Meer. Der Boden wie immer hart wie Beton. Man verbiegt sich seine Heringe.




Zelt mit Katze.



Durch Alicante. Santa Pola hat einen Campingplatz mit 500 Standplätzen. Man sollte einmal nachrechnen, was da täglich eingenommen wird, wenn nur 100 besetzt sind: 2000 Euro. Macht 60000 Euro im Monat. Die ausgedehnte Promenade und die Stadt waren leer. An Ostern geht es richtig los, danach wieder etwas Ruhe, und im Hochsommer kriegt man da keinen Parkplatz mehr. Kann man sich kaum vorstellen. An Immobilienmaklern ist kein Mangel, und wer mag, mietet da ein hübsches Apartment schon für 350 Euro oder kauft sich eins für 50000. Immer gutes Wetter!




Abendstimmung in Santa Pola.



Das Meer
in Santa Pola.



II. Die großartige Landschaft im Landesinneren

Cartagena ist ein magischer Name. Ich stieg, vom Touristenbüro überwiesen, in einer ruhigen Pension gleich beim römischen Amphitheater ab. Ja, das tourist office findet man immer rasch, und man wird nett bedient. Südlich von Valencia sind die Campingplätze immer offen, man kann immer heiß duschen, und Toilettenpapier gibt es auch (was ich sage, weil das in Süditalien nicht immer garantiert ist). Die Preise der kleinen Pensionen sind fair (von 20 bis 30 Euro), und das Essen kostet auch nicht viel. Im Landesinneren bekommt man ein kleines Bier mit Tapas für 1,60 Euro, der Milchkaffee (Café con leche) kommt auf 1,30 (was ich sage, weil das alles in Frankreich und Italien viel mehr kostet).




Cartagena by night



Aguilas ist schon ganz weit unten. Nun hinüber nach Granada, es waren noch 200 Kilometer. Die Nationalstraße, die auf meiner Karte niedlich wirkte, entpuppte sich als nagelneue Schnellstraße, die Rädern die Benutzung verbot. 30 Kilometer weiter war wieder Ende, das Geld war ausgegangen. Die Spanier müssen im Straßenbau Milliarden verbraten haben, denn sie wollen immer alles riesengroß haben. Wir sind ja wer! Also legten sie wahre Rollfelder durchs Land, denen aber die Autos fehlen. Der Radler aber soll auf dem Via de servicio nebenan dahinhoppeln, streng von der Straße durch einen lückenlosen Zaun getrennt. Da sind sie exakt, die Spanier, und auf die öffentliche Ordnung achten sie auch. Es ist viel Polizei und Guardia Civil unterwegs. Die 100 Kilometer nach Granada sahen ganz nach durchgängig Autobahn aus, außerdem war’s mir zu weit, und schon wieder eine Stadt!







Fahrt durch das verlassene Spanien.

Ich befuhr eine kleine Straße, und so wurden die nächsten fünf Tage hoch nach Norden durch Naturschutzgebiete die schönsten meiner Reise, auf denen ich insgesamt an 22 Tagen gefahren sein mochte mit insgesamt 2000 Kilometern. Die Landschaft war so, wie man sie aus den US-Western kennt oder aus Colorado: alles kahl und karg, rötlicher Boden, Kegelberge, Stauseen (espaldes) mit dunkelblauem Wasser, Schluchten und weite Täler. Manchmal trieben Windstöße ineinander geflochtene Binsen über die Straße, in Ballen, auch das wie im Western.

 

Jeder Tag stahlblauer Himmel, aber bei nur 14 Grad mit Wind. In Serón blieb ich in Pablos Pension, der mir von seiner Band erzählte, in der er Schlagzeug spiele, während seine gebrechliche Mutter eine wahre Suite herrichtete (die dann 20 kostete, und das 10-Eurto-Menü war lecker). Weiter durch unwirtliches Land mit spärlichen Autos nach Huesa.

 

Das ist das Schöne an Radreisen: Du bist jeden Abend auf einem anderen Planeten. Du bist müde und sagst dir: Im nächsten Ort suche ich mir was. Bis dorthin und nicht weiter! Also das Hotel de la Sierra. Du schaffst deine Siebensachen (4 Ortlieb-Taschen, Schlafsack, Zelt und Unterlage) aufs Zimmer, duschst und gehst dann gleich aus, auch wenn vor Huesa noch 9 Prozent Steigung auf einem Kilometer gelegen hatten. In den Stadtpark; dann zum Paseo mit den Bars und den Männern; hoch mit ein paar alten Frauen zur Kirche, wo der Abendgottesdienst begann; auf und nieder die langen Straßen, in der Bar des Hotels ein Sandwich, und was da für ein Lärm war! Spanier sind laut, viele waren angetrunken, manche rauchten verbotenerweise, und unterhaltsam war’s.





