Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 

Doping wirkt! Oder: How to change a running system (Teil 2)


von torte, 07.06.2007

 

>>> Teil 1



Aufmerksamkeit um jeden Preis

Die dritte Antwort hat mit der zweitwichtigsten Währung zu tun, die im Sport- und Mediensystem gilt: mit Aufmerksamkeit. Die Aufdeckung der Dopingpraktiken hat dem „Team Telekom“, seinen Fahrern und auch dem Sponsor einen zweiten Toursieg geschenkt. Die Aufmerksamkeit, die der Dopingskandal 2007 brachte, ist als PR-Kampagne unbezahlbar – dabei brauchten „T-Mobile“ keinen Cent für wochenlange bundesweite Presse- und Medienpräsenz berappen. Da behaupte noch einer, Doping lohne sich nicht.




Insofern ist die Rolle der Medien durchaus ambivalent. Sie verdienen an den aktuellen Skandalen und ihrer „Aufklärungsarbeit“ ebenso gut, wie sie am durch Jan Ullrich ausgelösten Radsportboom verdient haben. Und sie wären damals wie heute vom Geschäft ausgeschlossen geblieben, hätte Jan Ullrich Gewissensnöte gehabt, sich den Gepflogenheiten im Profiradzirkus anzupassen. Um kritische Stimmen aus den Medien brauchte er sich unter den Vorzeichen von 1997 bis 2006 keine Sorgen zu machen. Einem geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul, und nichts anderes als ein Geschenk war der Toursieg 1997 und die Zeit danach für die (deutsche) Medienwelt. Gedopt? Geschenkt!

 

Die momentane Empörung ist insofern ungefähr so glaubwürdig, als würden deutsche Textilverkäufer die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Sweatshops Südostasiens anprangern. Aus ökonomischer Sicht ergibt es keinerlei Sinn, dopende Sportler anzugreifen oder korrupte Funktionäre zu überführen.



Druck von außen schweißt zusammen





Das alles zeigt: Doping ist kein Fehler im System. Doping ist Teil des Systems, und zwar ein bedeutsamer. Darum verstehen Berufssportler Doping auch nicht als Betrug. Der Verzicht auf leistungssteigernde Medikamente würde im Gegenteil einen Verzicht auf alle Vorteile bedeuten, die Doping im bestehenden Sportsystem mit sich bringt: Den Verzicht auf sportliche Wettbewerbsfähigkeit, auf wirtschaftliche Teilhabe, auf mediale Präsenz. Insofern gilt für Bjarne Riis wie für Rolf Aldag: „Es ist besser, etwas zu bereuen, was man getan hat, als etwas, das man nicht getan hat.“

 

Dieses Geschäftsgebaren zu kriminalisieren ist in etwa so richtig und so falsch wie die Kriminalisierung des „unsportlichen“ Umgangs mit Rauschmitteln und Medikamenten. Höherer Verfolgungsdruck führt nicht automatisch zu einer niedrigeren Kriminalität. Der von außen aufgebaute Druck ist auch ein Grund dafür, warum die „Szene“ zusammenhält wie die „Magdeburger Halbkugeln“ und ein Aufbrechen der Strukturen so kompliziert ist.

In der „normalen“ Drogenpolitik gibt es längst ein Umdenken weg von der „Null-Toleranz-Linie“ hin zur Prävention.




Der Berufssport ist von letzterem so weit entfernt wie der Start- vom Zielort der „Tour de France“, und die zu überwindenden Hindernisse in den Köpfen aller Beteiligten sind mindestens so schwer zu überwinden wie die legendären Alpen- und Pyrenäenpässe bei 5 Grad Celsius und Schneeregen. Und wie im richtigen Leben entspricht eine Politik der „Härte“ den medialen Anforderungen unserer Zeit weitaus besser als eine Politik des langsamen, dafür aber ständigen Wandels im Bewusstsein. Der aktuellen Generation an Sportprofis ist damit ebenfalls nicht zu helfen – ihre Chancen auf einen „sauberen“ Sport wurden schon weit vor ihrem Karrierebeginn gründlich verspielt.



Realität vs. Ethik




Warum also nicht Doping freigeben? Warum sich nicht arrangieren mit der Realität? Nur aus moralischen Bedenken? Ist nicht auch die Sorge um die Gesundheit der Sportler geheuchelt, so wie die Sorge um die Gesundheit von Soldaten geheuchelt ist, die nach Afghanistan geschickt werden? Steht es Berufssportlern nicht frei, über ihren Körper zu entscheiden und darüber, was sie ihm antun wollen? Sind wir Zuschauer berechtigt zu bestimmen, auf welche Art ein Sportler seine Leistung erbringt? Weil wir ihn letztlich dafür bezahlen?

Dann ist der Zuschauer nichts anderes als Sklavenhalter des Leistungssportlers.

 



Doping bleibt eine Frage der Ethik, des Selbstverständnisses, mit dem ein Sportler seine Leistung erbringt und vermarktet. Der Sportler ist derjenige, der diese Entscheidung fällen kann und muss. Für sich selbst, gegen den Willen von heutigen Trainern, Funktionären und Zuschauern, gegen das Verlangen nach wohl nur medizinisch präpariert erbringbaren Sonder- und Dauerhöchstleistungen.

 

Aber die Einsicht in die Bedeutung dieser Entscheidung und die Kraft, sie gegen Doping zu fällen, kann er nicht allein erbringen. Es ist die Aufgabe von Eltern, Lehrern, Trainern und Freunden, jungen Menschen vorzuleben und zu vermitteln, dass Maßlosigkeit eine Dummheit ist, dass Skrupellosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und andere das Leben nicht einfacher, sondern komplizierter machen. Nur Athleten, die ein Umfeld vorfinden, in dem sie in einer Entscheidung gegen Doping bestärkt werden, werden die Kraft haben, diese Entscheidung als richtig zu empfinden und dabei zu bleiben.

Wie weit das Umfeld gefasst werden muss, kann sich jeder einzelne von uns selbst ausmalen. Auch, wie illusorisch es ist, dass Vermarkter und Medien zu solch einem Umfeld gehören könnten. Wie lange es dauert, bis ein solches Umfeld wächst und zu dem im Sportsystem bestehenden ein Gegengewicht bilden kann, bleibt der Hoffnung überlassen.




 

Die Antwort auf Ines Geipels Worte vom Kriegsgebiet Leistungssport hat vielleicht Gustav Heinemann schon 1969 gegeben: „Nicht der Krieg, sondern der Friede ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben“. Für den Berufssport übersetzt heißt das: Je stärker alle Beteiligten den sauberen Athleten machen, umso besser wird er sich gegenüber den gedopten bewähren können.

 

Torsten Reitler


Gazzetta durchsuchen:

 
 
 
 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum