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BRD / DDR - Vergangenheit



Kofink: Antwort auf Walter Tröger, 7.4.2009



A, 6. April 2009 äußerte sich Walter Tröger, langjähriger Präsident des deutschen Nationalen Olympischen Komitees zu der Diskussion um die deutsche Dopingvergangenheit und die Trainer-Erklärungen.

 

W. Tröger möchte einen Schlussstrich haben:

ARD: Tröger: "Vergangenheit ist irrelevant und vergeben"

 

Walter Tröger: "Es ist selbstverständlich, dass man irgendwann mal eine Lösung finden muss, auch im Rahmen unserer Rechtsverfassung und Rechtsauffassung. Mir geht es heute nach 20 Jahren nicht darum, was jemand früher mal gemacht hat, sondern ob er verdächtig ist, ob er Doping fortgesetzt hat und dass sicher ist, dass er es auch in Zukunft nicht tun wird. Das können natürlich dann nur Vermutungen sein."

 

Verstehe ich Sie richtig, dass das heißen würde, die Vergangenheit, die DDR-Dopingvergangenheit von Trainern, die heute noch tätig sind, ist eigentlich irrelevant?

Tröger: "Die ist irrelevant und die ist vergeben. Jemand, der vor 15 Jahren jemanden umgebracht hat, der wird in der Regel, wenn es nicht ganz schlimme Verstöße waren, nach 15 Jahren - auch bei lebenslänglicher Strafe - freigelassen. Er ist dann im Besitz sämtlicher Rechte, die in unserem Lande ein Individuum haben kann, und warum kann das nicht auch bei anderen gemacht werden, die sich weit weniger zu Schulde haben kommen lassen."

 

Ist also für Sie eine Generalamnestie für ehemalige DDR-Dopingtrainer denkbar?

Tröger: "Amnestie würde ich es nicht nennen. Aber man muss jetzt eine Lösung finden, und die muss auch mit einer Erklärung zusammenhängen, die dann auch rechtsfest ist, wenn gegen diese Erklärung verstoßen wird."



Erklärung von Hansjörg Kofink zu W. Trögers Äußerungen:



 

Im Westen – noch immer – nichts Neues

oder frei nach Brecht

Erst die Medaillen und dann – vielleicht – die Moral

 

 

Walter Tröger, der im Februar 80 wurde, verkörpert wie kaum ein anderer den (west)deutschen Sportfunktionär der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts:

 

seit 1961 Geschäftsführer, dann Generalsekretär des NOK für Deutschland, 1972 Bürgermeister im Olympischen Dorf in München, ab 1976 achtmal Chef de Mission bei Olympischen Winterspielen, seit 1989 Mitglied des IOC, von 1992-2002 Präsident des NOK, seit 2003 Ehrenpräsident

 

Der alte Mann des deutschen Sports sagt heute, über die DDR-Dopingvergangenheit von Trainern, die heute noch tätig sind:

 

Die ist irrelevant und die ist vergeben.

 

Diese Aussage ist so ungeheuerlich, dass es des nachfolgenden geschmacklosen und falschen Vergleichs nicht mehr bedurft hätte.

 

Mit dieser Aussage trifft Tröger den gesamten Olympischen Sport der beiden deutschen Staaten, auch die sportlichen Leistungen dieser Epoche.

Sie wirft auch ein Schlaglicht auf die Repräsentanten des Sports und auf ihre Haltung zur Olympischen Idee, vor allem aber auf den Olympischen Sport in Deutschland.

 

Die Spitzenfachverbände, der DSB und die Sportpolitik des BMI haben die ihnen zugefallene Vereinigung 1990/91 nach Gutdünken genutzt, benutzt und verwaltet; Medaillen haben interessiert, Menschen nicht.

 

Die Schande, dass man nach 20 Jahren Trainerverträge in Frage stellen muss, haben ausschließlich die Führungsgremien der betroffenen Verbände seit den 90er Jahren zu verantworten.

