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Laurent Fignon - Wir waren jung und unbekümmert

Titel:  
Wir waren jung und unbekümmert 
Autor:  
Laurent Fignon 
Verlag:  
Covadonga; Auflage: 1 (7. Juli 2010) 
Layout:  
Broschiert, 266 Seiten 
ISBN:  
ISBN 978-3-936973-52-5 
Preis:  
16,80 € 


 




Es ist Sonntag, der 23. Juli 1989. Von Versailles auf die Champs-Élysées, alleine gegen die Uhr. Auf der einen Seite Greg LeMond, auf der anderen Seite in Gelb Laurent Fignon. In Versailles trennen die beiden Protagonisten dieses Rennens noch 50 Sekunden. In Paris sind es nur noch acht. Doch nicht mehr Fignon ist es, der jetzt Gelb trägt, sondern der Amerikaner Greg LeMond. Unvergessen sind die Bilder vom roboterartigen Uhrwerk aus den USA mit dem neuartigen aerodynamischen Triathlonlenker und dem verzweifelt um diese Tour de France kämpfenden Fignon, der ausgerechnet auf heimischem Boden diese Niederlage hinnehmen muss. Immer wieder muss er aus dem Sattel, immer wieder verändert er zähnefletschend den Rhythmus seiner Fahrt, zerbricht unter dem gnadenlosen Tempodiktat des Amerikaners.

 

Es sind eben jene „Acht Sekunden“, denen Fignon das erste Kapitel seiner Autobiographie „Wir waren jung und unbekümmert“ widmet. Der Moment, auf den er eigentlich gar nicht reduziert werden möchte und doch eben jener Tag, der allen in Erinnerung geblieben ist. Es ist zugleich das längste Kapitel des Buches und es schildert uns nicht nur den 23. Juli, sondern auch die gesamte Tour 1989. Dieses stete Wechselspiel zwischen Fignon und LeMond, die taktischen Aspekte des Rennens, die Allianzen, die geschmiedet und wieder verworfen wurden und nicht zuletzt die Tatsache, dass eben jener berühmte Lenker eigentlich gar nicht regelkonform war. Genau dieser Triathlonlenker gefahren vom technisch aufgerüsteten Greg LeMond steht für eine Zäsur. Für einen Generationenwechsel von Fignons Radsport zu LeMonds Radsport. Hin zu dem Radsport, den wir heute kennen. Hochtechnologisiert, anonym und bisweilen äußerst langweilig, so Fignon. Es ist eben jener Wendepunkt, der von Fignon immer wieder aufgegriffen wird und zu verschiedenen Stellen seinen Platz in den Schilderungen des „Professors“ erhält. Sei es zur Dopingthematik, zum Renngeschehen oder einfach zur Art der Menschen, mit denen er es während seiner zehnjährigen Profikarriere zu tun hat.

 

Darin liegt die Stärke dieses Buches. Es ist authentisch, denn Fignon schildert seine Zeit als Profi bzw. sein ganzes Leben überhaupt in einer unverblümten und vor allem sehr erfrischenden Art und Weise. Er schont dabei niemanden und am wenigsten sich selbst. Sein Ziel ist es, dem Leser die Zeit in der er Radsport gefahren ist, so nah wie möglich zu bringen, er möchte uns mit auf den Sattel nehmen und uns zeigen wie er diese Zeit erlebt hat. So geht es von seinen ersten Versuchen auf dem Rennrad über seine ersten, sehr schnellen großen Erfolge über Verletzungsmiseren über 1989 bis an das für ihn doch sehr abrupte Ende seiner Karriere. Im Grunde schreibt Fignon wie er sich selbst auch als Radfahrer sah. Immer vorneweg, immer lieber angreifen, als sich hinten ins Peloton zurückzuziehen und auf die Einzelzeitfahren zu warten. Das ist der Radsport von heute, aber nicht Fignon. Sein Radsport, das war Attacke zu jeder sich bietenden Möglichkeit. Das waren häufige Tempowechsel, das waren lange Renndistanzen, die den wahren Champion vom gewöhnlichen Radfahrer unterscheiden. Mit einem gewissen Wehmut blickt Fignon auf diese Zeit zurück, als z.B. der Flèche Wallone noch ein Rennen von 250 Kilometern war und kein Massensprint in die „Mur de Huy“ hinein.

Er thematisiert dies ebenso wie seinen Versuch als Rennorganisator von Paris – Nizza zurück zu diesen Wurzeln zu kommen und ein anspruchsvolles Rennen zu schaffen. Ein Rennen nach seinen Vorstellungen von Radsport. Schnell muss er erkennen, dass in der heutigen Zeit kein Platz mehr für die „Unbekümmertheit“ seiner Rennen ist. Mit äußerster Härte drängt ihn der finanziell haushoch überlegene Riese ASO mit Jean-Marie Leblanc an der Spitze aus dem Wettbewerb und zwingt, ihn das Rennen wieder zu verkaufen.

 

Setzt man sich mit dem Radsport der 80er Jahre auseinander, darf auch die im heutigen Radsport allgegenwärtige Dopingthematik natürlich nicht fehlen. Doping gehört dazu, nein es ist Teil des Radsports. Auch hier trennt Fignon klar zwischen seiner Zeit und der heutigen Radsportwelt. Während er und seine Generation sich noch mit Amphetaminen – auf die er selbst positiv getestet wurde – begnügte, verändern EPO und Blutdoping heute die Verhältnisse radikal. Wie auch schon bei Peter Winnens „Post aus Alpe d'Huez“ greift Fignon den radikalen Wandel des Pelotons um 1990 auf. Wie er selbst in Bestform plötzlich nach einem Angriff am Col du Télégraphe mit niederschmetternder Deutlichkeit von 30 Fahrern wieder eingeholt wird. Von Fahrern, die er noch vor wenigen Jahren um viele Minuten abhängen konnte. Einen Wandel, den er dämonisiert. Die Tatsache, dass z.B. die Kolumbianer um Lucho Herrera zur Vuelta 1987 Unmengen an Kokain in ihren Rahmenrohren nach Spanien schmuggelten und damit am Ende das halbe Feld bezahlten, damit diese die schmächtigen Kolumbianer nicht auf die Windkante nehmen, verkommt zu einer lustigen Anekdote. Gleichwohl ist dies ein eindeutiger Einblick in den Umgang mit Drogen und Dopingsubstanzen, der sicherlich problemlos in den Radsport von heute übertragen werden kann.

 

Am 31. August 2010 verstarb Laurent Fignon im Alter von nur 50 Jahren an Krebs. Wie schon als Radfahrer führte er diesen Kampf offen und positiv, ja unbekümmert. Seine Überlebenschancen interessierten ihn nicht. Fast, als wäre er alleine vor der hetzenden Meute am Berg im Kampf um den Etappensieg. So war Laurent Fignon, so schildert er sich zumindest in seinem Buch. Leider konnte ich ihn nie auf dem Höhepunkt seines Könnens fahren sehen, denn nach dem ich seine Schilderung lesen durfte, wäre es mir sicherlich eine große Freude gewesen. Allen, die diese Zeit hautnah wieder erleben wollen oder neu kennenlernen möchten, sei dieses Buch ans Herz gelegt.



 

von Ocaña, September 2010


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