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Profis und Amateure erzählen



Patrik Sinkewitz




2006

Während der Tour de France 2007 wurde bekannt, dass der T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz im Vorfeld der Tour bei einer Trainingskontrolle positiv auf Testosteron getestet wurde. Das, obwohl das Team unter Bob Stapleton ein striktes eigenes Anti-Dopingkontrollprogramm installiert hatte.

Für ARD und ZDF war dies Anlass sofort mit der Live-Berichterstattung auszusteigen.

 

Auf seiner Homepage schrieb Patrik Sinkewitz:

Ich hatte mir Testogel besorgt, das von der Firma Jenapharm als Mittel zum Ausgleich von Testosterondefiziten angeboten wird. Das Gel wird auf die Haut aufgetragen und so vom Körper aufgenommen. Es soll gerade bei harten Trainingseinheiten einer besseren Erholung dienen. Ohne nachzudenken bzw. schlichtweg in großer Dummheit hatte ich mir im Trainingslager in Frankreich am Abend vor der Dopingkontrolle heimlich Testogel auf den Oberarm aufgetragen. Dies tat ich instinktiv und ohne an die möglichen Folgen zu denken.





Jens Heppner, 3.7.2010:
"Gut, ich sag mal so, enttäuscht bin ich persönlich von jedem Fahrer, der sich außen hinstellt und im Nachhinein irgendwas erzählt. Meiner Meinung nach haben die Leute damit viel Geld verdient und wer damit Geld verdient hat, der sollte auch die Sachen, die er vielleicht nicht richtig gemacht hat, für sich behalten. Denn es macht keinen Sinn, wenn er sich hinstellt und nach außenhin sagt, ich habe gedopt. Ihm kann ja nichts mehr passieren, er hat ja sein Geld. Die anderen, die darunter leiden müssen, sind die, die ihre ganze Jugend dafür geopfert haben, zehn Jahre ihres Lebens vielleicht nicht in die Disco gegangen sind, deren Eltern viel Geld investiert haben. Die Leute, die müssen jetzt dran glauben, dass es eben weniger Sponsoren gibt. Wenn einer in einer Firma irgendwo in Ehren entlassen wird, dann kann er sich auch nicht hinstellen und über interne Sachen reden, die gehen keinen was an."

Er stellte sich als Kronzeuge zur Verfügung und gestand, auch während seiner Zeit bei Quick-Step gedopt zu haben, das sei ganz selbstverständlich gewesen. Ebenso bei T-Mobile. Noch nach der ersten Etappe der Tour de France 2006, nachdem Jan Ullrich bereits heimgeschickt war, war er, und wie sich später herausstellte, noch weitere Fahrer von Straßburg nach Freiburg in die Universitätsklinik zum Blutdoping gefahren.

Sinkewitz Aussagen brachten ein fest installiertes jahrelanges Dopingsystem innerhalb der Teams Telekom und T-Mobile ans Tageslicht. Die betreuenden Sportärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich hatten offenbar umfassende Dopingarbeit geleistet. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt, die versuchte, das gesamte Netz aufzudecken. (>>> Mehr Infos zu dem Abschlussbericht der Untersuchungskommission.)

Telekom zog sich aufgrund der Enthüllungen als Radsportsponsor zurück.

 

Patrik Sinkewitz gestand aber auch, schon als U23-Fahrer für die WM 2000 in Plouay mit EPO gedopt gewesen zu sein. Damit beschuldigte er seinen damaligen Bundestrainer Peter Weibel und andere Funktionäre des BDR als Mitwisser. (>>> Mehr Infos hierzu)

 

Am 18. März 2011 gab die >>> UCI bekannt, dass Patrik Sinkewitz am 27. Februar 2011 beim GP di Lugano positiv auf ein Wachstumshormon getestet wurde. Es ist weltweit der dritte offizielle hGH-Dopingfall (rekombinantes/gentechnisch produziertes Wachstumshormon), der geahndet wird. Schon vor über 10 Jahren gab es Tests, die allerdings nie zu Verfahren führten. (>>> mehr Infos über Wachstumshormone)

 

Aus Copyrightgründen können wir im Folgenden nur Zitate bringen.



das Geständnis

Ein erstes Interview war in der Printausgabe des Spiegels und, auf englisch, in der internationalen Ausgabe des Spiegels jeweils am 5. November zu lesen:

'Your Main Concern Is Not to Get Caught'

 

(...)

SPIEGEL: Wie sieht die aus? Was genau war in den Pyrenäen geschehen?

Sinkewitz: Es war total blöd gelaufen. Ich hatte zwei oder drei kleine Beutel eines Testosteron-Gels in meinem Portemonnaie stecken, jeweils 25 Milligramm.

 

SPIEGEL: Sie hatten das Zeug zufällig dabei?

Sinkewitz: Ja.

 

SPIEGEL: Schwer zu glauben.

Sinkewitz: Aber so war es, ich kann es mir auch nicht erklären. Einen Beutel habe ich mir am Abend des 7. Juni auf den Oberarm geschmiert, vorm Einschlafen. Ich dachte: Kann ja nicht schaden. Die Verpackung habe ich in der Toilette weggespült.

 

SPIEGEL: Ihre Resultate waren bis dahin nicht berauschend gewesen, und es stand die Tour als wichtigstes Rennen der Saison an. Griffen Sie deshalb zu dem Mittel?

Sinkewitz: Ich hatte Zweifel an meiner Form, trotz des Sieges am Henninger Turm. Das Jahr war nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte, vor allem bei den Klassikern. Wenn man wieder verloren hat, denkt man darüber nach, ob andere nicht deshalb schneller sind, weil sie nachhelfen. Das Verrückte ist, dass ich ja eigentlich gar keinen Druck hatte. Mein Vertrag lief noch bis Ende 2008, jeder war zufrieden mit mir. Nur ich eben nicht. Ich wollte immer besser werden.

 

(...)

 

SPIEGEL: (...) Ist ein kleiner Beutel Testosteron für Sie kein Doping?

Sinkewitz: Ich wusste, dass es verboten ist, na klar. Aber ich ging davon aus, dass die Menge nicht nachweisbar sein würde. Es gab da auch nicht das Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben.

 

SPIEGEL: Sie wussten, dass Sie etwas Verbotenes getan haben, aber Sie hielten das für ein Lappalie?

Sinkewitz: So ist es immer von uns Radprofis gehandhabt worden. Ich habe mir nichts dabei gedacht, als ich mir das Zeug auftrug. Wahrscheinlich werde ich nie die richtige Antwort finden, warum ich das getan habe. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich das Testosteron-Gel genommen habe - weil es so viel nicht bringt. Aber irgendetwas zu nehmen, um meine Leistung zu steigern, das hat zu meinem Leben einfach dazugehört.

 

SPIEGEL: T-Mobile hatte für 2007 einen strikten Anti-Doping-Kurs eingeschlagen, das musste Ihnen bewusst gewesen sein. Oder war Ihnen das von der Teamleitung nicht deutlich genug gemacht worden?

Sinkewitz: Natürlich hieß es: kein Doping! Aber als Fahrer fällt es einem schwer zu glauben, dass es wirklich von heute auf morgen anders sein soll. Der Erfolg muss ja trotzdem stimmen. Ich habe die Botschaft so verstanden: Lasst euch nicht erwischen! Inzwischen weiß ich, dass sie es wirklich ernst gemeint hatten.

 

SPIEGEL: Was haben Sie in diesem Jahr sonst noch genommen außer Testosteron?

Sinkewitz: Kortison.

 

SPIEGEL: Das war alles?

Sinkewitz: Ja. Das Risiko war zu groß. T-Mobile hatte interne Tests eingeführt, außerdem mussten wir im Training immer damit rechnen, dass Kontrolleure anklopfen.

 

SPIEGEL: Sie wurden schon mit 20 Jahren Berufsrennfahrer, jetzt sind Sie 27. Kann es sein, dass Sie abhängig geworden sind von Dopingmitteln?

Sinkewitz: Ich würde es nicht Sucht nennen. Aber es ist doch so: Wenn man als Neuprofi in ein Team kommt, trifft man auf ein System. Es wird einem als jungem Fahrer von den älteren vermittelt, wie das Geschäft läuft. Du bist ehrgeizig, trainierst gut, ernährst dich professionell und hilfst irgendwann ein bisschen nach. Es läuft immer besser, der Erfolg kommt, du wirst anerkannt, jeder hat dich gern, jeder hat dich lieb. So wird Doping normal.

 

(...)

 

SPIEGEL: War in Ihrer Karriere von Anfang an Doping im Spiel?

Sinkewitz: Nein. Meine ersten zwei Profijahre war ich bei Mapei in Italien, in deren Nachwuchsteam. Wir sind kleine Rennen gefahren, Doping war kein Thema.