 

Manfred von Richthofen, ein weiterer Spitzenfunktionär, der sich derzeit fast täglich zu Wort meldet – warum eigentlich erst jetzt? – berichtet von der Unfähigkeit, der Unwilligkeit der Spitzenfunktionäre jener Tage eigene sportliche Regeln zu befolgen <„Daume sagte mir nur: Das Gespräch ist beendet“.>

 

‚Doping macht vergesslich’

Unter diesem Titel hat die ZEIT schon 1998 die gesamte Problematik in aller Ausführlichkeit behandelt; Dr. Höppner(Sportmedizinischer Dienst der DDR) legte seine medizinischen Beweggründe offen und mit Klaus Huhn (Chefredakteur Sport der SED-Zeitung „Neues Deutschland“): Jetzt rächen West-Richter ihre schwachen Sportler kam auch die Gegenseite zu Wort.

 

Alles ist seit langem bekannt; doch die Spitzenfunktionäre des deutschen Sports waren unfähig, ihre Vereinigung sportlich fair und unter Beachtung eigener Regeln so zu vollziehen, dass sie nicht vor jeder internationalen Sportveranstaltung ins Wanken geriet. Besonders beispielhaft dafür ist die Galerie der DLV-Präsidenten dieser Jahre.

 

Sportsystem und sportliche Regeln

„Der Sport ist gelebtes Bekenntnis zu Leistung und Eigenverantwortung. Der Spitzensport hat Vorbildwirkung hinsichtlich des Leistungsgedankens und vermittelt einen positiven Elitebegriff“

Diese Feststellung im Positionspapier des DOSB Staatsziel Sport hat wohl fundamentale Schwierigkeiten mit dem Verweis auf Befehlsnotstand,

 

<Das Sportsystem der DDR war durch eine straffe Hierarchie gekennzeichnet, unser Arbeitsgebiet durch eindeutige Dienstanweisungen klar geregelt.>

 

mit dem die fünf DLV-Trainer ihren Dopingmitteleinsatz einräumen.

 

Das durch Sport gelebte Bekenntnis zur Eigenverantwortung kollidiert mit der Pauschalentschuldigung:

 

<Uns war bekannt, dass dies den Regeln des Sports widersprach, doch fühlten wir uns durch die Vor-gaben des Staates legitimiert.>

 

Haben internationale Sporterfolge zum Ruhme eines Staatssystems das Recht, sportliche Regeln außer Kraft zu setzen? Gilt Trögers ‚Irrelevant’ auch für Medaillen, die unter solchen Bedingungen errungen wurden?

 

Während der Sportminister „das Eingeständnis, die Reue und Entschuldi-gung der Täter“ einfordert, stellt IOC-Mitglied Tröger knallhart fest: „Das Einbringen von Reue in diese Geschichte finde ich absurd. Wir sind keine Richter, ich fühle mich überhaupt nicht veranlasst, jemand zu fragen, ob er bereut, was er getan hat.“

 

Wie nun, wer hat recht? In der ehemaligen DDR wüsste man das genau.

 

Auch Dr. Schäuble hat in der Dopingbewältigung schon eine 30jährige Geschichte. Man wird es ihm dieses Jahr noch danken. Seinem inzwischen legendären ‚kleines bisschen Doping unter ärztlicher Verantwortung’ (DB 1977, 101f.), das wohl ein Kompromiss zwischen erfolgsbesessenen Sportfunktionären, Sportmedizinern und Sportpolitikern sein sollte, folgten die Querelen der Vereinigung 1990/91, die er als verantwortlicher Minister begleitete unter besonderer Berücksichtigung der Dopingbrutstätten FKS und Kreischa im Einigungsvertrag. Damals, vor den OS in Barcelona, stand eine 10%ige Mittelkürzung für die Sportverbände im Raum, weil nur drei (!) von 50 Verbänden auf Anfragen der Reiter-Kommission zur Trainer-Situation geantwortet hatten. Gekürzt wurde nie, aber eingestellt!

 

Nach 18 Jahren noch immer Trainerprobleme!

Erfolgreicher war der Zahn der Zeit. In den 90er Jahren war eine Wieder-verwendung von Trainern, Funktionären und Ärzten mit Dopinghintergrund kategorisch ausgeschlossen. Heute feiern DOSB und DLV per Pressemitteilung das Bekennen von fünf ehemaligen DDR-Trainern zu ihrer Dopingvergangenheit als einen Durchbruch, als „sportethischen Schritt“ (Steiner-Kommission), der ihre Weiterbeschäftigung beim DLV erlaubt.

