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die Rolle der Ärzte im Dopingkomplex und Suchtproblematik



Ist die ärztliche Überwachung des Dopings eine Lösung?

Dr. Alain Garnier, Medizinischer Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur, widerspricht in einem offenen Brief vom 11. 8. 2006 der häufig vorgebrachten Meinung, die Dopingfreigabe sei die Lösung des Problems, sofern das Dopen unter ärztlicher Kontrolle stattfände.



                   Offener Brief von Dr. Alain Garnier, WADA



Offener Brief an alle, die ein ärztlich überwachtes Doping befürworten

Aufgrund der Erklärungen verschiedener Ärzte in der letzten Zeit, die der Ansicht sind, dass Doping notwendig und sogar gesund für Athleten sei, ist es an der Zeit, wieder einmal und in aller Entschiedenheit einige grundlegende Prinzipien der medizinischen Praxis und der ethischen Pflichtenlehre zu bekräftigen.

 

Wenn jemand in seiner Funktion als Sportmediziner der Ansicht ist, dass Leistungssport nicht gesund ist, dann bedeutet es, dass diese Art der Tätigkeit für die mensch­­liche Physiologie nicht wirklich geeignet ist. Wenn das zutrifft, dann ist es schwierig, die Unterstützung und die Beteiligung von Ärzten im Sport zu rechtfertigen. Denn schließlich haben Mediziner die Verpflichtung, die Gesundheit der Athleten zu schützen.

 

Wenn eine bestimmte Situation im Sport mit der menschlichen Physiologie nicht vereinbar ist und der Gesundheit der Athleten abträglich sein könnte, hat man im Grunde nur zwei Möglichkeiten: entweder man ändert den Sport oder die Regeln, die für diesen Sport gelten, um ihn besser mit der menschlichen Natur vereinbar zu machen, oder man passt die Athleten an die Sportart an. Der erste Ansatz wird von der Fachliteratur in den Bereichen Physiologie, öffentliche Gesundheit und Arbeitsmedizin unterstützt. Die zweite Möglichkeit, für die sich bestimmte Ärzte bedauerlicherweise einsetzen, führt dahin, dass Doping als “unverzichtbar” gerechtfertigt wird.

 

Soll der Sport oder sollen die Menschen geändert werden? Das ist hier die Frage. Aufgrund der drohenden Gefahr durch die Gentherapie dürfen wir nicht zögern, diese Frage ein für alle Mal zu klären.

 

Ein Arzt sollte immer und ausnahmslos die Prinzipien der medizinischen Praxis befolgen und für die Gesundheit des Athleten kämpfen, unabhängig vom Niveau des Wettkampfs oder der möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen. Sportorganisationen ihrerseits sollten dieses Recht den Ärzten stets gewährleisten, und den Ärzten Unabhängigkeit bei ihren medizinischen Entscheidungen garantieren und sie vor Interessenkonflikten schützen. Wenn eine Situation vorliegt, die eine Bedrohung für die Gesundheit eines Athleten darstellt, sollte ein Arzt weder die Situation akzeptieren, noch etwas unternehmen, um sie erträglicher zu machen. Die Nichteinhaltung dieser grundsätzlichen Prinzipien der medizinischen Ethik führt zu äußerst ernsthaften Konsequenzen. Soll ein Arzt, der ein Folteropfer zu behandeln hat, etwa eine medizinische Behandlung befürworten, um damit die Folter weniger unerträglich für den Menschen zu machen? Ganz sicher nicht – aber genau dieser verzerrten Logik folgen diejenigen, die für ein ärztlich überwachtes Doping eintreten.

 

Zusätzlich zu den oben genannten ethischen Gründen stehen der Akzeptanz eines ärztlich überwachten Dopings viele andere medizinische Argumente entgegen.

