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Radlerprosa



etc. PP - Posers Prosa

Ernstes, Lustiges, Skurriles von Radsportfan Manfred Poser



Apulien - Zu den weißen Städten. Auf schlechten Straßen


Ich war fünf Wochen mit dem Rad in Italien unterwegs, von Nord nach Süd, und drei Wochen davon in Apulien. Das ist die Region, die den Absatz des italienischen Stiefels einnimmt, und zieht man dem Land den Stiefel aus, könnte man sagen: Ferse, Knöchel und der hintere Teil der Wade. Apulien hat über 400 Kilometer Küstenlinie und viele Burgen und Kirchen. Fernradler habe ich nicht viele getroffen. Andy aus London war seit zwei Monaten im Süden unterwegs, in Rimini stieß ich auf einen Holländer und einen weißen Simbabwer, und in der Toskana und Umbrien fuhren ein paar Schweizerinnen herum.

 

Der Nachtzug von Rom nach München aber füllte sich immer mehr mit Radfahrern: In Florenz, Bologna und Verona stiegen viele zu. 90 Prozent der Touristen und auch der Radtouristen bleiben im nördlichen Italien, etwa oberhalb Roms. Der Süden: oho. Mafia, Camorra, Kriminalität, Schmutz, Gefahr. Mich haben ein paar befreundete Damen aus Mailand gewarnt, ich möge bloß schön aufpassen, und viele Apulier haben mir eingeschärft, ja mein Rad nicht aus den Augen zu lassen. Ist aber nichts passiert, und ich kann mich an keine kritische Situation erinnern.



Etwas Taktik und Technik

Vielleicht zu Beginn ein paar technische Anmerkungen. Ich hatte mein Rad gut bepackt: vier Ortlieb-Taschen (die zwei „Frontroller“ plus zwei Taschen hinten, alle vier im klassischen Rot), Lenkertasche (blau), zudem auf dem Gepäckträger Zelt, Schlafsack und Unterlage. Es werden insgesamt vielleicht 25 bis 30 Kilogramm Gewicht gewesen sein. Es war meine dritte größere Reise mit viel Gepäck (nach Ungarn 2008 und Schweden 2010). Die Last lässt sich bewegen, und wenn ein Anstieg kommt, legt man die Kette eben auf das kleinste der vorderen drei Blätter.





Ich habe meistens 100 Kilometer am Tag zurückgelegt, manchmal auch mehr. Leider überschätze ich mich bisweilen; oder vielleicht sollte ich sagen: Ich unterschätze die Strecke und die benötigte Zeit. Immer wieder mache ich diesen Fehler. In Orvieto telefonierte ich mit einem guten Freund aus Rom, der das Latium wie seine Westentasche kennt, aber ich musste seine Ratschläge natürlich in den Wind schlagen ... Das Tibertal entlang wäre es eine gemütliche Fahrt im Flachen nach Rom geworden. Ich aber nahm den Weg quer über die Berge und durch Dörfer mit dem Ergebnis, dass ich um fünf Uhr nachmittags noch 40 Kilometer auf der Via Flaminia vor mir hatte und erst nach acht die Außenbezirke der Ewigen Stadt erreichte, und dann fehlen noch einmal zehn Kilometer mit all dem Verkehr. Das hatte Folgen und bringt mich zu einem Rat ...

 

Die Frontroller sollten wirklich enger gepackt sein als die hinteren Taschen. Denn sie verbreitern das ganze Rad und zwar dort, wo es ungewohnt ist. Dann reicht eine kleine Unaufmerksamkeit ... In Rom blieb ich dann kurz vor dem Ziel mit der linken Vordertasche an der Bank einer Bushaltestelle hängen, und schon flog ich nach rechts vom Rad auf die Nase. Ein vorbeitrabender Jogger half mir mit spielerischer Leichtigkeit wieder auf die Beine. Zum Glück trug ich nur einen kleinen Bluterguss oberhalb der Kniescheibe davon. Zehn Tage später berührte ich mit der rechten Vordertasche den Tomatenstand eines Gemüsehändlers, taumelte links einem Baum entgegen und sank einer jungen Frau in die Arme, die nichts ahnend mir entgegenkam.

 

Auch in Italien kann es regnen. Ich habe die Regensachen in der vorderen linken Tasche, und darunter ist auch ein geräumiger blauer Müllsack. Wenn es stärker regnet, stecke ich Schlafsack, Zelt und Unterlage da hinein und mache den Sack zu. Aber das wissen Fernradler.

 

Morgens kaufte ich mir eine Flasche Mineralwasser und drei Bananen, die ich in der Lenkertasche unterbrachte. Zwar sind die Geschäfte in Süditalien von ein Uhr bis fünf Uhr nachmittags geschlossen, aber die Bars haben immer geöffnet, in denen man schnell einen Latte macchiato trinken und ein süßes Teilchen dazu essen kann. Die Verpflegung ist kein Problem.



