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Das Richtige im Falschen


von torte, 30.08.2006

 

Man muss es sich wohl illusionslos eingestehen: Wer im Sport zur internationalen Spitze gehören will, der darf vor medizinischer Extrabetreuung nicht zurückschrecken. Und weil sehr viele Sportler gerne zur internationalen Spitze gehören wollen, ist das Ausmaß der gegenwärtigen Dopingkrise im Leistungssport nur allzu erklärlich. Vermutlich werden schon in den Nachwuchsabteilungen die Wunder der Welt- und Europarekordler längst nicht mehr als Wunder, sondern als professionelles Ausschöpfen aller Reserven verstanden. Und es steht zu befürchten, dass nur die Öffentlichkeit das Doping im Sport als Problem sieht. Sportler betrachten es wohl eher emotionslos als Teil des Geschäfts.



Blick über den Tellerrand

Die Macht, etwas zu ändern, liegt genau darum zuerst bei den Sportlern selbst. Sie müssen die Entscheidung dagegen treffen, ganz bewusst und aus eigenem Ansporn. Auch wenn es aussichtslos erscheint: Wie soll sich ein Athlet durchsetzen, der nur auf die Kraft seines Körpers, auf Training, mentale Stärke und bewusstes Leben vertraut, durchsetzen gegen Konkurrenz, die den medizinischen Turbo eingebaut hat? Es scheint, als hätte das zu Tode zitierte Wort von Theodor Adorno auch im Profisport seine Berechtigung: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Kann es einen sauberen Radsport geben im verseuchten?

 

In verfahrenen Situationen hilft manchmal ein Blick über den Tellerrand. Auch in der Lebensmittelindustrie galt bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein die Maxime, dass nur der überlebt, der die größte Menge an größten Kartoffeln mit dem geringsten Aufwand produziert. Das Ergebnis war der flächendeckende Einsatz von Chemie und die gnadenlose Fokussierung auf den reinen Ertrag. Die Nebenwirkungen der Überproduktion zählten solange nicht, bis Gesundheitsschäden, Umweltzerstörung und Handelskrisen zur Normalität wurden.



Verrückt? Ja, sicher!

Der Bewusstseinswandel, dass es anders gehen kann, ja vielleicht sogar anders gehen muss, kam auch hier nicht von oben, sprich von Industrie, Staat oder Bauernfunktionären. Es waren Spinner, Idealisten und Realitätsverweigerer, die so "verrückt" waren, den ökologischen Landbau nicht nur als erstrebenswertes Ziel zu propagieren, sondern ihn gegen alle Widerstände in die Tat umzusetzen. Nun frittiert nach fast vierzig Jahren noch immer nicht jede Würstchenbude ihre Pommes mit Ökokartoffeln. Aber der Markt wächst so rasant wie kein anderer im Lebensmittelsektor. Und was vielleicht noch aufschlussreicher ist: Die absoluten Spitzenrestaurants wollen und können es sich heute nicht mehr leisten, auf industriell getunte Lebensmittel zurück zu greifen. Je weiter oben die Ansprüche angesetzt werden, desto verpönter ist gedoptes Gemüse. Für Jungköche und ambitionierte Einzelhändler gehört es heute zu den Binsenweisheiten, dass ein Profi ohne seine Biobauern nur die Hälfte wert ist.



Wo ist "Mr. 40 Prozent"?

Natürlich glauben nur Phantasten, dass der Pizzaservice demnächst ausschließlich Bio-Calzone liefern wird. Genauso illusionär ist es zu erwarten, dass in zehn oder zwanzig Jahren alle Athleten bei Olympischen Spielen oder der Tour de France sauber an den Start gehen werden. Es werden wenige Sportler wirklich „sauber“ siegen, und Zweifel bleiben bis auf weiteres nicht nur berechtigt, sondern sind geradezu gefordert.

Aber warum sollte es nicht irgendwann möglich sein, dass der Etappensieger beim Giro damit prahlt, die offiziell erlaubten Testwerte um die Hälfte unterboten zu haben? Frei nach dem Motto: „Ich bin der Größte, nennt mich Mr. 40 Prozent?“

 



Verrückt, aber es lohnt sich

Ohne Unterstützung für Sportler, die diesen schwierigen Weg gehen wollen, werden sie es nicht schaffen. Hier sind Trainer, Sportliche Leiter, Sponsoren, Medien und Fans gleichermaßen gefordert. Die Sicherheit, mit dem Anspruch, ungedopt zu starten, nicht allein zu stehen, dafür sogar besonders gefördert und geachtet zu werden, kann vielleicht sogar über manchen verpassten Sieg hinweghelfen. Mag sein, dass alle Königsetappen der Tour für einen Radprofi ein Klacks sind gegen die Entscheidung, sich diesem ungleichen Kampf zu stellen. Aber wer den Geschmack eines ungedopten Rinderbratens kennt, der weiß, dass es sich in scheinbar aussichtslosen Situationen lohnt, verrückt zu sein.


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