Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 

Mailand - San Remo, La Primavera, la Classicissima



Mailand-San Remo 2007 in Google Earth

Die Strecke in Google Earth

Die Strecke in Google Maps

Der Link zu Google Maps öffnt eine Karte im Browser. Für den Google-Earth-Link (3D-Ansicht) muß das Programm "Google Earth" installiert sein.

Die Strecke in Google Earth


Kleine Geschichte(n) - 1907 bis 2007


Einmal Mailand-San Remo gewinnen steht ganz oben auf der Wunschliste vieler Sprinter und Eintagesspezialisten oder wenigstens will man dabei gewesen sein und manchmal werden ja auch Träume wahr. Daher waren und sind fast alle die Rang und Namen haben, am Start, wenn dieser große Klassiker zum Frühjahrsbeginn ausgetragen wird. La Primavera, die Fahrt in den Frühling, ist etwas ganz besonderes, auch weil sie mit fast 300 km Streckenlänge das längste Eintagesrennen ist, das in die UCI-Wertungen einging (bis 2004 in den Welt-Cup, ab 2005 in die ProTour).

 

Erfunden wurde das Rennen vor einhundert Jahren, weil einige Herren den Wunsch hatten, die Riviera der städtischen Bevölkerung in Mailand als Urlaubsgegend zu empfehlen. Camillo Costamagno, Chefredakteur bei der Gazzetta dello Sport, dachte da schnell an ein Radrennen. Unklar war jedoch, ob die Straßenverhältnisse solch ein Spektakel überhaupt zuließen. Ein im Jahr 1906 durchgeführtes Autorennen zeigte den Karossen am Turchino-Pass die Grenzen auf, wie sollten dann erst die Radler diese 20 km lange Steigung auf unbefestigten Straßen bewältigen? So schickte man den Sieger der Lombardei-Rundfahrt von 1905 Giovanni Gerbi, als Testfahrer auf die Strecke. Er kam heil in San Remo an und nichts stand mehr der ersten Austragung 1907 im Wege.






Am 14. April 1907 begaben sich in den frühen Morgenstunden 33 Fahrer bei Regen auf die 288 km lange Strecke. 14 Fahrer errreichten das Ziel. Lange Zeit sah es nach einem Zweikampf zwischen Giovanni Gerbi und Gustave Garrigou aus, doch Gerbi bewies Teamgeist und wartete zu Garrigous Ärger auf seinen Kollegen Lucien Petit Breton, der aufschloss und nach 11 Stunden als erster über die Ziellinie rollten konnte. Der letzte Fahrer schaffte dies ca. 4 Stunden später.

 

Wie unglaublich hart die damaligen Rennverhältnisse sein konnten, lassen Schilderungen des Rennens von 1910 erahnen. 63 Fahrer nahmen am 3. April bei Regen die Fahrt auf. Nach 130 Kilometern herrschten am Turchino sibirische Verhältnisse. Eis, Schnee, Sturm und Regen zwangen die Fahrer vom Rad und die meisten zur Aufgabe. Eugène Christophe, der vor allem aufgrund seiner Schmiede-Episode während der Tour de France 1913 heute noch bekannt ist, trotzte mit 3 anderen allen Widrigkeiten, wenn auch zu einem hohen Preis. Von Magenkrämpfen geplagt, brach er zusammen. Christophe: "Glücklicherweise kam ein Mann vorbei. Er nahm mich unter den Arm, führte mich zu der Hütte, die sich als kleines Gasthaus erwies. Der Wirt zog mich aus, hüllte mich in eine Bettdecke. Ich murmelte nur etwas von heißem Wasser und zeigte auf die Flasche mit Ruhm." "Nach 25 Minuten sah ich, wie draußen vier Fahrer vorbeikamen. Oder vielmehr vier Säulen aus Schlamm. Ich entschloss mich ihnen hinterherzufahren." Christophe überholte seine Kollegen und erreichte das Ziel nach 12 Stunden und 24 Minuten, eine Stunde vor dem zweiten Giovanni Cocchi. Luigi Ganna wurde disqualifiziert, er war einige Zeit mit dem Auto unterwegs gewesen. Eugène musste wegen einer lebensbedrohenden Unterkühlung einen Monat in einem Krankenhaus an der Riviera verbringen. Zwei Jahre benötigte er, bis er wieder vollständig genesen war. (Rolf Gölz, MSR 1910)



1927 ein Nobody siegt

Es sind vor allem berühmte Namen, die in der Siegesliste auftauchen. Doch gelegentlich gelang es unbekannten den Cracks ein Schnippchen zu schlagen. So auch 1927.