Zugfahren

Etwas problematisch sind die acht verschiedenen Gepäckstücke am Rad, wenn man ein Stück mit dem Zug fahren muss. Freilich kann man das Rad auch verbotenerweise über die Gleise schieben, denn Rampen wie in der Schweiz gibt es nicht. Abpacken und die Teilchen in den Zug legen muss man sowieso. Das Fahrradticket kostet 3,50 Euro, und Bahnfahren überhaupt ist günstig. Ich habe für die Fahrt von Rom nach Campobasso (275 Kilometer) nur 16 Euro bezahlt. Wie weit kommt man in Deutschland mit dem Zug für 16 Euro?

 

Das fahrende Personal ist nach meiner Erfahrung freundlich und hilfsbereit. Es sind meist pragmatische, gelassene Männer mittleren Alters. Am Ende meiner Reise hatte ich meinen Personalausweis im Hotel vergessen und merkte es erst im Zug, der mich 40 Kilometer weiter nach Benevent bringen sollte. Ich rief im Hotel an, doch ein Tunnel unterbrach das Gespräch. In meiner Ratlosigkeit ging ich nach vorn in den Führerstand des Triebwagens zu den beiden Bahnbeamten. Der Schaffner sagte: „In fünfzehn Minuten hören die Tunnels auf, dann rufst du wieder an.“ Der Lokführer bot an: „Sag der Frau, sie soll den Ausweis zum Fahrdienstleiter des Bahnhofs bringen. Ich fahre mit diesem Zug gleich wieder zurück, hole den Ausweis ab und bringe ihn dir mit dem Zug um 13.45.“ Perfekt. Ich stieg in Benevent aus, trieb mich da herum, kam drei Stunden später zum Bahnhof und hatte meine Papiere wieder. Auch der Bahnhofschef von Benevent war entzückt und unterhielt sich länger mit mir. Da ich in Benevent bleiben musste, führte mich eine Mitarbeiterin noch zu einem nahegelegenen Bed and Breakfast, das nur 30 Euro kostete. Traumhaft.



Übernachten

Man sollte ungefähr wissen, wo die Campingplätze sind, wenn man zeltet. Denn auch im Mai kann man nicht sicher sein, dass schon alle Plätze geöffnet sind. Die Saison am Meer beginnt am 1. Juni. Entlang der Küste und in touristischen Zentren findet man immer einen Campingplatz, doch im Landesinneren muss man sich behelfen.

 

Aber kleine Hotels mit Zimmern zum Preis von 20 bis 35 Euro findet man leicht, und in den vergangenen zehn Jahren hat sich auch Bed and Breakfast – ein Import aus Großbritannien – verbreitet. Auch wenn es mit dem Breakfast meist nicht weit her ist (man bekommt oft einen Coupon für eine Bar), sind die Zimmer oft ansprechend gelegen, großzügig und kosten zwischen 35 und 40 Euro. Ein Handy sollte man dabeihaben, denn auf den Schildern steht immer eine Telefonnummer, die man anrufen muss. Die Betreiber zeigen einem das Zimmer, erklären einem alles, geben einem den Schlüssel, wollen ihr Geld, und dann hat man seine Ruhe.

 

Ich bekam einmal in Lucera ein richtiges Fürstenzimmer in einem Museum. Es war zehn Meter auf fünf Meter groß, hatte eine Deckenmalerei, zwei Betten mit Stahlgestell und schönen Steinfußboden. In Lecce lag Ritas Zimmer direkt mit Blick auf den schönsten Platz der Stadt, und in Matera war ich in der Altstadt untergebracht, in den „sassi“, dem Gewirr der steinernen stillen Gassen der Stadt. In Melfi verwies mich ein Mann an einen Flachbau hinter der Kathedrale, das Hotel „Il Tetto“, das vor 200 Jahren als Seminaristenheim erbaut wurde. Ich war der einzige Gast, wurde zuvorkommend behandelt und zahlte 35 Euro.

 

Natürlich ist Italien ein lautes Land. Eine ruhige Nacht im Zelt ist selten. Entweder jaulen aus Zwingern Hunde, oder eine Straße führt am Campingplatz vorbei, oder um Mitternacht bricht die Disco los. Oder in der Nähe gibt es eine Rennstrecke, auf der kleine Schumachers an Wochenenden im Kreis fahren. Oder eine Bahnstrecke. Manchmal – wie bei dem netten Platz bei Santa Maria de Leuca (an der SS 275 bei Gagliano del Capo, www.campingsmleuca.com), der nur 8 Euro die Nacht kostete – muss man auch sein Ross satteln und 3 Kilometer auf der Staatsstraße fahren, um am Abend die Pizzeria des nächsten Ortes zu erreichen. Das gilt auch für das Frühstück am nächsten Morgen. Meist fährt man ohnehin nüchtern los und hält in einer der nächsten Bars an, um einen Cappuccino und zwei Hörnchen zu ergattern.

 

Der Preis fürs Campen lag zwischen 8 und 15 Euro. Der billigste Platz (Santa Maria de Leuca) hatte sogar eine Waschmaschine. Toilettenpapier ist selten da, wo es sein sollte. Eine heiße Dusche gibt es gegen Chip, der meist nur 50 Cent kostet.