 

SPIEGEL: Mapei zog sich Ende 2002 als Sponsor zurück, Sie wechselten dann zu Quick Step nach Belgien und fuhren die großen Rennen. Wie lief es in Ihrem neuen Team?

Sinkewitz: Anders.

 

SPIEGEL: Dort wurde Ihnen schnell klargemacht, dass man nachhelfen sollte?

Sinkewitz: Ja. Das kam so rüber, als machten wir dabei nichts anders als alle anderen. Als gehörte es zur Professionalität. Jeder wusste es, aber keiner will's wissen. Man redete nicht darüber.

 

SPIEGEL: Wie haben Sie gelernt zu dopen? Von anderen Fahrern, von Ärzten?

Sinkewitz: Von allen ein bisschen. Ich habe das Doping ja nicht erfunden.

 

SPIEGEL: Zu welchen Mitteln griffen Sie?

Sinkewitz: Damals, das ist ja längst kein Geheimnis mehr, war es Epo, das einen vorwärtsbrachte. Dazu kamen Sachen wie Kortison oder Synacthen. Blutdoping kannte ich in den Jahren noch nicht.

 

SPIEGEL: Epo ist seit 2000 nachweisbar. Wie gelang es Ihnen, bei Proben nicht aufzufallen?

Sinkewitz: Wenn ich wusste, dass eine Dosis fünf Tage nachweisbar ist, habe ich sechs Tage vor dem Wettkampf aufgehört. Trainingskontrollen gab es damals kaum.

 

SPIEGEL: Wusste Quick-Step-Chef Patrick Lefevere, was in seinem Rennstall abläuft?

Sinkewitz: Schwer zu glauben, dass es nicht so ist. Es gibt Sachen, über die spricht man nicht, aber die sind trotzdem deutlich ausgesprochen. Inwieweit er Einzelheiten kannte, weiß ich nicht.

 

(...)

 

SPIEGEL: Die T-Mobile-Profis wurden von den Ärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich von der Uni-Klinik Freiburg betreut. Haben Sie die beiden darauf angesprochen?

Sinkewitz: Ich habe im November 2005 bei unserem ersten Treffen konkret danach gefragt. Mir wurde gesagt, es sei möglich. Aber mein Eindruck war, dass die Freiburger es ungern gemacht haben, sehr ungern sogar. Sie wollten wohl verhindern, dass sich die Fahrer selbst jemanden suchen und dann etwas schiefgeht.

 

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Sinkewitz: Sie haben mich nie dazu getrieben. Sie haben nie gesagt, das müsse ich jetzt tun. Die Initiative ging von mir aus.

 

SPIEGEL: Hatten Sie keinerlei Bedenken?

Sinkewitz: Nein. Es wurde mit meinem eigenen Blut gearbeitet - was sollte daran riskant sein? Ich empfand es als viel unbedenklicher als Medikamente. Und es war sehr effektiv.

 

(...)

 

SPIEGEL: Vor der Tour de France 2006 wurden die Wohnungen des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes durchsucht. Ullrich wurde suspendiert, auch T-Mobiles Sportlicher Leiter Rudy Pevenage. Haben Sie sofort mit dem Blutdoping aufgehört?

Sinkewitz: Nein. Am Abend der ersten Etappe bin ich mit dem Auto von Straßburg nach Freiburg gefahren.

 

SPIEGEL: Da wurde Ihr Teamkamerad Ullrich zwei Tage zuvor wegen Blutdoping suspendiert, und Sie haben tatsächlich die Kaltschnäuzigkeit besessen, die gleiche Methode weiter anzuwenden?

Sinkewitz: Ja. Die Ärzte wollten das eigentlich nicht mehr machen. Aber ich habe gesagt, jetzt liegt das Blut da, jetzt können wir es auch reinmachen. Was soll da passieren? Es war ohnehin klar, dass es nach der Tour de France vorbei sein würde. Das Risiko wollte niemand mehr tragen.

 

SPIEGEL: Wie sind Sie denn für die Tour präpariert worden?

Sinkewitz: Ich sollte eigentlich zwei Beutel bekommen. Doch die waren beide nicht in Ordnung, das Blut floss einfach nicht. Beim ersten Beutel ist ein kleines bisschen geflossen, dann klumpte das Blut, beim zweiten war es ähnlich. Ich bin also quasi ungedopt die Tour gefahren. Der Arzt hat gesagt, in dieser Form sei das noch nicht vorgekommen. Das war ihm peinlich. Aber ich habe nicht weiter nach Erklärungen gesucht, man hat einfach nicht weiter nachgefragt. Ich habe mich nur geärgert. Pech gehabt.