Der flachsblonde, erst 23 Jahre alte Pietro Chesi, ein Unbabhängiger, kräftig gebaut, wenn auch nur 1,62 m groß, weiß von seiner Ausdauerfähigkeit und dass Sprinten nicht seine Sache ist. Er hat nichts zur verlieren. So tritt er 220 km vor dem Ziel plötzlich an und eilt davon, lediglich ein weiterer unabhängiger Fahrer hängt sich an sein Hinterrad. 50 km kommen sie gemeinsam voran, dann ist Chesi allein. Das Feld nahm den jungen Mann anfangs nicht ernst. Als man sich endlich besann, war es zu spät. Mit 9 Minuten Vorsprung erreichte Pietri Chesi das Ziel vor Alfredo Binda. Dieser musste dann noch ein weiteres Jahr auf einen Sieg warten. Girardengo brauchte 1928 noch einen 6. Sieg und schlug Binda knapp im Sprint. Erst 1929 stand Alfredo ganz oben, ebenso wie 1931.

Doch wie ging es weiter mit Pietro Chesi? Brachte ihm der Sieg Glück? 1928 finden wir ihn immerhin auf dem 8. Platz von Mailand-San Remo wieder.




Szenen von...
Pietro Chesi im Bild



...Mailand San-Remo
1927



1946 Coppis erster Primavera-Sieg

Radsport-Nostalgiker denken sicher gerne an das Jahr 1946 zurück. Die Spaltung der Italienischen Radsportfans in Coppisten und Bartalisten hatte begonnen. Coppi und Bartali traten jetzt in unterschiedlichen Teams an. Beide wollten unbedingt die Fahrt in den Frühling gewinnen. Fausto hatte angeblich bereits 7000 Trainingskilometer in den Beinen, als am 19. März in Mailand vor allem die italienische Radelite antrat.





Fausto am Berg
Bilder-Portrait

Im Anstieg zum Turchino, nach ca. 140 Rennkilometern, griff Fausto Coppi an, fuhr zur Spritzengruppe auf, sprengte diese und zog, anfangs mit Lucien Teissiere im Schlepptau, davon. Die Fahrt hinunter nach San Remo, ungefähr die Hälfte des Rennens, legte Fausto dann allein zurück. Claude Tillet von der l'Equipe schwärmte: "Coppi erschien am Turchino, schnell, fast zu schnell für die Fotografen. Seine langen, schlanken Beine, sein gedrungener Öperkörper mit dem mächtigen Brustkasten, der Kopf zwischen den Achseln vergraben, die hervortretenden Augen, der leicht geöffnete, nach Atem ringende Mund, die Adlernase. Alles ergab paradoxerweise eine vollkommene Harmonie." (Walter Lemke) Hinter Coppi entbrannte ein heftiger Kampf, doch der entfesselt fahrende Fausto ward nicht mehr gesehen. Allein 8 Minuten nahm Coppi dem Franzosen auf der Abfahrt ab, im Ziel waren es dann 14 Minuten, die nächste Gruppe mit Bartali überquerte weitere 4 Minuten später die Ziellinie.

 

Fausto Coppi gewann 1948 und 1949 erneut die Classicissima. 1948, es war ein Rennen im Nebel, löste er sich 40 Kilometer vor dem Ziel von den anderen. "Mit unwiderstehlichem Antritt ließ er seine Gegner förmlich stehen! Im Verfolgertrio wurde Baito von einem Auto angefahren und musste ausscheiden. Das Ziel auf dem Motodrom glich einem Hexenkessel." (IRE, 1948) Fausto war es gelungen 5 Minuten herauszufahren. Auch 1949 gelang ihm eine Alleinfahrt, die 30 Kilometer wärte und ihm einen Vorsprung von über 4 Minuten einbrachte.






Start des Rennens 1948



Deutsche und zweite Plätze

Rolf Wolfshohl hätte so gerne einen Klassiker gewonnen, doch es sollte nicht sein: 1962 zweiter bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, 1963 zweiter bei Mailand-San Remo. 45 Minuten lang durfte er sich in Italien als Sieger fühlen, aber Joseph Groussard legte Protest ein und bekam Recht.