Empfang des Campingplatzes Leuca



Für den Camper sind die Verwalter der Plätze wichtige Bezugspersonen. Alle sind sie hilfsbereit. In Misano Adriatico gab es Diego sowie Andrea und Francesco in der gegenüberliegenden Pizzeria, und das sind Leute, bei denen man sich zuhause fühlt. Beim Abschied haben mich alle umarmt. Bei Erminia Licchelli vom Platz bei Leuca konnte ich Bier kaufen, und eine Flasche bewahrte sie auf, damit das Getränk weiter kühl bliebe, wenn ich es nach acht holte. Maria vom Platz „Moby Dick“ bei Margherita di Savoia, natürlich. Ein unerwartetes Problem trat manchmal auf: Um zehn Uhr wird manchmal das Rolltor vor den Campingplätzen geschlossen. Das muss einen nicht schrecken. Man kann es meist von außen mit einenm Handgriff öffnen – was ich nicht wusste. Zwei Mal stieg ich unnötigerweise einfach drüber. Man sollte sich deshalb erst erkundigen.



Die ersten Tage. – Die Rentner

So ging es los: Ich buchte eine Zugfahrt von Basel nach Mailand und stieg dort in einen Regionalzug nach Cremona um. Ein Regenguss empfing mich. Cremona Camping: Spaghetti all’ammatriciana und einen halben Liter Roten für 7 Euro. Das Glück wollte es, dass der Radweg gleich am Platz vorbeiführt. Man kann auf dem Po-Damm („argine maestrale“) gemütlich durch diese weite, verschlafene Region radeln. Nach 100 Kilometern eine Nacht in einem von Chinesen geführten Hotel an der Schnellstraße; dann auf geraden Straßen mit wenig Verkehr, vorbei an der Fahrradstadt Ferrara, dessen Besuch sehr empfohlen werden kann, stracks zur Küste. Dann ging es am dritten Tag hinunter nach Rimini, Riccione und Misano Adriatico. Im Mai ist da wenig los. Vorbereitungen auf die Saison.




Der Po, der große italienische Strom



Neue Häuser am Strand in Misano Adriatico



In Riccione traf ich bei einer Konferenz einen befreundeten Parapsychologen, Professor Haraldsson, und am Tag darauf einen bayerischen Freund, der eine Rennradwoche an der Küste gebucht hatte. Von Misano wandte ich mich Richtung Berge, und kurz vor dem Heimatort von Valentino Rossi rauschte ein Rennradlertrupp mit meinem Freund am Anstieg an mir vorbei. „Manfred ...!“ hörte ich nur noch. Urbino. Die Passstraße nach Arezzo soll wegen Steinschlags gesperrt sein. Und 30 Kilometer weiter steht auch das Schild. Zwar soll der Freund des Barista aus Urbino kürzlich durchgekommen sein, aber lassen wir es besser bleiben, zumal da auch ein Schild Città di Castello verheißt, und da gibt es einen Campingplatz.

 

Ich rolle durch die Vororte, sehe eine Bar mit älteren Besuchern, halte an und frage: „Leute, wo ist der Campingplatz?“ Das ist immer nett, die Rentner haben Zeit und helfen gerne. Meist entwickeln sich dann Diskussionen über den richtigen Weg; Zeit, schnell ein kleines Bier einzugießen. Einer, ein groß gewachsener Mann, der zunächst etwas matt herumsaß, blüht richtig auf, erzählt, drückt mir zum Abschied herzlich die Hand. Später dann, vor Foggia, traf ich einen 80-Jährigen, der früher Rennrad gefahren war. Er hatte abstehende Ohren und erinnerte mich an meinen Großvater Rudi. Irgendwie sah er mich auch ganz liebevoll an. Was für ein Feuer in diesen Leuten steckt! Sie freuen sich so, wenn sie einen sehen, der das tut, was sie früher mit Leidenschaft taten. Da wallt dann zwischen zwei sich fremden Menschen – so zwischen „Rudi“ und mir – plötzlich Zuneigung auf, eine wunderbare Wärme. Der Reisende kommt unter die Menschen und gibt seine Energie ab; er lässt etwas zurück, was die Sufi-Mönche „baraka“ nennen: Segen. Und auch ich habe von Rudi einen Schuss Lebensfreude bekommen, wie überhaupt jede schöne Begegnung mit Menschen einem neue Kraft gibt.

 

Auf dieser ersten Bergetappe über einen Pass von 750 Metern Höhe und auf Provinzstraßen (SP – „strade provinciali“) inmitten der Einsamkeit der umbrischen Wälder merkte ich, dass man in Italien noch gut radfahren kann. Auf den kleinen Straßen im Binnenland herrscht wenig Autoverkehr. Von Città di Castello ging es zum Lago di Trasimeno, vorbei an Castiglione del Lago bis Orvieto. Ein Zwei-Sterne-Hotel an der viel befahrenen Straße. Lärm die ganze Nacht. Dorthin war auch gerade der Giro d’Italia unterwegs, und entsetzt las ich von dem tödlichen Unfall auf der dritten Etappe, bei dem der junge Belgier Wouter Weylandt sein Leben verlor.

 

Vier Tage in Rom bei Freund Romano. Ich hielt am Samstag bei einer Konferenz einen Vortrag über Jenseitsforschung, und danach war ich – zumal mein Beitrag sehr gelungen war – befreit. Ich wollte raus aus der Stadt und nahm den erwähnten Zug nach Campobasso.