 

SPIEGEL: Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass Sie gleich einen ganzen Liter Blut bekommen sollten?

Sinkewitz: Ursprünglich war geplant, den zweiten Beutel nach erst 10 oder 15 Tagen zu verabreichen. Aber das hätte organisiert werden müssen, und nach der Ullrich-Affäre war das zu gefährlich geworden. Es war ausgeschlossen, dass die Ärzte mit dem Blut nach Frankreich fahren.

 

SPIEGEL: Wann hatten Sie denn das Blutdepot angelegt?

Sinkewitz: Seit Anfang des Jahres habe ich nach und nach für zwei Beutel Vorrat gesorgt. Das Blut muss ja immer wieder ausgetauscht werden, weil es nach einem Monat verdirbt. Im April habe ich einen Beutel bekommen, ohne frisches Blut abzugeben. Damit wollte ich für die Klassiker gerüstet sein. Insgesamt war ich deswegen vier- oder fünfmal in Freiburg, stets in der Klinik, wo auch die normalen Untersuchungen stattfanden.

 

(...)



SZ-Interview vom 23. 11. 2007

Am 23. November antwortete Patrik Sinkewitz in der Süddeutschen Zeitung auf Fragen und enthüllte sein Doping für die WM 2000 in Plouay:

 

"Wie krank war ich eigentlich?"

 

Auszüge:

 

SZ: Herr Sinkewitz, die polizeilichen Ermittlungen befassten sich bei Ihnen aus Verjährungsgründen mit der Zeit ab 2002. Doch schon im Jahr 2000 gab es einen Vorfall bei der WM im französischen Plouay. Damals wurden Sie, laut Mitteilung des Bundes Deutscher Radfahrer, wegen Erkältung heimgeschickt. Die Funktionärin und spätere BDR-Präsidentin Sylvia Schenk sagte uns aber Ende Mai, ein Kollege aus der Verbandsspitze habe ihr erklärt, es habe damals keine Erkältung, sondern hohe Blutwerte gegeben - man habe Sie heimgeschickt, weil man nicht die junge Karriere zerstören wolle.

Sinkewitz: Bisher hat mich dazu niemand gefragt, aber es stimmt. Ich habe mich 2000 erstmals mit Doping befasst. Erst hörte man Einiges im Umfeld, dass es Epo gibt und es verbreitet ist, das zu nehmen. Dann habe ich mich erkundigt, ob es auch richtig was bringt ...

 

SZ: Bei wem erkundigt?

Sinkewitz: Ich habe unter anderem mit Trainer Peter Weibel (Junioren-Bundestrainer bis zu seiner Doping-Suspendierung 2007; d. Red.) darüber gesprochen.

 

SZ: Der langjährige deutsche Bundestrainer hat Ihnen das Blutdopingmittel Epo empfohlen?

Sinkewitz: Nicht direkt empfohlen. Ich wusste ja schon davon. Aber er hat auch nicht abgeraten. Er hat sogar gesagt, wenn in Plouay alles gut läuft bei dir, gibt’s nicht viele, die schneller fahren.

 

SZ: Der BDR-Trainer hat Sie also zum Dopen angespornt. Hat er vermittelt, dass es für Ihre Karriere richtig gut sei?

Sinkewitz: Abgeraten hat er mir nicht, ich sollte nur aufpassen.

 

SZ: Was haben Sie dann getan?

Sinkewitz: Ich habe Epo in einer Apotheke besorgt. Es war ganz einfach.

 

SZ: Ohne Rezept?

Sinkewitz: Das ging damals. Und dann habe ich das Epo ein paar Mal genommen.

 

SZ: Wer setzte die Spritzen?

Sinkewitz: Habe ich selber gemacht, war ja nicht sehr schwer. Einfach unter die Haut in den Oberarm. Wie eine Impfung, da kann man nichts falsch machen.

 

(...)

 

SZ: Was passierte dann in Plouay?

Sinkewitz: Weibel hat mir immer wieder in seinem Hotelzimmer den Hämatokritwert gemessen. Die Werte waren im Grenzbereich. Allerdings entnahm er die Tropfen aus dem Ohrläppchen, und was wir damals nicht wussten, war: dass Kapillarblut höhere Werte hat als Venenblut.

 

SZ: Waren Ihre Blutmesswerte mehrfach im Grenzbereich?