Huesa



Von der Sierra Morena hinunter ins Tal gesehen.



Schnurgerade Straße nach Valdepenas

In La Carolina stieg ich wieder in einer netten halb verfallenen Hotel ab, und dann wollte ich eigentlich auf der Schnellstraße nach Ciudad Real, in die königliche Stadt. Aber auf Radreisen kommt es manchmal anders. Die Verkäuferin eines Keramikladens warnte mich vor der Polizei; ich solle besser über den Pass, und so mühte ich mich auf einer traumhaften kleinen Serpentinenstraße die Sierra Morena hoch, in totaler Einsamkeit. Ein Bier als Lohn in Aldeaquemada (konnte in Mexioko sein, fehlten nur die Leute mit Sombreros), und dann schnurgerade durch schütter bewachsenes Land nach Valdepeñas. Da sichtete ich zwei hervorragende Fahrradläden, und ein junger Mitarbeiter pumpte meine Reifen wieder auf 5 atü auf. Abends viel Treiben in der Stadt: Kirchgang und Spaziergang. Das kleine Hotel war streng spanisch eingerichtet und verfügte über einen Patio mit asiatischen Plastiken, in dem ich hinterher schön rauchen und trinken konnte, und ein Spanier, der fünf Jahre bei Fulda-Reifen in Fulda gearbeitet hatte, leistete mir Gesellschaft.

 

Am nächsten Tag war die junge Frau an der Rezeption nett und immer netter; als Radfahrer hat man eben die Campingplatzchefs und Pensionswirtinnen als Ansprechpartner, und da entstand oft sehr starke Sympathie ... ob das die Frau in Sagunt war, die mir eine Kappe mit dem Logo ihres Hotels mitgab, Isabell vom Camping Kikopark, die unentwegt plaudernde Argentinierin Gladys in Cartagena, der Mann am Camping in Toledo, der sofort strahlte, wenn er mich sah, die nette Frau einer Tankstelle im Niemandsland oder, nicht zu vergessen, am Ende meiner Reise Sabine von der Bäckerei St. Jean in Marseillan-Plage, ein hübsches Mädchen, das ich am liebsten mitgenommen hätte. Mein Spanisch wurde auch immer besser, es ist eigentlich ein Italienisch mit etwas anderen Worten, die man bald im Repertoire hat.



III. Toledo, la Mancha, die Rückkehr

Über Los Yébenes erreichte ich Toledo, blieb zwei Tage, um meine Sachen zu waschen, aber irgendwie war ich nicht mehr so in Form. Zwei Bekannte hatten mir von ihrem Traum Toledo erzählt. Es muss wohl der Name und der Mythos sein. Die Stadt ist wuchtig auf den Hügel gebaut, aber für jede Kirche wollen sie Eintritt, und es gibt zwei Dutzend Ramschläden. Ich bewegte mich um Madrid herum und kam dabei durch Aranjuez, das mir sehr gefiel wegen seiner weiten Plätze, Parks und Residenzen.







Zeugnisse für die Kraft der Literatur: Don Quijotte und Sancho Pansa

Arganda del Rey war dann wieder so ein Planet: Kirche mit kitschigen Plastiken; ein ovalförmiger Platz mit 4 Bars, 2 Bäckereien, 2 Lebesmittelläden und dem Metzger. Einfache Gebäude, einfach gekleidete Menschen, viele Rumänen und Asiaten, die Männer in den Bars ... Man trinkt ein Bier und schaut, was draußen passiert. Man fühlt sich den Menschen verbunden. Sie leben da und gehen nicht weg. Madrid liegt 25 Kilometer weiter, da kann man mal hinfahren. Sonst heiraten und Kinder zeugen. Und abends in die Bar. Früher ist man mit der Familie von Freitag bis Sonntag stets ins Restaurant gegangen. Aber heute: die Krise.

 

Dann wird es flach. Um Madrid herum erstreckt sich die Mancha. In Valdepeñas fand ich eine Statue für Don Quijotte, und in Toledo steht ein Standbild Miguel de Cervantes, der Anfang des 17. Jahrhunderts den Don Quijotte verfasste, den ersten Roman der Neuzeit. Der „Ritter von der traurigen Gestalt“ mit seinem Kompagnon Sancho Pansa (Karl May hat ihm vielleicht Hadschi Halef Omar nachgebildet, der Old Shatterhand zur Seite steht) ist in der ganzen Region präsent, nach 400 Jahren noch. Literatur ist unvergänglich.