Blick auf den Lago di Trasimeno



Cività di Bagnoregio bei Orvieto



Gargano bis Giovinazzo

Da kommt man Sonntag mittag an, und da ist er, der Süden. Es ist ruhig, einige Autos fahren ziellos umher, die Stadt ist ungepflegt und nicht bemerkenswert. Die große Straße nach Lucera ist leer bis auf den Konvoi einer Hochzeitsgesellschaft und vier Hunde, die da herumlungern, aber zum Glück auf der anderen Straßenseite bleiben. Lucera, da regierte 750 Jahre zuvor Manfred, der Sohn von Friedrich II. und König von Sizilien. Das Fürstenzimmer. Leider setzte Regen ein. Die Schnellstraße nach Foggia war nicht für Räder zugelassen. Ich muss zurück und packe an einem Supermarkt Zelt und Schlafsack in den Müllsack. Ein junger Mann bietet mir an, mir den Weg hinaus zu zeigen. Ich solle hinter seinem Wagen herfahren, und an der Abzweigung wünscht er mir viel Glück.

 

Der Regen hört auf, dafür setzt höllischer Wind ein: jedoch Rückenwind. Der schiebt mich massiv bis zum Meer, wo eine Straße gesperrt ist und es gegen den Wind fast gefährlich wird. Camping sechs Kilometer vor Manfredonia. Regen auch am nächsten Tag. In der Stadt werden Häuser angepinselt und kaum ein Café ist geöffnet. Ich fahre die Serpentinen hoch zu Monte Sant’Angelo, prächtig, doch dann wird es dunkel und die Rückfahrt eiskalt. Am zweiten Tag stand neben meinem kleinen Zelt ein ähnliches, und daneben ein Fahrrad. Es war Andy, ein kahlköpfiger Engländer, der seit zwei Monaten in Italien unterwegs war und seine Wohnung in London gekündigt hatte. Endlich ein echter Fernradler! Wir aßen abends zusammen, und er klärte mich über die Campingplätze im Süden auf, von wo er herkam.

 

Der Mittwoch, es war der 18. Mai, ließ sich besser an. Andy fuhr nach Norden, ich die Küste nach Süden hinunter. Immer nette Begegnungen. Ich fuhr auf einem Pier zum Meer hinaus, doch zwei Männer hielten mich auf. Sie arbeiteten im Pumpwerk. Das Salzwasser wird ins Land gepumpt in ein Becken. Wenn Wasser verdunstet und die Salzkonzentration richtig ist, fließt es weiter ins nächste Becken, bis im letzten weiße Salzhügel bleiben, die aber erst nach Jahren abgetragen werden. Vorbei an diesen kilometerlangen Salzsalinen, erreichte ich hinter Margherita di Savoia den Campingplatz „Moby Dick“. Nett, mein Roman ist im Verlag Moby Dick erschienen. Da war Maria am Campingplatz, die zwei erwachsene Kinder hatte, die Literatur studieren. Sie ist mit einem Handwerker verheiratet. Einmal bot sie mir einen Stuhl an, die alte Mamma saß daneben, und ich musste aus meinem Leben erzählen: Frau, Arbeit, Lebensweise. Die Mamma kommentierte alles, und ich spürte, dass sie einfach wissen wollten, ob das, was ich tat, nachvollziehbar war. So orientiert man sich und merkt: Auch Deutsche sind Menschen. Wir haben uns prima verstanden, und am Ende umarmten und küssten wir uns ganz spontan.





Zeltplatz „Moby Dick“



Das Meer bei Manfredonia, auf Touristen wartend



Ein guter Einfall von mir war, das Zelt da drei Tage stehenzulassen und mit wenig Gepäck mein Touristenprogramm zu absolvieren: Barletta, Andria, das achteckige Castel del Monte. Wie schön ist das doch mit dem Rad! Zwei Stunden Rückfahrt über Heide und durch sacht gewelltes Land mit weiten Blicken. In Barletta wohnte ich einer Feier zum 520. Jahrestag der Errichtung des fünf Meter hohen „Kolosses von Barletta“ bei, der Herakles darstellt. Prompt sichtete mich ein Journalist, erwähnte mich in seiner Rede und ließ mich vortreten, den „Radtouristen aus Deutschland“, und hundert Schulkinder mit Fähnchen sahen zu. In Barletta fand ich auch einen Fahrradladen, in dem ein guter Mann professionell meine Bremsbacken austauschte.

 

Dann lagen auf den nächsten fünfzig Kilometern an der Küste wie aufgereiht die wichtigen Städte Trani, Molfetta und Giovinazzo. In Trani fuhr ein alter Fischer mit dem Rad vor mir her, um mir die alte Templerkirche Ognissanto zu zeigen.




Die berühmte Kathedrale vonTrani



Da, unter dem Portal, schwor Boemund von Altavilla 1096, die Heilige Stadt Jerusalem befreien zu wollen. Das Kastell in Trani konnte ich anschauen, weil der Kustode – ein begeisterter Mountainbiker – auf mein Rad aufpasste. Man lässt das aufgepackte Rad ungern eine Stunde draußen stehen, zumal man von vielen Leuten gewarnt wird: Pass immer auf dein Rad auf! Lass es nicht aus den Augen! Die kennen anscheinend ihre Pappenheimer.

