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Entwicklungskurven von Jahresbestleistungen

die Schaubilder wurden erstellt vom Zentrum für Dopingprävention, © ZDP, Ruep/Singler/Treutlein 2008



Bestleistungen und Dopingverdacht



Diskussionsbeitrag: Dopinghinweis oder nicht?



Evi Simeoni:
"Nur ein einziges Argument spricht dagegen, dass diese übermenschliche Leistung ohne pharmazeutische Nachhilfe zustande kam, nämlich die Tatsache, dass es keinen positiven Dopingtest von Bolt gibt. (...) Hoffnung? Es scheint, als erlebe die ganze Branche gerade einen massiven Rückfall in die Zeiten des großen Schweigens. Selbst der Schwede Arne Ljungqvist hat vor wenigen Tagen den Anti-Doping-Kampf als erfolgreich hingestellt. Man sei den Betrügern dicht auf den Fersen, sagte er. Doch Usain Bolt holt so schnell wohl niemand ein."
(FAZ, 17.8.2008)

Thomas Bach, DOSB:
"Man freut sich natürlich, weil man sowohl bei Phelps als auch bei Bolt von der Ästhetik und der Technik her Ausnahmeathleten sieht. Man muss die Leistung wohl anerkennen. Und was Spekulationen um Doping angeht – Skepsis: ja, Verdacht: nein. 1972 bei den Olympischen Spielen in München gab es mehr Weltrekorde als jetzt in Peking."
(haz, 24.8.2008)

Balian Buschbaum, ehemals Yvonne, nach ihren Erfahrungen mit Testosteron:
"Die anderen Athleten sagen mir: ,Lass die Bombe platzen!‘ Ich finde es nur schade, dass insgesamt im deutschen Sport die Courage dazu fehlt. Jeder sagt: ,Solange keine Beweise auf dem Tisch liegen, kann niemand was tun.‘ Ich denke aber schon, dass jeder seine Zweifel äußern darf und äußern sollte."
FAZ, 21.9.08

 

Die vielen Rekorde bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 führten zu kontroversen Diskussionen darüber, ob gezeigte spektakuläre Bestleistungen z. B. im Schwimmen, in der Leichathletik aber auch im Bahnradsport ohne medikamentöse Unterstützung möglich sind. Dass nur wenige Sportler in den zwei Wochen des Dopings überführt wurden, sagt wenig aus über die wahre Verbreitung des Dopings, darüber sind sich die meisten Beobachter einig. Auch die aufgedeckten Fälle vor den Spielen beruhigen Skeptiker nicht. Im Gegenteil, die russischen und griechischen Affairen deuten eher auf umfassende systeminterne Manipulationen hin. (Dopingfälle vor und während Olympia, Hajo Seppelt zu den Kontrollen während der Spiele, dlf, 24.8.2008, mp3)

Modernes, wissenschaftlich gestützes, intelligentes Doping ist nicht einfach nachzuweisen. Es gilt allerdings auch als unbestritten, dass vor allem die Professionalisierung der Sportsysteme und der Sportler voranschreiten, die Entwicklung der Trainingsmethoden weitere Fortschritte macht ebenso wie die legale medizinische Betreuung und der mentale Faktor an Bedeutung gewinnen und dass das den Sportlern zur Verfügung stehende Material neben der Optimierung von Wettkampfstätten Rekordleistungen begünstigen.

