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Testosteron - Leistung und Nachweis



(Doping)Mittel und Methoden



Das folgende Interviews erschien am 28.12.2006 in der schweizer Zeitschrift La Liberté auf Französisch. Das Gespräch führte Jean Ammann mit Martial Saugy.

 

Ergänzend siehe auch 24 heures 31.8.2006

 

Wie Testosteron auf das Leistungsvermögen wirken kann, erläutert Stabhochspringer Balian Buschbaum, zuvor Yvonne, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht bzw. unterzog. Er beschreibt deutlich die enormen Veränderungen, die sich für ihn ergaben. Entsprechende Wandlungen, körperlich und mental, lassen sich auch gut bei Sportlern, die mit Testosteron dopen, erkennen.

FAZ, Buschbaum: „Ich kam mir vor wie ein Pitbull“, 21.9.2008



Manchen Sportlern, die mit Testosteron gedopt haben, kann man nichts nachweisen.

An der Universität Lausanne kam es zu einer außergewöhnlichen Studie. An Freiwilligen wurden die Effekte von Testosteron und Nandrolon auf Ausdauersportler untersucht.

 

Zwei Sporthelden sind kurze Zeit hintereinander abgestürzt : Sowohl Justin Gatlin, 100m, als auch Floyd Landis, Tour de France, wurde Doping mit Testosteron nachgewiesen. Welche Effekte bringt dieses männliche Hormon, dem man Wunderdinge nachsagt, hervor? Ende 2004 und Anfang 2005 führte die Universität Lausanne eine Doppelblind-Studie mit 30 Freiwilligen durch: Während eines Monats dopten sich Sportstudenten mit Testosteron, Nandrolon und einem Placebo. Norbert Baume und Martial Saugy, Leiter des Doping-Analyse-Labors in Lausanne, leiteten diese außergewöhnliche Studie. Saugy kommentiert im Folgenden diese Studie, die in Fachzeitschriften publiziert wurde.



Ammann: Wenn man die Resultate ihrer Studie liest, ist man überrascht: Sie schreiben, die physischen Tests zeigen keine Leistungsunterschiede zwischen den drei Gruppen. Ist ein Placebo genauso wirkungsvoll wie Testosteron und Nandrolon?

 

Saugy : Vorsicht. Die Sportmedizin-Spezialisten wissen, dass es sehr schwierig ist, Auswirkungen eines Mittels auf die Leistungsfähigkeit zu messen. Wir haben einige Blutparameter analysiert und sind uns bewusst, dass wir keine grundsätzlichen Aussagen bezüglich der Bevölkerung vorlegen können. Ich gehe davon aus, dass die Anzahl der Fälle (10 Placebos, 10 Testosteron, 10 Nandrolon) wissenschaftlich nicht repräsentativ ist. Bei einigen Personen sind die Testosteroneffekte quantifizierbar, bei anderen zeigt sich keine Auswirkung. Wir mussten feststellen, dass innerhalb ein und derselben Gruppe große Schwankungen auftreten und das ist für uns Antidopingakteure sehr interessant.

 

Ammann: Warum ?

 

Saugy : Weil wir mit dieser Studie den Beweis haben, dass Dopen mit Testosteron bei manchen Personen nicht nachweisbar ist. Sehen wir uns ein paar Profile an: Nach einigen Stunden war das Testosteron/Epitestosteron-Verhältnis, dieser berühmte Quotient, der ab dem Verhältnis 4/1 zum Dopingverdacht führt, fast wieder normal. In der Mehrzahl der Fälle stellten wir eine Erhöhung des T/E fest, aber diese Erhöhung war sehr variabel und vor allem, sie war vorübergehend: Das heißt, das Zeitfenster, innerhalb dessen eine Erkennung möglich wird, ist sehr klein, es beträgt nur wenige Stunden. Als Beispiel: Ein Sportler, der abends um 10 Uhr Testosteron nimmt, wird am nächsten Morgen negativ sein : Sein T/E-Quotient verrät nichts.

 

Ammann: Aber der T/E-Quotient ist nicht die einzige Möglichkeit Testosteron-Doping nachzuweisen…

 

Saugy : Ja, es gibt noch andere Methoden. Die Laboratorien haben basierend auf Beispielen aus der Geologie und der Nahrungsmittelindustrie, eine Technik entwickelt, die auf Radio-Isotopen beruht. Dieser Isotopentest (IRMS: isotope ratio mass spectrometry) ermöglichte den Nachweis von exogenem Testosteron in Landis Urin. Testosteron zerfällt im Organismus in verschiedene Metaboliten, die IRMS auffindet. Aber auch dies ist nur möglich innerhalb weniger Stunden.