 

Wem sind da die Maßstäbe verrutscht?

 

Wer trägt Verantwortung im Sport?

Die Pressemitteilung des BMI „begrüßt die Geständnisse“. Die Weiterbe-schäftigung sei eine Angelegenheit des Sportes selbst. Seine Bewertungen durch Steiner-Kommission, DOSB und DLV „kommen insbesondere auch wegen der langen Tätigkeit der Trainer nach der Wende mit ihrem Be-kenntnis zur Anti-Doping Politik im deutschen Sport zu dem Ergebnis, die Trainer weiterzubeschäftigen.

 

Dazu der Minister: „Dies nehme ich zur Kenntnis und sehe keine Veranlassung zu einer anderen Entscheidung“.

 

Und wie kam es zu dieser „langen Tätigkeit nach der Wende“?

Das darf man sich wohl genauso wie diesmal vorstellen. Anstelle der langen Tätigkeit gab es eine mündliche oder vielleicht sogar eine schriftliche Versicherung der Betroffenen gegenüber dem interessierten Fachverband.

 

Nachzulesen ist das im Spiegel 8/1993, S. 194ff. unter dem Titel >>> „Schlimme Finger“, der die Reformerin Heide Rosendahl schwer enttäuscht im ‚Haifischbecken DLV’ sieht.

 

In der Bundesrepublik gibt es keine strenge Hierarchie des Sportsystems. Das BMI bezahlt, der DOSB gibt Grundsatzerklärungen heraus und der Fachverband entscheidet. Natürlich kann keiner Verantwortung überneh-men, wenn irgendwann irgendwo irgendetwas herauskommt („organisierte Unverantwortlichkeit“, Singler/Treutlein).

 

Der Leiter der DLV-Trainerschule Dr. Killing hat in der Zeitschrift ‚Leicht-athletik’ Bedenkenswertes dazu in Erörterung des Falles Goldmann zu Papier gebracht:

„Denn nicht Trainer haben über die Vorwürfe gegen ihn und über seinen Ausschluss befunden, sondern Juristen, Politiker, Verwaltungsfachleute — allesamt trainerische Laien. Dies wird wie selbstverständlich hingenom-men.“

Trainerprofis haben 2002 Thomas Springstein zum Trainer des Jahres im DLV gewählt!

 

Jetzt darf die Wissenschaft: Studie „Doping in Deutschland“

Zur Aufarbeitung der Dopingfälle in Ost und West soll eine Studie ‚DOPING IN DEUTSCHLAND’ einen wichtigen Beitrag leisten. Der Innenminister hat damit das Bundesinstitut für Sportwissenschaft beauftragt. Dem oder den zukünftigen Bearbeitern schlägt riesiges Interesse entgegen.

Welche Materialien stehen zur Verfügung: DSB-Kommission 1977, Unterlagen des BISP seit 1972, Reiterkommission, Kommissionen der Fachverbände, Dopingakten seit ? von ?, Unterlagen der internationalen Fachverbände, des IOC, Presse seit 1969 und ein gewaltiger Bestand an wissenschaftlicher und anderer Literatur.

 

Ein Halbjahrhundertwerk! Der Augiasstall wartet auf seinen Herkules! Erfolg eher unwahrscheinlich – warum sollen Personen, die seit Jahrzehnten-schweigen, mitvertuschen und lügen, jetzt plötzlich auspacken? Wo bleiben die Geständniswilligen im Westen???

 

 

Hansjörg Kofink

7. April 2009

 

p.s. Vor 40 Jahren hat Brigitte Berendonk die erste Athletensprecherin des DLV - eben gewählt nach der Katastrophe bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Athen - ihren Artikel >>> „Züchten wir Monstren“ in der ‚ZEIT’ veröffentlicht. Das war die erste Veröffentlichung über den Anabolikamissbrauch im Hochleistungssport. Berendonk nahm an den Olympischen Spielen in Mexiko und in München teil.


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