 

Schließlich Giovinazzo mit einem Campingplatz am Meer, von diesem durch einen Zaun mit Stacheldrahtbewehrung getrennt. Wäre nicht nötig gewesen. Am nächsten Tag wollte ich Bari sehen, aber Busse verkehren nicht am Sonntag. Giovinazzo bleibt mir in der Erinnerung durch ein wunderschönes Glockenspiel, das von der Stadt herüberklang.




Der Hafen von Molfetta mit Kathedrale



Alberobello bis Lecce. - Emigranten

Also nach einem Lesetag am Meer am Montag weiter. Bitonto ist eine richtig hässliche Stadt, deren berühmte Kathedrale ich nicht fand. Außerhalb reiht sich eine Müllkippe an die nächste, rumänische Mädels betteln Autofahrer an, und außerhalb sitzen an der Straße schwarze Mädels auf Plastikhockern und verkaufen ihren Körper. Das ist eben der Einzugsbereich der Stadt Bari, nach Neapel der ökonomisch wichtigsten Stadt Süditaliens. Aber dann wird es ländlich, und man erspäht bald die ersten Exemplare der Attraktionen der Gegend: die „Trulli“. Das sind Steinhäuser, die wie indianische Tipis oder Iglus aussehen: unten weiß gekalkt, oben spitz zulaufend mit eng geschichteten Steinen. Kühl im Sommer, gut im Winter.

 

Ich sprach mit einem Apulier, der in einem solchen Trullo geboren und aufgewachsen war. Hat einige Jahre in Waldshut gearbeitet und in der Schweiz. Man trifft viele Emigranten, die wieder zurückgekommen sind. Der erste, in Lucera, war 27 Jahre in Wuppertal. Ein anderer hatte 14 Jahre in Köln verbracht. Der Inhaber eines Lebensmittelladens an der Küste, in einem tristen Ort mit verfallenem Turm am Meer und nichts sonst, war in Ludwigshafen geboren, hatte dort 17 Jahre gelebt und war seit elf Jahren wieder hier. Ein alter Arbeiter in Venosa fuhr 20 Jahre in Zürich kleine Lieferwagen. Der Chef des Campingplatzes von Gallipoli lebte 15 Jahre in Düsseldorf. Er habe manchmal Heimweh nach Deutschland, sagte er. Bei allen drang Melancholie durch. Sie hatten einen Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht, oft in großen Städten, und dann waren sie mit ihren Eltern zurückgekommen. Vielleicht hatten sie Häuser gebaut, aber Meer und Heimat trösteten sie nicht. Denn am Meer kann es ganz schön öde sein.

 

So kam jedenfalls „Deutsch-Man“, wie mich der Campingplatzverwalter in Alberobello nannte, in die Stadt der Trulli. Sehr touristisch, sehr sauber. Zum ersten Mal eine ziemlich mäßige Pizza gegessen. Nun sollte es nach Lecce gehen. Ich fragte mich von Mesagne zum Meer durch. Machte Halt in einem Ort namens Tuturano. Mannomann. Zweistöckige heruntergekommene Häuser an einer Straße, deren fünf Bars der männlichen Bevölkerung etwas Unterhaltung bietet. Ein Schwätzer mit schlechten Zähnen zeigte mir, wo es Sandwiches zu kaufen gab und wie ich ans Meer käme. Das sind Orte, die ortlos sind und in denen man, wie eine Hamburger Bekannte einmal sagte, „nicht tot überm Zaun hängen“ möchte.




rechts ein Trullo



Da fällt mir – nach Bitonto und Tuturano – noch ein hässlicher Ort ein: Castellaneta. Ein urbaner Alptraum mit steinernen Plätzen voll sonderbarer moderner Steinmonumente; viele achtstöckige Hochhäuser an ansteigenden Straßen, alles Beton und Hässlichkeit, und viele Schilder lotsten den Reisenden kreuz und quer durch die Stadt, so dass ihm richtig übel wurde. Am Ende die Pointe: ein Schild, das sagte: „la città del mito“. Der Mythos, das ist Rodolfo Valentino, der schöne Stummfilmdarsteller, der hier geboren wurde. Dass er wegging, war sein Glück.

 

Auch die Küstenzone nordöstlich von Lecce war unschön. Viele Häuser standen am Meer, aber man kam nicht hin, die Straße führte einen in großer Entfernung vorbei, Die Campingplätze waren geschlossen, und so fuhr ich einfach nach Lecce hinein, in dieses Verkehrsgebrodel, und fand glücklich Ritas Zimmer und nahm etwas am Nachtleben teil mit all den aufgeputzten Mädchen und dem Lärm.





Lecceser Barock



Die Promenade von Otranto



Lecce bis Leuca. – Die Straßen

Der Tag darauf war dann wunderbar, denn bei Otranto beginnt die Küstenstraße hinunter nach Leuca. Links breitet sich das dunkle Meer aus, und 50 Kilometer hat man seine Ruhe. Nur ein paar Rennradler pfeilen vorbei und grüßen begeistert. Der Wind ist sacht. Es geht bergauf und bergab, man fühlt sich an die Costa blanca erinnert, an viele Küstenstraßen dieser Welt, und es ist eine Lust.