Sinkewitz: Ja, vor dem Zeitfahren, und dann hat der Trainer danach noch mal gemessen, und das war wieder grenzwertig. Da hat er gemeint, ja, dann fährst du wohl mal besser nach Hause.

 

SZ: Wart ihr nervös, wegen der ständigen hohen Werte?

Sinkewitz: Ja, schon.

 

SZ: Wie lief das genau ab, als Sie nach Hause geschickt wurden. Von wem?

Sinkewitz: Ich denke, von Weibel. Ich bin auch nicht mehr groß im Hotel herum, um tschüss zu sagen, ich habe meine Tasche genommen, bin raus und sofort heim.

 

(...)

 

SZ: Wie vielleicht die früheren Kollegen bei Quick Step. Dort haben Sie als Profi angefangen, und auch dort hat man wohl einen jungen Mann in einem Dopingsystem aufgezogen und beschützt, ähnlich wie zuvor der eigene Verband.

Sinkewitz: Ja, bei Quick Step gab es gleich die Rundum-Versorgung, und jeder wusste Bescheid: was, wann, wie. Das war systematisches Doping. Ich war jetzt eben drin im Radsport. Doping war das ja für mich sowieso nicht. Du fühlst dich nicht schlecht dabei und denkst dir: Oh Gott, jetzt bist du gedopt! Es ist normal.

 

SZ: Ist Ihnen in all den Jahren eine Person begegnet, der Ihnen anders begegnete oder versuchte, Sie davon abzubringen?

Sinkewitz: Nein, keiner.

 

SZ: Ihr damaliger Teamchef Patrick Lefévère ist noch aktiv und Vorsitzender der Teamvereinigung. Wenn Sie sagen, alle wussten etwas - auch er?

Sinkewitz: Lefévère ist schon naiv in gewisser Weise, aber dass er gar nichts mitbekommen hat? Er wusste mit Sicherheit, was abläuft, und er ist 30 Jahre dabei, da brauchen wir uns nichts vorzumachen.

 

SZ: Nach Quick Step wechselten Sie zu T-Mobile. Wie läuft im neuen Team die Kontaktaufnahme zum Dopingsystem ab?

Sinkewitz: Naja, ich war ja nun schon fünf Jahre Profi, und als Profi weißt du, dass überall etwas geht. Dass es auch bei T-Mobile läuft, wusste ich, also habe ich mit Lothar Heinrich (früherer, grundsätzlich geständiger Teamarzt) geredet. Da wurde dann ein Termin ausgemacht, und dann wusste jeder Bescheid.

 

(...)

 

SZ: Das Spektakuläre an Ihrer Aussage war, dass Sie trotz des frischen Dopingskandals um Ihren Kapitän Jan Ullrich kurz vor dem Tourstart Ende Juni 2006 noch am Abend der ersten Etappe zu Heinrich nach Freiburg gefahren sind. Sind Sie heute selbst entsetzt?

Sinkewitz: Klar, im Nachhinein muss ich auch sagen: Wie krank war ich eigentlich? Du kapierst eben Vieles erst, wenn es zu spät ist. Vorher bist du in deinem Wahn drin. Damals habe ich das eben ganz an-ders erlebt. Du bist da bei der Tour de France, morgen ist der Prolog...

 

SZ: ...aber gestern ist doch mein Kapitän suspendiert worden!

Sinkewitz: Klar, das weißt du: Scheiße, der ist weg. Aber wir fahren halt die Tour weiter, ich fahr weiter. Du bist Profi!

 

SZ: Und Sie hatten keine Befürchtung, dass die Sache jetzt doch auffliegt?

Sinkewitz: Nö, wie denn?

 

SZ: Ist ja nicht nachweisbar!

Sinkewitz: Eben! Und wenn ich das nicht jetzt freiwillig gesagt hätte, würde es heute noch keiner wissen.

 

SZ: Gar keine Angst gehabt?

Sinkewitz: Doch, schon Angst, irgendwie. Aber es war ja eh klar, dass es damit nach der Tour nicht weiter gehen kann. Und du leidest ja auch drei, vier Monate, wenn du vorher einen Liter Blut verlierst. Du denkst: Mein Gott, nur noch dieser Abend, dann ist das fertig. So dachte ich.

 

SZ: Trotzdem, man muss doch in so einer Situation sehr viel ausblenden, oder?

Sinkewitz: Ja, machst du, aber im Grunde blendest du im ganzen Radprofileben aus. Es läuft ja auch alles: Du machst deine Sache, verdienst dein Geld. Da guckst du nicht nach rechts und nicht nach links.

 

(...)


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