Am Tag darauf traf ich einen alten Mountainbiker, der, als hätte er meine Gedanken gelesen, davon sprach, ich könne auch einen Zug nehmen, nach Zaragoza, zum Beispiel von Sigüenza. So kam es auch. Ich war um sechs Uhr abends in einen ziemlich trübsinnigen Ort vorgestoßen, dessen beide Hotels wegen einer Hochzeit ausgebucht waren. Doch da gab es die Bahnlinie und um 18.27 Uhr einen Zug nach Sigüenza. Ich schob das Rad in den kleinen Zug, und der Schaffner wollte 3 Euro für die 30 Kilometer und war ein ganz netter Mann wie auch alle Schaffner in Italien. Es war wie im Mythos, wo die Göttin den Helden aus der Schlacht herausnimmt. Der Zug holte mich weg.




Sigüenza



Sigüenza ist ein Ort auf 988 Metern Höhe. Morgens ist es frisch, und der Wind pfeift durch die Gassen mit ihren Steinhäusern. Links steht achtunggebietend die Kathedrale, rechts oben thront ein Kastell. Sonntag früh ist der Ort verlassen. Ich nahm den Zug um 11.50 Uhr nach Zaragoza, und um 14 Uhr war ich da. Gut gemacht, denn die Außentemperatur betrug 6 Grad. Zaragoza klingt auch schön, das kann man sich anschauen, aber dann weiter nach Fraga. Dort war ich der einzige Gast des Ehepaars am Campingplatz mit den beiden gutmütigen Schäferhunden, doch in der Nacht fing es zu regnen an. Und wie! Am nächsten Tag also im Regen die 40 Kilometer nach Lleida, drei Stunden warten auf den Zug nach Manresa; dort in die Jugendherberge (20 Euro).




Zaragoza, der Hauptplatz mit der barocken Kathedrale



Da war ich schon drei Wochen unterwegs, und wieder irrte ich mit dem Rad und Gepäck umher. Wieder eine blöde Schnellstraße nach Vic, die man nicht nehmen durfte, und ich hatte die Faxen dicke und fuhr zum Bahnhof, wo mir ein netter Wachmann, der sich langweilte, weiterhalf. Ich ließ mich also wieder mit dem Zug transportieren, nach Sabadell, und von dort aus war alles leicht: Sonne und Rückenwind bis Girona. Jugendherberge. Ein kalter Abend. Der Gedanke, aus dieser großen Stadt wieder hinausfahren zu müssen, machte mich nicht froh. Ich nahm den Zug ... und als ich zum Bahnhof fuhr, kreuzte ein schwer beladener Radler mit knallroten Ortlieb-Taschen meinen Weg: der erste nach vier Wochen unterwegs!

 

Es war der junge Neuseeländer Dave Collett, an seinem dritten Reisetag. Er will zwei bis drei Jahre unterwegs sein, erst einmal sechs Monate in Europa. Auf http://dc-onabike.com kann jeder verfolgen, wo er sich gerade aufhält, und vielleicht schreibt ihr ihm mal eine ermutigende Botschaft!




Dave Collett am Beginn seines großen Abenteuers.



Die Reise war zu Ende, ich wollte noch drei Tage an einem Campingplatz am Meer verbringen (in Marseillan-Plage, einem Touristenort, der gerade für die Ostertage hergerichtet wurde). Da war ich also, kaufte bei Sabine meine baguettes und nahm dann einen Zug von Montpellier zurück nach Mülhausen.

 

Nichts gelesen in den vier Wochen, auf vielen verschiedenen Planeten gewesen, als hätte mich ein Raumschiff abgesetzt. Man wird kein anderer dadurch, aber man erlebt ein Spanien, das die Leute an der Küste, die ihren Bauch nur an die Sonne halten, nicht kennen. Ein Rhythmus dringt in dich ein, und du erinnerst dich freudig an alle Begegnungen. Die Rennradler an den Sonntagen grüßten mich und gaben mir Mut. Reisen kann dir das Gefühl geben, dass die ganze Welt eine einzige Familie ist, dass guter Wille und Sympathie herrschen, und dieses Gefühl trägt dich eine ganze Weile weiter und wird zur Gewissheit. Der Mensch ist gut. Alles ist gut.

 




Rue de l’amour, gesehen in Marseillan-Ville



 

© Text und Fotos Manfred Poser, April 2012


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