 

Doch dann stellt sich Verdruss ein. Schon in Umbrien war mir aufgefallen, dass die von mit gelobten – weil verkehrsarmen – Provinzstraßen in erbärmlichem Zustand waren. Zuweilen holperte man da dahin ... und ein paar Kilometer weiter stieß man auf eine neue, erst ein Jahr alte Straße, superglatt, perfekt, wenngleich fast ohne Nutzer. Das ist typisch italienisch: Statt etwas zu reparieren, baut man lieber schnell (und vermutlich mit EU-Zuschüssen) eine neue Straße. Von meiner ganzen Reise kann ich mich an sechs Bautrupps und Baustellen erinnern, doch an 600 oder 6000 Stellen wären Reparaturen nötig gewesen. Da geschieht nichts.

 





So sieht das aus.

Das Netz der kleinen Straßen geht langsam aber sicher vor die Hunde. Man muss Kabel zu Häusern legen, schneidet den Asphalt auf – und dann klebt man einfach etwas drüber. So entstehen unangenehme Wülste. Oder es entstehen Senken, weil der Untergrund ungenügend befüllt wurde. Frostaufbrüche, Löcher, Risse, wellige Zonen in Richtung Straßenrand ... und das alles wird durch Witterung und die schweren Lastwagen jährlich schlimmer. Ein Wohnmobilbesitzer aus Königsbrunn klagte mir sein Leid: Das gesamte Geschirr scheppere, er mache das nie mehr, und vor zehn Jahren sei alles noch einigermaßen gut gewesen. Ich sagte entsetzt einem Italiener, man wisse gar nicht, wo man mit den Reparaturen anfangen solle. Mein Gesprächspartner erwiderte lachend: „Darum fängt man gar nicht erst an.“



Mit dem Rad kann man noch um schadhafte Stellen herummanövrieren, aber die Autos brechen einfach drüber. Vielleicht kaufen darum viele Italiener teure Geländewagen aus Deutschland. Es fällt einem auf, wie viele teure Audis, BMWs und Mercedes herumfahren. Das Auto ist natürlich in Italien ein wichtiges Objekt. Aber auf diesen Straßen hat man nicht lange Freude daran. Aber egal, ich näherte mich dem südöstlichsten Punkt meiner Reise und stand plötzlich auf dem leeren Platz der Basilika „finibus terrae“ – am Ende der Welt. Ein Leuchtturm und eine Mariensäule ragten auf, neben denen sich die lebensgroße Statue von Papst Benedikt XVI. richtig klein ausnahm. Ich ließ mich fotografieren. Ich hatte es geschafft.




An der Küstenstraße Otranto-Leuca



Vor der
Basilika finibus terrae



Leuca bis Avellino. – Die Schnellstraßen

Auch am Campingplatz in Leuca war nichts los. Ich blieb zwei Tage, bevor ich an der Küste entlang nach Gallipoli fuhr. Das Wetter war nicht makellos gewesen: Da türmte sich über dem Meer immer eine riesenhafte Wolke, die am zweiten Tag wie ein Trombus aussah und sich über dem Himmel ausbreitete, die Sonne verdeckend. Einmal regnete es sogar nachts. Gallipoli dafür war strahlend. Über den Campingplatz war auf Stangen ein grünes Gazedach gespannt.




Der grüne Gazehimmel auf dem Platz bei Gallipoli



Das sagt einem, dass es da im Hochsommer richtig heiß wird. Die Altstadt Gallipoli liegt auf einer Insel, die man bequem umschreiten kann. Diese Insel ist sehr touristisch, aber es hat da auch offene Kirchen am Meer, alte heruntergekommene Barockkirchen. Im Inneren der Insel, in den Gassen, fühlt man sich an Neapel erinnert – kein Wunder, die Stadt ist keine 100 Kilometer entfernt. Es gibt Heiligenaltäre an den Hausecken, die Bewohner sitzen vor ihren Häusern und unterhalten sich, und die Wohnungen stehen offen.

 

Taranto oder Tarent, meine nächste Station, ist dafür eine typische südliche Hafenstadt. Die dem Meer zugewandte Häuserfront ist hergenommen und ruinös wie der berühmte Malecón Havannas. Großartig ist die Kathedrale mit ihrer Krypta, und wenn man sich seinen Weg hinaus zum Meer sucht, durchwandert man ein Labyrinth aus dunklen Gassen, in denen man sich verlaufen kann. Es ist wie eine unterirdische Welt. Mit Tarent hatte ich eigentlich die des „Salento“, des apulischen Stiefelabsatzes, vollendet. Nun ging es ins Landesinnere, grob in Richtung Rom.