 

Erstaunliche Leistungssprünge allein auf Doping zurückzuführen ist daher nicht einfach möglich. Doch die Zweifel sitzen tief, auch im direkten Umfeld der Hochleistungssportler: DLV-Vizepräsident Eike Emrich: "Die Dopingbekämpfung ist weltweit nicht standardisiert. Das ist eine Sachaussage. Alles andere ist Generalverdacht. Wenn sich aber analog zu den Olympischen Spielen die wir schon erlebt haben in einigen Monaten oder Jahren durch Enthüllungen herausstellen sollte, dass wir davon ausgegangen sind, ein Produkt hoher Qualität, nämlich dopingfreien und regelgetreuen Sport, zu sehen, wir im Nachhinein aber feststellen, dass das ein Produkt niederer Qualität, nämlich dopingbelastet und nicht regelgetreu, war - dann wird das enorme Folgen für die Reputation der Olympischen Spiele haben. Dann ist der schmale Grat in der Spitze überschritten zum Zirkus. Wobei ich Zirkus für nichts Negatives halte, es ist nur kein Sport mehr." (taz, 25.8.2008)

 

Nur wie kann man die Ursachen erkennen? Gibt es nachprüfbare Anhaltspunkte, die etwas Licht ins Dunkel bringen?

 

Für Prof. Treutlein und seine Mitarbeiter am Zentrum für Doping Prävention gibt es eine Reihe von Anhaltspunkten, die einen Verdacht rechtfertigen:







 

Die folgenden Grafiken zeigen die Entwicklungen der Bestleistungen in wenigen ausgewählten Sportarten. Einiges lässt sich durchaus mit der Entwicklung der Dopingpraktiken und der Dopingkontrollen erklären bzw. mit Doping in Verbindung bringen - aber alles? Doch Fragen wird man stellen dürfen und müssen. In der Vergangenheit haben sich zu oft schon geäußerte Zweifel als richtig erwiesen. Es herrscht Aufklärungsbedarf.



Kugelstoßen der Frauen





Mitte der 60er Jahre begann die Hochzeit des Anabolika-Dopings, vor allem auch in der Leichtathletik. Besonders die Kraftsportarten waren betroffen und damit das Kugelstoßen. Weltweit gingen die erzielten Weiten rasant nach oben. Nicht nur in den Ostblockstaaten wurde mir Steroiden nachgeholfen, auch in den USA waren sie verbreitet, zumal sie frei zu kaufen waren. In Westeuropa wollten viele, Funktionäre, Sportler, Mediziner und Politiker häufig nicht nachstehen und es begann ebenfalls das Experimentieren mit den Muskelpräparaten. Viele Betroffene wollten Anabolika nicht als Doping sehen, sondern als notwendige Unterstützung für ausgepowerte Sportlerkörper. Diese Diskussion um die Freigabe der Steroide wurde bis in den deutschen Bundestag hinein getragen. Schließlich ging es auch im Westen um den nationalen Medaillenspiegel, um die Leistungsfähigkeit des Staates. Diese breite Anwendung anaboler Steroide dürfte die Hauptursache für die gezeigten Höchstleistungen in vielen Disziplinen sein. Als Beispiel dient diese Grafik zu der Weitenentwicklung im Kugelstoßen der Frauen. 1989/1990 kamen die ersten Trainingskontrollen wodurch sich erklären könnte, dass die Weiten wieder absanken und ein ausgewogeneres Niveau erreichten.



Trainingskontrollen

Dass sich Trainingskontrollen auswirken, könnte auch folgender Vergleich zeigen: Im Kugelstoßen gingen die Weiten nach deren Einführung signifikant zurück. Im Schwimmen wurde jedoch in den 90er Jahren während der Trainingszeiten nicht kontrolliert. Die Bestleistungen stiegen weiter an, s.u. das Beispiel im 100m Kraul der Frauen. Auch in dieser Disziplin kamen Anabolika zahlreich zum Einsatz, wie viele Beispiele aus der DDR zeigen. Nach dem Auscheiden der DDR-Schwimmerinnen nach der Wende übernahmen erst einmal Chinesinnen deren führende Rolle. Einige von ihnen wurden im Laufe der Jahre des Dopings überführt (>>> Dopingfälle in China). Hinzu kommt, dass sich im Schwimmen der Einsatz von EPO, das Wundermittel der 90er Jahre, neben Wachstumshormonen u.a. auszahlt. Alles Mittel, die mit Kontrollen nicht nachgewiesen werden konnten und auch heute noch schwer nachzuweisen sind.







Dass die Problematik weiter besteht, zeigte chinesischer Verdachtsfall im Schwimmen. Zwar geriet im Jahr 2009 das Schwimmen generell unter Verdacht, da in den Wettkämpfen ein Rekord den anderen ablöste, doch begründet wurde dies mit den Schwimmanzügen, die daraufhin ab 2010 verboten wurden. Unabhängig davon erzielte Liu Zige, trainiert von Jin Wei, besondere Aufmerksamkeit. Deren erstaunliche Leistungssteigerung veranlasste einen prominenten westlichen Trainer zu folgender Stellungnahme:




"China’s Liu Zige went 2:01.81 for the 200 meter butterfly at the National Games of China in October. ... This beat the previous world record by 1.6 seconds. (no big deal in the days of plastic bag suits.) In 18 months, Zige improved from 2:09 to 2:01.81. Ridiculous. The only other times we’ve seen improvements like this, the swimmer has later been found guilty of doping. That’s history, not opinion.

From 2004 when she went 2:13.28, it took her until 2007 to get to 2:09. Then during 2008 and 2009, she goes 2:01.81? And in the year of a home Olympic games, in the LZR suit as she swam the 2:01+ in 2009, she swam just 2:04.18 in The Beijing pool. ... Individuals in many nations have been caught cheating. None deserve our forgiveness. ... Don’t believe it. 7.2 second drops don’t happen at the world level in 18 months over 200 meters.

Unless it’s a doped performance. That’s what history shows."



Langstrecken 5 000m und 10 000m Männer









jeweils Durchschnitt der drei Besten pro Jahr




Diese Entwicklungskurven zeigen starke Anstiege der weltbesten Leistungen in den 90er Jahren. Sie fallen zeitlich zusammen mit dem EPO-Siegszug. Aus dem Radsport und dem Skilanglauf sind die breiten, ja flächendeckenden Anwendungen bekannt. Weitere Ausdauersportarten, darunter auch der Langstreckenlauf übernahmen dieses Mittel, das Blutdoping ablöste, ebenfalls gerne. Kein anderes Mittel hatte bislang solche Leistungssprünge zur Folge.

Durch die Ereignisse rund um die chinesischen Langstreckenläuferinnen, die 1993 die Weltelite aufmischten, scheint es gerechtfertig, auch die in diesen beiden Grafiken sichtbaren Veränderungen kritisch zu hinterfragen. (Dopingverdächtigungen am Beispiel China).






Als Gegenargument wird häufig eingebracht, dass die Bestleistungen der letzten Jahre von afrikanischen Läufern erbracht wurden. Sie brächten für den Langstreckenlauf bessere genetische Voraussetzungen mit, so dass ihre Überlegenheit in Verbindung mit hochentwickeltem Training nachvollziehbar sei. (SZ, 2.8.2004, der Standard, 17.8.2008)

 

Damit erklärbar werden allerdings nicht die kurzzeitigen Einbrüche im Jahr 2001. Über die Dopingschiene ergäbe sich das Argument, dass nach Einführung des EPOtests erst einmal Vorsicht angebracht schien. Doch die erneute Hinwendung zum Blutdoping und die Entwicklung verfeinerter Anwendungsmethoden hin zu Mikrodosen, sowie die Verfügbarkeit neuerer EPO-Varianten in Verbindung mit anderen Mitteln könnte dieses Tief schnell überwunden haben. Entsprechende Kenntnisse liegen mittlerweile vor allem aus dem Radsport und dem Balco-Prozess vor. Die Hoffnung z. B., dass die Einführung des EPOtests den Einsatz des Mittels verhindern würde, erwies sich als trügerisch.





Jos Hermens:
"Bisher habe ich gedacht: Wenn jemand nicht überführt ist, dann ist es auch kein Doping. So wie man im Verkehr auch nur dann für zu schnelles Fahren bestraft wird, wenn man geblitzt wird."
(Tagesspiegel, 23.5.2007)

Misstrauisch kann man in diesem Zusammenhang auch werden, wenn man die Einbindung des niederländischen Sportmanagers Jos Hermens in die äthiopische und nordafrikanische Läuferszenen berücksichtigt. So hat der DLV nach Studium der Springstein-Akten gegen Hermens Strafanzeige erstattet, wegen des Verdachts, Hermens könnte Teil des Doping-Netzwerkes des spanischen Arztes Miguel Angel Peraita zu sein. Damit rückt der Manager auch in die Nähe des Dr. Eufemiano Fuentes (NZZ, 23.11.2006, FAZ, 31.7.2008)

 

Bei der Betrachtung der Kurven der deutschen Läufer ergibt sich allerdings kein offensichtlicher Dopingverdacht.



Marathonzeiten der Männer

Verdachtsmomente auf Doping können sich auch ergeben bei der Betrachtung der Leistungsentwicklung im Marathon der Männer. Die erste Häufung von Zeiten unter 2:10 Stunden ab dem Jahr 1983 könnte mit verstärktem Einsatz von Anabolika in Verbindung mit Blutdoping zusammen hängen. Der Rückgang ab 1989 fällt mit der Einführung von Trainingskontrollen zusammen. Ab 1995 scheint EPO sich immer weiter auszubreiten. Auch hier sieht es so aus, als scheinen einige Sportler 2001 für kurze Zeit Respekt vor dem EPO-Nachweis gehabt zu haben, bevor man andere Wege fand.






Unter Dopingesichtspunkten kann man die Kurve dahingehend interpretieren, dass sich ab 1995/96 das Wissen über die Bewältigung der mit dem EPO-Konsum einhergehenden gesundheitlichen Probleme verbreitet hatte. Die Dosierungen wurden professioneller vorgenommen und die Möglichkeiten der Blutverdünnung wurden vielfältiger und breiter eingesetzt (z. B. Anwendung von HES). 2001 gab es für kurze Zeit einen Leistungs-Einbruch aufgrund des neu eingeführten EPO-Tests. Dieser Rückgang wurde jedoch wieder aufgefangen durch die Renaissance des Blutdopings (BLuttransfusionen), veränderter Applikationsmethoden (Mikrodosen) in Verbindung mit dem Einsatz vielfältigster EPO-Varianten und neuerer Mittel- und Methodenkombinationen.





TAZ, 4.11.2011

FAZ, 28.10.2011

Manager Jos Hermens ist auch im Marathon bestens vernetzt:
Profil Jos Hermens, IAAF 2016

Die Beispielkurve der Kenianer macht deutlich, dass die Leistungsentwicklung bei Läufern dieses Landes gleich aussieht, wie die weltweite. Entsprechende länderspezifische Verläufe lassen sich auch für andere Läuferhochburgen aufzeigen. Wenn man hinter der weltweiten Entwicklung Doping sieht, kann man wohl auch kenianische Läufer von dem Verdacht nicht ausnehmen. Ein Verdacht, der sich durch Recherchen von Hajo Seppelt und Robert Kempe in Kenia 2012 zu bestätigen scheint. Dopingmittel sind in Kenia leicht zu erhalten, die medizinische Betreuung ist gegeben und Kontrollen finden kaum statt. Bengt Saltin berichtet zudem von auffälligen Blutwerten bei kenianischen Läufern (dradio, 19.5.2012, dpa, 19.5.2012). Das Doping-Geständnis des Läufers Mathew Kipkoech Kisorio scheint diesen Verdacht zu bestätigen (ARD, 6.8.2012).



 

 

Ausführlichere Informationen zu diesem Thema finden sich im Buch

Singler/Treutlein, Doping im Spitzensport. Hier werden viele Leistungskurven bis zum Jahr 1999 analysiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert.

 

 

von Maki, August 2008, letztes Update Mai 2012

 


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