 

Unabhängig davon, ob Medikamente oder Methoden, die für Dopingzwecke verwendet werden, tatsächlich leistungssteigernd wirken, gibt es keine wissenschaftlichen Nachweise, dass solche Praktiken, insbesondere auf mittel- und langfristige Sicht, gesund sind. Je nach Art des für das Doping verwendeten Wirkstoffs kann ein Athlet in der Lage sein, länger an Wettkämpfen teilzunehmen, schnellere Leistungen zu erbringen, höhere Belastung zu ertragen oder Schmerzen besser auszuhalten — aber dies ist mit Sicherheit weit davon entfernt, gut für die Gesundheit zu sein. Um diesen Punkt zu verdeutlichen, sollte man eine Frage berücksichtigen, die Ärzten oft gestellt wird: welche medizinische Einstellung soll bei einer Verletzung oder Fieber die richtige sein? In der allgemeinen medizinischen Praxis ist die Antwort darauf stets eindeutig. Warum sollte es dann im Sport anders sein? Kann man sich einen Arzt vorstellen, der einem Lastwagenfahrer Amphetamine verschreibt, weil er zu müde zum Weiterfahren ist?

 

Schon die Verwendung der allgemein gebräuchlichsten Medikamente ist mit Risiken und möglichen Nebenwirkungen verbunden. Gemäß diesem Grundprinzip der Pharmakologie muss jeder Arzt das Verhältnis von Risiko und Nutzen genau einschätzen können, bevor er ein Rezept ausstellt. Das Befürworten von Doping bei allen Athleten widerspricht diesem grundlegenden Prinzip der Medizin. Zu behaupten, dass ärztlich überwachtes Doping sicherer sei, weil ein Arzt beteiligt ist, geht am Kern der Sache völlig vorbei. Es liegen keine glaubwürdigen Daten vor, die darauf schließen lassen, dass ein Medikament weniger gefährlich ist, wenn es von einem Arzt ver­schrieben wurde. Tagtäglich erleben Patienten in Krankenhäusern und Klinken weltweit die Nebenwirkungen von Medikamenten trotz strenger Überwachung durch äußerst erfahrene Ärzte.

 

In der medizinischen Praxis ist die Verwendung von Medikamenten sehr streng durch Indikationen und Kontraindikationen geregelt. Es gibt keine Nachweise dafür, dass die Teilnahme an Sportwettkämpfen oder anstrengendes Trainieren eine Indikation für die Anwendung von EPO oder Bluttransfusionen ist.

 

Das Akzeptieren einer derartigen Verwendung (bzw. der missbräuchlichen Verwendung) von pharmakologischen Wirkstoffen kommt der Definition von Sportmedizin als experimenteller Praxis der Medizin bei Athleten gleich, und dabei werden die Athleten als Forschungsobjekte ohne ihre Zustimmung missbraucht, und somit werden die Regeln einer solchen “Medizin” verleugnet.

 

Im Gegensatz zu den Behauptungen der Ärzte, die Doping verteidigen, würde das Akzeptieren der Idee eines ärztlich überwachten Dopings sofort und unwiederbringlich zu einer Generalisierung von Doping und zum Ausschluss aller ehrlichen Athleten vom Sport führen, die sich weigern, Dopingmittel und unnötige Medikamente einzunehmen, und die den Sportsgeist verteidigen wollen. Doping zu fördern mag für seine Befürworter von Vorteil sein, aber nicht für den Sport und die Gesundheit der Athleten.

 

Die Behauptung, erlaubtes Doping würde zu mehr Gerechtigkeit auf den Sportplätzen führen, ist nicht einfach nur absurd – sie ist moralisch falsch und unverantwortlich. Doping zu akzeptieren würde dazu führen, dass Wettkämpfe durch die Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen und wissenschaftlicher Erkenntnisse entschieden würden, und nur diejenigen, die Zugang zu diesen Ressourcen und Kenntnissen haben, gewinnen würden. Kann man sich eine größere ungerechte Verteilung in dieser Welt vorstellen als bei wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Verfügbarkeit von Medikamenten?

Ganz bestimmt nicht. Das würde das Ende der Verdienste von Athleten bedeuten. Es würde bedeuten, dass Preise und Medaillen nicht mehr an Athleten, sondern an Pharmaunternehmen und Forschungsteams verliehen werden.

 


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