 

Ammann: Was sie sagen, erinnert an EPO-Doping, auch hier ist das Nachweis-Fenster extrem klein geworden…

 

Saugy : Exakt, es handelt sich um dasselbe Muster, da es sich beim Doping mit EPO und Testosteron um hormonelle Vorgänge handelt: Das Produkt löst eine Menge biologischer Reaktionen aus, auf die jeder Mensch unterschiedlich reagiert. Wir konnten feststellen, dass der EPO- und Testosteron-Nachweis bei Dopingkontrollen abhängig ist von der individuellen Produktion dieser Hormone.

 

Ammann: Sind die Nachweisfenster so klein geworden, weil die Dopingpraxis sich verändert hat?

 

Saugy : Ganz sicher. Mit EPO sind wir bei Mikrodosen angelangt und bei Testosteron ging man von intramuskulären Injektionen über zu Pflastern, Cremes oder oralen Dosen. Während eine intramuskuläre Injektion den T/E-Qotienten auf 200/1 ansteigen ließ, zeigen die modernen Anwendungsmethoden, die in den 90er Jahren aufkamen, praktisch keine Auswirkungen mehr. Bei einem Pflaster gibt es keinen Höchstwert (Pic) mehr und bei der oralen Einnahme, verschwindet solch ein Wert schnell wieder. Gleichzeitig lassen Fälle und Geständnisse vermuten, dass Testosteron eines der beliebtesten Anabolika bei Sportlern ist, obwohl wir nur wenige positive Fälle haben. Wie lässt sich das erklären? Man muss eingestehen, der T/E-Quotient als alleiniger Beweis für Testosteron-Doping genügt nicht.

 

Ammann: Warum konzentrierte sich Ihre Studie auf die Regenerationswirkung von Testosteron, wo der Haupteffekt doch allgemein eher im Muskelaufbau gesehen wird?

 

Saugy : Im Gegenteil, Testosteron, ebenso wie synthetische Anabolika, werden auch in Ausdauersportarten angewandt. Wir haben unseren Probanten jeden zweiten Tag 80 Milligramm verschrieben, das entspricht der Menge, die manche Ausdauersportler zu sich nehmen. Mit dieser Menge, die ich für vernünftig halte, versucht man die Erholungsfähigkeit und nicht die Kraft zu verbessern. Ich denke 80 Milligramm sind realistisch: Wird die Dosis erhöht, befinden sich die dopenden Sportler innerhalb einer längeren Nachweisbarkeitsfrist. Betrachten wir den Fall von Floyd Landis: Am Abend nach seinem Einbruch am Anstieg nach la Toussuire nimmt er Testosteron, um sich besser zu erholen. Vielleicht hat er sich in der Dosierung geirrt und geriet ins Nachweisfenster…

 

Ammann: Können Sie die Wirkung von Testosteron in Zahlen fassen?

 

Saugy : Wir schätzen den Leistungsgewinn auf 2 und 5 % ein… Doch bei diesen Fragen misstraue ich Zahlen, da ich schon alles Mögliche gelesen habe. Z. B. war zu lesen, dass Schwimmer mit EPO ihre Sauerstoffaufnahme um 50 % steigern könnten. Das ist reine Phantasie. Man weiß, dass EPO zu einem bestimmten Punkt die Sauerstoffaufnahmekapazität um 3 bis 4 % erhöhen kann.

 

Ammann: 3 bis 4 %, das ist wenig!

 

Saugy : Doch, das ist viel. Finnländische Forscher haben mit Langläufern gearbeitet und es stellte sich heraus, dass diese 3 bis 4 % - die Ihnen wenig erscheinen – bedeuten, dass man vom 35. auf den 1. Platz gelangen konnte. Die Sportler liegen leistungsmäßig so eng zusammen, dass diese wenigen Prozente die Hierarchie völlig durcheinander wirbeln. Falsch ist auch, was man lesen kann, dass Bluttransfusionen die Leistungen um 10 bis 15 % verbessern. Bluttransfusionen erhöhen den Hämatokrit um 10 bis 15 %, das bedeutet aber nicht, dass sich die Leistung dazu parallel erhöht.

 

Ammann: Kehren wir zu Ihrer Studie zurück: Fürchten Sie nicht, dass Ihre Studie dazu verwendet werden könnte, das Verbot von Testosteron anzugreifen?

 

Saugy : Nein, die Endokrinologen sind meiner Meinung: Es gibt überhaupt keine Zweifel an der Wirkung von Testosteron. Doch diese Wirkungen sind individuell abhängig, was es schwierig für uns macht, zu allgemeingültigen Aussagen zu gelangen. Einige Bedingungen lassen sich im Laboratorium nicht reproduzieren. Ich bin sicher, dass sich niemand in der Welt der Medizin findet, der die Wirkungen von Testosteron abstreitet. Eine der wichtigen Erkenntnisse dieser Studie, auch wenn sie nicht revolutionär ist, ist die extreme Bedeutung des individuellen Faktors. Unsere Arbeit liefert ein weiteres wichtiges Argument für individuelle Langzeitprofile von Sportlern: Man muss die biologischen Parameter nach Manipulationen durchsuchen. Voila, das ist eine Antwort auf das Hormon- und Blutdoping!


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