Häuser am Hafen von Taranto



Und da wird es gleich ungemütlich. Man muss auf den SS fahren, was nicht Schnellstraße heißt, sondern „Strada statale“, Bundesstraße. Die in Richtung Matera war eng, und die Lastwagen fahren knapp vorbei. Leider hatte man den Einfall, die Straße mit Leitplanken zu versehen, was den Raum verknappt. Irgendwann hatte ich Matera dann in der Nähe und drang durch den flutenden Verkehr in die Stadt ein. Sehr touristisch. Da waren die freundlichen Frauen mit ihrem Bed and Breakfast, die am nächsten Morgen ein echtes Frühstück zu bieten hatten. Weiter ging es sehr angenehm durch das weite Flachland der Basilikata. Ich wollte nach Venosa, in die Stadt, in der der römische Dichter Horaz aufgewachsen ist. Sein Gedicht „Carpe diem“ ist berühmt geworden. Da ging es steil 400 Meter nach oben. Es war vier Uhr nachmittags. Noch 35 Kilometer bis Matera, hinunter durch einsames Land. Ich wusste nicht mehr, wo ich war, und es beschlich mich ein ungutes Gefühl. Einsamkeit. Und hohes Gesträuch begrenzte die schmale Straße, was klaustrophobische Ängste aufkommen lässt. Nach Melfi ging es noch einmal hoch und höher, klar, das gehörte schon zum Appenin, aber nach dem gemütlichen Dahinfahren am Meer raubt einem das die Kräfte.

 

Melfi war schön, ich kam aus der Stadt hinaus und bog frohgemut auf die Straße nach Avellino ein. Es war elf Uhr vormittags, noch 90 Kilometer, ich würde es vielleicht bis Benevent schaffen wie geplant. Doch nach drei Stunden fielen Tropfen, die zu Regen wurden. Es fing zu schütten an. Ich pausierte in einer Raststätte, fuhr weiter. Starker Regen. Ich verkroch mich unter ein Wartehäuschen. Was tun? Es gab da ein Hotel. Aber man will nicht irgendwo stranden. Also weiter. Nächste Raststätte. Warme Sachen anziehen. Noch 35 Kilometer bis Avellino. Der Regen lässt nach. Dafür steigt die monsterbreite Straße, die auf meiner Karte ganz klein aussah, kräftig an, und die Steigung will kein Ende nehmen. Die Vierzigtonner brechen vorbei. Ich bin völlig verschwitzt. Dann 15 Kilometer Abfahrt durch vier Galerien, und nach einer Schleife mündet die Straße in eine zweispurige ein, und Lastwagen und schnelle Fahrzeuge an mir vorbei, ein Höllentrip in Richtung Avellino. Dort, in dieser völlig verwilderten, gesetzlosen, regellosen Zone endlich ein Hotel in Bahnhofsnähe. Ich hatte das Gefühl, einen Tag im Krieg überlebt zu haben. Ließ mir eine Pizza auf mein Zimmer bringen.



Avellino bis Cassino

Dann ereignete sich die Episode in der Bahn, und ich blieb in Benevent. Wieder sprach mich ein jüngerer Journalist an. Ich hatte am Fluß von Benevent den Text der Stele kopiert, der von Manfreds Tod in der Schlacht am 26. Februar 1266 sprach; das Ende des Sohnes Friedrichs II. beendet auch die Regentschaft der Hohenstaufer in Italien. Der Sieger hieß Karl von Anjou, vom Papst ins Land gerufen, denn Friedrich II. und Manfred waren immer Feinde des Papsttums. Der Konflikt zwischen Kaiser und Papst prägte ja das gesamte Mittelalter, die kaisertreuen Guelfen (oder Welfen) standen gegen die Ghibellinen. Nach den Franzosen aus Anjou zogen die spanischen Aragonesen in Süditalien ein, während im Norden Spanier und Österreicher residierten. Ganz Italien lebte bis 1861 unter Fremdherrschaft, und das 150-jährige Jubiläum des Staates Italien war im Frühjahr groß gefeiert worden.




An der Stele für Manfred von Hohenstaufen



Paolo, der Journalist, führte mich durch das Amphitheater der Stadt, die zudem eine Kirche aus Langobardenzeit besitzt (Santo Stefano), einen gut erhaltenen römischen Triumphbogen und sogar ägyptische Reste in seinem beachtlichen Museum. Benevento (der „gute Wind“) ist wahrlich eine beeindruckende Stadt und kann ja nichts dafür, dass Manfred da 34-jährig sein Leben ließ. Der radelnde Manfred jedoch hatte durch seinen Ausweis in Benevent seine Identität wiederbekommen und wollte weiter nach Cassino ... und von dort fahren viele Züge nach Rom, wo wiederum der Nachtzug nach München eine lockende Möglichkeit war, heimzukehren.




teatro romano veduta - Das Amphitheater von Benevent (Foto: Paolo Bocchino)



Die Etappe nach Avellino steckte mir noch in den Knochen. Ich war verunsichert und hatte sogar Angst. Doch nach den ersten Kilometern des neues Tages verlor sich das.

 

Den Weg hinaus aus Benevent versperrte ein Schild, das Radfahrer abwies. Spontan wandte ich mich ins Landesinnere, und damit schenkte ich mir etwas ein! Es ging durch Täler und vorbei an Bergen, dann aber hoch und immer höher, dann kann man nicht mehr zurück, an einem Friedhof sagt ein Mann: „Jetzt acht Kilometer Steigung!“ Ein Rennradler meint schnöde: „Abends in Cassino, das kannst du vergessen!“ Warum sind die Leute nur immer so negativ? Ich quälte mich bei sengender Sonne hoch auf 700 Meter, und ein Bauer im Mercedes hielt an. Wohin ich wolle? Ich sagte es, er nickte, hinter dem Lenkrad. Dann begann er, die Gegend zu loben. Dass es in den Bergen so schön sei. „L’aria buona!“ hob er hervor. Da schnüffelte ich erst und roch die Dieselabgase seines Wagens. Ja, die gute Luft.

