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Doping wirkt! Oder: How to change a running system


von torte, 07.06.2007

 

>>> Teil 2



Doping als Waffe?

„Im Sport herrscht Krieg mit der Waffe Mensch“. Mit diesen drastischen Worten hat die ehemalige Sprinterin Ines Geipel die gegenwärtige Situation im Spitzensport beschrieben.

Der Vergleich scheint übertrieben gewählt, aber mit einer kleinen Abwandlung kann man ihn durchaus gelten lassen. Wenn man den Sport als Schlachtfeld begreift, dann ist Doping tatsächlich eine Waffe. Die wirkungsvollste und gleichzeitig gefährlichste, die Athleten zur Verfügung steht. Doping verleiht Überlegenheit und damit die Macht, im sich im Wettkampf und somit im Sportsystem durchzusetzen. Deshalb lautet die Frage längst nicht mehr, ob Doping ein Fehler im Sportsystem ist, den es auszumerzen gilt. Die Bereitschaft, mit allen Mitteln zum Erfolg zu kommen, ist wesentlicher Bestandteil, ja vielleicht sogar Vorraussetzung, um am internationalen Sportzirkus teilhaben zu können. Die derzeitige Sportindustrie ist ohne Doping schlicht nicht vorstellbar.



Profiradsport ist Business pur

Vielleicht ist der Radsport auch deshalb so in den Mittelpunkt des Interesses geraten, weil die Grundzüge der modernen Unterhaltungsindustrie – deren Teil der Leistungssport ist – hier so pur zu Tage treten. „Ich bin kein Sportler, ich bin Profi!“ gab Rudi Altig einst zu Protokoll, und diese Aussage gilt noch immer.

Ein Radprofi, ein Berufssportler überhaupt, ist das erste Glied einer immensen Verwertungskette, die sich wie eine umgedrehte Pyramide auf dem Rücken der Athleten aufbaut.




Von der Bereitschaft eines Profis, seine Ich-AG ausschließlich auf Kapital seiner körperlichen Leistungsfähigkeit zu gründen, leben Dutzende Nutznießer. Trainer, Physiotherapeuten und Sportfunktionäre existieren als Berufsstände nur deshalb. Auch Manager, Ausrüster, Sportmediziner leben davon, sportlichen Ehrgeiz in bare Münze zu verwandeln. Im Profiradzirkus lässt sich das Spiel munter weiterspielen: Mit Rennställen, Rennserien, dem Handel mit Werbe- und TV-Rechten, Buch- und Tagesjounalismus, der touristischen Verwertung von Rundfahrten (um nur die offensichtlichsten zu nennen) hat sich ein Markt gebildet, der wie jeder Markt auf dem Spiel von Angebot und Nachfrage beruht. Mittlerweile sind die Existenzen von ganzen Unternehmen, ja Wirtschaftszweigen von der Produktion sportlicher Ereignisse abhängig, und die Dynamik dieses Marktes verlangt nach Wachstum und Nachschub.

 

Jeder, der sich für ein Leben als Berufssportler entscheidet, begibt sich mit dem Angebot seines Körpers auf diesen Markt. Der wirtschaftliche Erfolg seines Unterfangens wächst exponentiell mit der Leistung, die sein Körper zu erbringen in der Lage ist. Der Drittplatzierte verdient nicht ein Drittel dessen, was der Sieger einstreicht. Schon der Zweite ist der erste Verlierer, auch ökonomisch.



Moral ist kein ökonomischer Faktor

Ist dieser Mechanismus nicht jedem bekannt, der sich beruflich oder „nur“ interessehalber mit Leistungssport beschäftigt? Sind junge Athleten, die Profi werden wollen, tatsächlich so naiv, dass sie an die Kraft der „reinen“ Leistung glauben? Dass sie von den Beziehungsgeflechten, den Loyalitäten und ökonomischen Zwängen nichts ahnen? Oder ist es vielleicht sogar so, dass es für die Entscheidung, Profisportler zu werden, sogar unabdingbar ist, sich über die Verhältnisse im Klaren zu sein?

Ist das Kartell des Schweigens und Vertuschens auch deshalb so stark, weil sich hier auf der einen Seite diejenigen gefunden haben, die für Erfolg bereit sind, alle Ressourcen zu nutzen und auf der anderen Seite jene, welche über die Ressourcen verfügen?

Dann hätte wirklich niemand einen Grund, sich als Betrüger zu fühlen.






Nun kann man die Entwicklung des Sports zu einem reinen Wirtschaftszweig bedauerlich finden. So bedauerlich, wie man die Durchökonomisierung all unserer Lebensbereiche finden mag. Am Ende ist es sicher Augenwischerei zu glauben, in den Bedingungen einer Mediengesellschaft könne der Sport gleichzeitig Massenphänomen sein und dabei organisiert wie ein wohltätiger Bürgerverein. Wirtschaft an sich ist nichts Übles – doch für den Sportler ergibt sich aus der derzeitigen Situation das Dilemma, dass er im Grunde völlig austauschbar geworden ist. Die „Tour de France“, Olympische Spiele, Fussballweltmeisterschaften werden längst nicht mehr veranstaltet, um dem Sport zu dienen. Es sind Marketingevents, die zum Verkauf von allem Möglichen animieren sollen. Sport ist dabei nur notwendig, um potentielle Käufer in die Stadien, an die Serpentinen oder vor den Fernseher zu locken.



Sportler als (Markt)Eroberer



Tour de France 2006
© capture-the-peloton

Die Aufgabe der Sportler besteht hauptsächlich darin, Märkte zu öffnen. So wie Jan Ullrich, Bjarne Riis und Lance Armstrong es für ihre Heimatländer, allesamt keine "klassischen" Radsportnationen, getan haben. Aber letztlich ist es egal, wo und mit wem Geld verdient wird – Hauptsache, es wird verdient. Nach rein geschäftlichen Prämissen müssten Tourstars der nächsten Generationen aus lukrativen, aber noch nicht erschlossenen Märkten kommen. Südostasien, China, Indien. Unvorstellbar? Wir werden sehen; die nächsten Olympischen Spiele in Peking werden wohl auch dahingehend einen Fingerzeig liefern.






In diesem Zusammenhang bekommt auch der Satz einen Sinn, dass nicht die Stars die "Tour", sondern die "Tour" die Stars macht. Das gilt ebenso für alle anderen Sportarten, und längst ist die relative Austauschbarkeit der Sportler vollständig akzeptiert. Die Stars spielen natürlich als Zugpferd für die Events eine wichtige Rolle, aber längst ist auch die Sportindustrie global aufgestellt. Das gilt sowohl für Ländergrenzen als auch für die einzelnen Disziplinen. Als der Tennisboom in Deutschland vorrüber war, wurden neue Märkte erschlossen - Radsport, Skispringen, Biathlon. Wer geschäftlich beim Tennis bleiben wollte, verdiente sein Geld dann in anderen Ländern. Mit neuen Gesichtern, neuen Stars.



 

>>> Fortsetzung


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