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Vuelta a España - Einsturzgefahr

von Perry, September 2007, Fotos © Mani Wollner, © velo-photos






gesichtslos...

Eigentlich sollte hier an dieser Stelle ein Bericht über die Ereignisse der Spanienrundfahrt stehen. Resultate, Anekdoten, Emotionen und strahlende Sieger. Doch bei der Vuelta 2007 stimmt wenig bis nichts. Und so stellt sich natürlich die Frage, was die dritte der drei großen Rundfahrten, der so genannten „Grand Tours“, überhaupt noch zur selbigen Kategorie zählen lässt.

Die Antwort fällt ernüchternd aus: Nichts!

 

Das größte Problem der Vuelta ist jenes des Radsports im Allgemeinen. Die Sportart „Radsport“ wird bei all ihrer Faszination und Tradition von außen zerdrückt. Doch der Druck von Außen ist ein Produkt von Innen. Eine Systemfrage eben. Kein Rädchen greift mehr ins andere. Ob Presse, Organisation, Fahrer, Öffentlichkeit, Anwälte oder Ärzte. Alle zerfleischen sich gegenseitig, dass es eine Freude ist oder eben bis leider der Arzt kommt. Rennen werden trotzdem gefahren und das ist auch gut so, aber alle Rennen, die 2007, 2008,2009,… ausgetragen werden, müssen mit dem selben Schicksal leben: Unglaubwürdigkeit.



Schuld daran sind alle im Inneren des Systems. Es kann nur schwer Freude aufkommen, wenn man auf die Siegerliste der Vuelta blickt. Vinokurow, Heras, Aitor Gonzales und Ullrich stehen da. Ohne Worte. Man kann sich auch die dritten der letzten Jahre ansehen: Kashechkin, Mancebo, Valverde,… So geht das immer weiter. Bei allen Unschuldsvermutungen, die man ja korrekter Weise einhalten muss: Für sauberen Radsport stehen die Namen dieser Sportler nicht.




Vinokourov



Heras



Ullrich



Kashechkin



Valverde



Das öffentliche Interesse sinkt natürlich auch weiter. Normal, wenn man in den lokalen Zeitungen nur noch von Dopingfällen liest, im Fernsehen keine Rennberichte, sondern nur noch Dopingberichte zu sehen sind und man auch selbst, als ganz gewöhnlicher Zuschauer oder gar Fan sich schon selbst dabei ertappt, wie man keine Leistung mehr für glaubwürdig erachtet. Die Übertragungszeiten sind rückläufig, weil auch die Einschaltquote sinkt. Man hat das Gefühl die Reporter haben selbst keine große Lust mehr auf ihren Beruf. Der Radsport ist ein großes Haus, dessen Dach schon immer Einsturz gefährdet war. Es gab ein Erdbeben und das Dach bröckelte. Ein weiteres brachte diese zum Einsturz und jedes weitere Beben bringt zusätzliche Risse ins ganze Haus und zerstört etwas von der Seele des Hauses. Aber die Inhaber des Gebäudes versuchen ohne Dach und mit den Rissen weiterzuleben, indem sie Schäden ignorieren oder darauf warten, das Geld und die Mittel für eine Reparatur zu erhalten.

 

Doch trotzdem stellt sie immer noch die Frage, wieso gerade die Vuelta so stark betroffen ist. Giro und Tour können weit besser mit der Krise leben.

 

Dies liegt zum einen an der Fortsetzung des schon lange andauernden Niedergangs dieses Rennens. Seit Jahren fällt der geneigte Zuschauer oder Fan nach der Tour im August in ein Sommerloch. Eine These, die man mit einem attraktiven Rennen locker wegstecken könnte. „Um die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen reicht es nicht ihnen auf die Schulter zu tippen. Man muss sie schon mit einem Vorschlaghammer treffen“, meinte noch der Bösewicht in Sieben. Er hat leider Recht. Und ist es nicht nur ein sanftes auf die Schulter tippen, wenn man ein Rennen beobachtet, dass über langweilige, endlose Strecken fernab jeglicher Zivilisation oder eben über gerade Autobahnen bei diesem Spanien-September-Look führt? Die Landschaften mögen schön sein, aber der Zuschauer lechzt nach Stimmung, nach Atmosphäre, nach Adrenalin. Für Landschaftsaufnahmen kann er auch eine Dokumentation anschauen oder in den Urlaub fahren.






Urlaub in den Pyrenäen



Außerdem hatte die Vuelta noch nie viele Zuschauer. Selten bis nie entsteht ein Spalier von Fans, die bei Bergankünften ihre Fahrer nach oben peitschen. Man freut sich ja schon, wenn im unmittelbaren Zielbereich ein paar Menschenseelen weilen.

 

Ebenfalls sehr fragwürdig erscheint die Qualität der Fahrer. Ist hier die Tour de France der Primus und der Giro die Nationalrundfahrt des momentanen Radsportlandes Numero Uno, hat die Vuelta doch deutlich zu kämpfen. Verkaufsspruch ist die „Tour-Revanche der spanischen Bergziegen“. Liest sich die Startliste zu Beginn noch relativ attraktiv, so lässt sich mit Erfahrung schon eine deutlich kleinere Spitze herausfiltern. Und hier kommen wir auch zum größten Problem der Vuelta gegenüber den anderen Rundfahrten. Der Termin. Ein gutes Drittel aller Fahrer „benutzt“ die Spanienrundfahrt nur als Vorbereitung auf die WM. Prominente Namen wie Bettini, Cunego, Freire, Rebellin, Schumacher,… Diese Fahrer machen ihr eigenes Rennen. Sie holen Etappensiege und sammeln Kilometer, aber eigentlich ist ihnen egal, wo sie das machen. Bezeichnend hierfür, dass Paolo Bettini darauf verzichtete das Punktetrikot zu tragen, weil ihm wichtiger war noch mal im Weltmeistertrikot zu fahren. Der Stellenwert des Rennens ist damit schon beschrieben. Die Top10 besteht am Ende eigentlich schon aus Spitzenfahrern. Nur diese scheinen nur ihre Form aus der Tour zu konservieren und kommen teilweise (Evans,Sastre) auf dem Zahnfleisch daher. Es wirkt so wie: „ Nehmen wir halt noch unsere Form mit und fahren bei der Vuelta auf Sieg.“ Haben Giro und Tour bei manchen Fahrern absolute Priorität und gelten als Saisonhöhepunkt, kann das von der Rundfahrt auf der iberischen Halbinsel niemand sagen. Selbst die spanischen Fahrer ziehen die Tour vor und treten bei der Vuelta eben nur aus Verpflichtung auf.




Der Madrider Zielbereich 2005



Verpflichtend ist auch das Zusehen, weil man als Radsportfan ja doch irgendwie zusehen muss. Man schläft teilweise vor dem Fernseher oder schaltet gerade auf Flachetappen erst die letzten 10 Minuten ein. Ein Jammer. Derweil gab es einige Highlights: Offensive gefahrene Bergetappen, Veränderungen in den Top10 en masse, Windkanten… Das ganze Programm also. Und es gab (noch) nicht mal einen positiven Dopingfall, wenn wir Lorenzo Bernucci mal getrost als Vuelta-irrelevant betrachten. Allerdings ist es natürlich auch nicht gerade förderlich, wenn ein uncharismatischer Sieger dass Rennen vom ersten bis zum letzten Tag dominiert.

 

Seit einigen Jahren wird gefordert die Vuelta zu kürzen. Spätestens bei dieser Austragung muss wirklich jeder gesehen haben, dass ein solches Rennen in diesem bröckelnden Radsporthaus unter diesen Bedingungen und bei diesem Termin keine Chance hat zu überleben. Doch zusammenfassend ist zu sagen, dass die Vuelta nur ein kleiner Teil des Problems Radsport ist. Und die Kleinen trifft es oft am Härtesten.




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