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Profis und Amateure erzählen



Thomas Frei





"Allerdings stellte die positive Probe laut Frei einen Zufallstreffer für die Antidoping-Kämpfer dar. Der Athlet hatte an diesem 20. März, am Abend vor der positiven Probe, sich erstmals nach drei Monaten wieder eine Mikrodosis Epo gespritzt, welche bei genügend Flüssigkeitsaufnahme laut Frei am anderen Morgen keine auffälligen Urinwerte geliefert hätte."
(BaZ, 27.4.2010)

Der junge Schweizer Radfahrer Thomas Frei, 2010 25 Jahre alt, wurde 2010 mittels einer Trainingskontrolle positiv auf EPO getestet. Frei verzichtete auf die Öffnung der B-Probe und gestand sein Doping. 2002 war er Schweizer Junioren-Meister und für in den Jahren 2007 und 2008 für Team Astana, 2009 und 2010 für das Team BMC von Andy Rihs. (Homepage Thomas Frei)

 

In einem Interview mir der Neuen Züricher Zeitung am Sonntag berichtete er über sein Doping und die andauernde Dopingkultur im Hochleistungsradsport:

>>> NZZ, 2. Mai 2010: «Natürlich hätte ich weiter gedopt»

 



Zitate:

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Herr Frei, wer wusste schon vor Ihrer positiven Dopingprobe, dass Sie dopten?

Mein Lieferant, meine engsten Freunde, meine Geschwister. Das war unprofessionell. Professionell sind solche Fahrer, bei denen nicht einmal die Ehefrau etwas weiss. Aber das konnte ich nicht. Ich musste reden, sonst hätte es mich zerrissen.

 

Mit Fahrern konnten Sie nicht reden?

Nein. Wie man so hört, kam Doping in den 1990er Jahren von den Teams aus. Heute wagen sie das nicht mehr, heute ist Doping die Sache jedes Einzelnen. Von den Chefs hörst du nur: «Wir wollen keine Dopingfälle.» Was sie wirklich meinen, ist eine andere Sache. Ich versichere Ihnen: Ich habe nie erlebt, dass ein Chef mich aufforderte zu dopen – aber ich habe auch nie erlebt, dass ein Fahrer gefragt wurde, warum er plötzlich schnell ist.

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Wenn die andern merken, dass du dopst, kehrt die Stimmung. Plötzlich sind sie keine Doping-Gegner mehr, sie reden mit dir über Dosierungen. Eine Mikrodosis von 500 Einheiten EPO sei acht Stunden nachweisbar, so Zeugs.

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Würden Sie sagen, Profiradsport sei ohne Doping nicht möglich?

Nein. Früher hiess es: Vogel, friss oder stirb. Das war 2007 aus dem Geständnis von Jörg Jaksche herauszulesen. Als er 1997 Neoprofi war, wurde er nach zwei Monaten von den Teamchefs zu Doping verführt. Heute kann man es sauber zu den Profis schaffen, ich habe das ja auch geschafft.

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Als Winokurow an der Tour de France überführt wurde, fluchte das ganze Feld über ihn. Ich hörte schlimme Dinge. Als er jetzt zurückkehrte und kürzlich ein Zeitfahren gewann, gingen ganz viele Fahrer zu ihm und klopften ihm auf die Schultern.

 

Warum denn das?

Weil Leute wie er oder auch Ivan Basso die Chefs im Feld sind, obwohl sie gesperrt waren. Sie sind die Monsieurs, ganz egal, was sie für eine Vergangenheit haben. Entweder gratulieren sie sich also gegenseitig und sagen sich: «Wir waren beide gesperrt, jetzt sind wir zurück, und wir haben es allen gezeigt.» Oder es gratulieren ihnen junge Fahrer, die nichts zu sagen haben im Feld, die nur schauen müssen, dass sie überall ein bisschen beliebt sind. Die gehen auch zu Winokurow und freuen sich, wenn der ihnen die Hand gibt.

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Wenn Sie nicht überführt worden wären, würden Sie einfach weiter dopen?

... Natürlich hätte ich weiter gedopt. Das Geld lockt, da geht's allen gleich.

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Wie wird man ein Doper?

Das ist unterschiedlich. Die einen bekommen das schon auf der Amateurstufe mit. In Italien oder Spanien erkundigen sich die Profis bei den Jungen, was es Neues gibt auf dem Markt. In Österreich gab es Radfahrer, die schon in der Rekrutenschule von andern Sportlern damit eingedeckt wurden. Bei mir war das anders.

 

Bevor Sie Profi wurden, waren Sie im Team von Kurt Bürgi, der als extremer Antidoping-Kämpfer gilt.

Wir redeten stundenlang, Kurt gab uns jeden Zeitungsartikel über Doper. Zuerst wirkte das auch bei mir.

 

Später nicht mehr?

Bei den Profis fuhr ich lange mit Wasser und Brot. Dann kamen harte Rundfahrten, ich lernte, dass zur Regeneration mit Infusionen gearbeitet wird. Glykogen, Vitamine, Nährstoffe, Magnesium. Alles legal, trotzdem wollte ich nichts davon. Aber irgendwann fängt es an, alle machen es ja. Der Arzt setzt dir die erste Spritze, und von da ist es nicht weit, bis du dir selber die erste illegale Spritze setzt.

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Wie tauchte EPO in Ihrer Welt auf?

Ich erkundigte mich und erhielt einen Tipp aus dem engeren Kreis der Veloszene. Auch da war ich der kleine Fisch. Vielleicht verfügen die Stars im Sport, die genug Geld haben, über ein Dopingmittel, von dem wir erst viel später hören. Kleine wie ich müssen mit EPO-Mikrodosen arbeiten, obwohl EPO seit Jahren nachweisbar ist.

...

Hatten Sie seit der positiven Dopingprobe Kontakt zu Ihrem Lieferanten?

Ja. Aber man verspricht sich ja im Voraus, sich nicht zu verpfeifen.

Hat er noch andere Kunden?

Das weiss ich nicht. Ich weiss, dass er allein tätig ist, er hat kein Netzwerk. Ich war nun fast vier Jahre Profi, und ich blicke, ehrlich gesagt, noch immer nicht durch. Ich weiss nicht, wie dieser Sport wirklich funktioniert.


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