 

Ich brachte die Abfahrt hinter mich und erreichte die Schnellstraße gegen eins, und die restlichen 80 Kilometer bei leichtem Rückenwind waren kein Problem mehr. Es tröpfelte konstant, aber so leicht, dass ich meine Regenkleidung gar nicht anlegen musste.

 

Cassino liegt niedrig und schien ideal für den Durchmarsch der amerikanischen und englischen Truppen damals, im Januar 1944, nach den Landungen der Alliierten in Anzio und Salerno. Doch man säumte; die Deutschen setzten sich fest, und so kam es zu einer fürchterlichen langen Schlacht, von der die ausgedehnten Gräberfelder für polnische, italienische, englische und deutsche Soldaten zeugen. Cassino war das Pendant zu Verdun im Ersten Weltkrieg und auch das „italienische Stalingrad“ für die Deutschen. Tausende Soldaten ließen da ihr Leben.

 

Cassino. Abends beim Bier an der Straße, ein Diskjockey legte Achtziger-Jahre-Musik auf, und schöne junge Mädchen waren zu besichtigen. Das Hotel gegenüber der Stadtverwaltung war eine Absteige, kostete aber nur 35 Euro. – Dann Bahnhof Termini, Rom. Anfang Juni. Herumhastende Menschen, Durchsagen, Hektik. Ein Narrenhaus. Es gibt Computerprobleme; dass mich der Zug nach München mitnimmt, ist nicht garantiert. Der Mann am Schalter rät: Hingehen, Geld mitnehmen, im Zug zahlen. Ungewöhnlich. Um sechs Uhr abends sind da schon ein paar Radler, drei Münchner, drei Ingolstädter. Ob da noch Platz bleibt? Es bleibt.

 

Ein ganzer Waggon ist nur für Fahrräder da. Doch bevor jemand darüber in Jubel ausbricht, muss er wissen, dass eine Hälfte des Zuges München anläuft, die andere Wien; in Verona erfolgt die Trennung. Außerdem sollte man den Gesamtfahrplan von Roma-Termini betrachten. Man wird feststellen: Es gibt aus dieser „Weltstadt“ mit ihren Millionen Touristen pro Jahr keine Nachtzüge mehr! Die Bahnen sind sich einig, dass die Menschen am Tag reisen sollen, wie Sardinen in pfeilschnellen Zügen, denn das bringt mehr Geld: Rom–Mailand im Frecciarossa: 90 Euro. Ein Rad von Rom nach Mailand mitzunehmen kommt einer Odyssee gleich; vermutlich drei Züge, umsteigen in Siena und Florenz. Vor 30 Jahren konnte man sich das Rad noch vorausschicken, und es kam an! Das ist unser Fortschritt: Er schielt auf Kasse und Masse.

 

Anscheinend haben wie ich Hunderte Menschen den Bescheid erhalten, sie sollten direkt im Zug zahlen, und alle waren besorgt, ob sie mitkämen. Aber dann taucht der Schaffner auf und ist gar nicht überrascht. Er will 125 Euro für die Fahrt nach München zuzüglich 12 fürs Fahrrad, und ich gebe ihm das Geld. Geschlafen wird nicht viel, aber elfeinhalb Stunden später, an einem Sonntag morgen, stehe ich wohlbehalten am Münchner Hauptbahnhof und rufe „Yatta!“ aus wie die Japaner.



Epilog

Vor dreißig Jahren, als ich jung war, gab es vielleicht noch mehr Fernradler; vor allem mehr junge. Freiheit hieß, mit dem Rad und ein paar Mädels auf einen Campingplatz im Allgäu viel Bier zu trinken, ein paar Steaks zu grillen und dazu auf der Gitarre Lieder von Cat Stevens und Bob Dylan zu spielen. Heute haben die Jungen alle Autos und Handys und machen in Barcelona oder Marseille einen drauf.

 

Man sieht mehr Paare mit Wohnmobilen als Radler mit Zelt. So bepackt, ist man ein Kuriosum. Die Leute stoßen sich an: Schau den an; irre. Man ist den Blicken der Autofahrer ausgesetzt und dem Wetter. Aber für eine Sekunde ist alles anders: Da ist einer, der anders ist. Eine andere Welt ist möglich. Da hat einer seine Sachen gepackt und ist ausgebrochen, hat alles hinter sich gelassen. Wie riskant! Was könnte alles passieren? Daran denkt man nicht. Der Mensch ist optimistisch und irrational. Hätte er nicht Regeln gebrochen, wäre er nicht Risiken eingegangen – wir wären nicht, wo wir heute sind.

 

Der Radfahrer ist jedoch ein Anachronismus in dieser motorisierten, technisierten Welt. Aber er kümmert sich nicht um die Welt. Er findet seine Lücke, fährt seinen Rhythmus, bewegt sich in seinem eigenen Universum. Er ist ein lebender Kommentar zur Techno-Welt. Solange man noch Fernradler sieht, kann es um diese Welt nicht so schlecht stehen.



 

© Text und Fotos Manfred Poser, Juni 2011


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