Erik Zabel 2004 vor Lüttich-Bastogne-Lüttich.
Ob er ans Jubeln denkt?
© velo-photos

Auch Rolf Gölz wurde nicht so recht glücklich. 1990 ließ es sich recht gut an. An der Cipressa macht er sich mit fünf anderen auf die Verfolgung des enteilten Gianni Bugno. Doch die Gruppe läuft nicht wie gewünscht und Rolf Gölz sieht eine Möglichkeit auszureißen. Es gelingt, "der Abstand schmilzt wie im Sommer ein Schokoriegel in der Trikottasche. (...) Im Überschwang der Gefühle lasse ich den Gang stehen. Ein verhängnisvoller Fehler: Binnen Sekunden sind meine Beine total übersäuert. (...) Ich habe das Gefühl, im Berg zu stehen. Es nützt auch nicht mehr, zurückzuschalten. Hilflos muss ich mit ansehen, wie Gianni Bugno wieder entschwindet."(...)"Im Abstand von hundert Metern sausen wir über den Corso Cavalotti. Ohnmächtig sehe ich zu, wie Gianni Bugno zehn Meter vor dem Ziel seine Arme jubelnd gen Himmel streckt." (...)"Der Instikt hat mich in einem der wichtigsten Momente meiner Karriere verlassen. Keinem Rennen werde ich je so sehr nachtrauern wie diesem."

 

Und noch einer trauerte, oder stand sogar lange Zeit unter Schock: Erik Zabel - Mister San Remo - riss 2004 im sicheren Gefühl seines fünften Triumphes vor der Ziellinie die Arme hoch, doch Oscar Freire nahm darauf keine Rücksicht und schoss in letzter Sekunde an ihm vorbei.



immer mehr eine Strecke für Sprinter ?!





Rik Van Steebergen, Sieger 1954:
Auf der Via Romain San Remo zu gewinnen, Mann, das war unbeschreiblich schön. Es ist einfach die prächtigste Zielankunft der Welt. Es ist die Zielankunft mit der größten Ausstrahlung. Hier zu siegen, bedeutet für jeden Rennsportler beinahe so viel wie der Gewinn eines WM-Titels."



Infos


Wer in den ersten Jahren den Turchino-Pass in der ersten Reihe überwinden konnte, hatte gute Chancen in San Remo ganz vorne anzukommen, doch in den 50er Jahren verlor die Steigung ihre Bedeutung als Scharfrichter. Immer häufiger kam es zu Sprintentscheidungen aus einer größeren Gruppe heraus. Daher fügte man 1960 den Poggio di San Remo ein, das half aber nur kurze Zeit. So kam 1982 der Cipressa-Anstieg hinzu. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass ein beachtliches Peloton geschlossen San Remo zueilte. Gelegentlich schaftten es aber doch Barroudeure wegzukommen. Z. B. 1992, da versuchte es zuerst Moreno Argentin, Sean Kelly schloss dank einer halsbrecherischen Abfahrt vom Poggio auf und fing Argentin noch ab. So werden die Anstiege auch heute noch von den Zuschauern mit Spannung erwartet, denn Versuche wegzukommen, gibt es immer wieder. Doch die heutige Sprinterelite kann diese giftigen Steigungen durchaus bewältigen. Erik Zabel hat dies eindrucksvoll bewiesen mit seinen 4 Siegen. Und fast wäre ihm sogar das Kunststück gelungen dreimal, ja sogar vier Mal hintereinander zu triumphieren. Selbst die beiden erfolgreichsten Fahrer, Costante Girardengo und Eddy Merckx, mussten jeweils nach zwei ersten Plätzen anderen wieder den Vortritt lassen.



 

 

Quellen:

Rolf Gölz, Mythos Klassiker, 2003

Walter Rottiers, Rik Van Steenbergen, 2005

Walter Lemke, Fausto Coppi, 1999

 

Memoire du Cyclisme

milansanremo.co.uk

cyclingrevealed.com

 

Illustrierter Radsport Express (IRE), 1948

Archiv cycling4fans

 

google earth von donon und Heinz Helfgen

Maki, März 2007

© cycling4fans


Gazzetta durchsuchen:

 

Mailand-San Remo

ausgewählte Daten
Podium


M-SR in Google Earth


 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum