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MrsFlax' Senf: Flax Attaxx



Lasset die Spiele beginnen!


März 2006

 

Saisonstart - viele Erwartungen und Hoffnungen sind daran geknüpft. Von Fahrern, Teamchefs, Sponsoren, aber nicht zuletzt auch von den Fans. Zeit, sich darüber klar zu werden, wovon man – im besten Falle – träumen darf, oder womit man lieber nicht behelligt werden würde. Hier ist meine Einschätzung - natürlich völlig objektiv, selbstlos und gar nicht überzogen.

 



Dinge, die ich in der aktuellen Saison nicht sehen oder lesen möchte:

Eine Sache, auf die ich gut verzichten kann, sind Strafaktionen von selbsternannten "Vertretern der Interessen des Pelotons", öffentliche Hetzjagden vor laufenden Kameras ohne die geringste Scham, anschließendes Schulterklopfen für den "Rächer" oder Schweigen im Feld bei den Opportunisten und Feiglingen. Sehr erhellend in diesem Zusammenhang auch die Stellungnahme eines Fahrers nach dem Motto "Ich bin klein, mein Herz ist rein!" auf dessen eigener Website: "Mensch, ist der ("Jäger") gut drauf – der geht sogar noch in Ausreißergruppen mit!". Ebenso verzichtbar: Sätze von Co-Kommentatoren, dass 'der ("Gejagte") ja schon immer viel Blödsinn geredet habe'. Hallooo...! Leute...! Ganz so dumm sind wir auch nicht.

 

Genauso widerlich: Äußerungen von frustrierten Teamchefs über einen ihrer Fahrer, dass 'die Welt klein sei und man sich sicher noch mal begegnen würde. Dass der Fahrer ja erst 25 und wohl noch ein paar Jahre im Geschäft sei – falls er nicht suspendiert oder Opfer eines Unfalls würde'. Solche – schon nicht mehr unterschwelligen – Drohungen bieten Raum für eine Reihe von Interpretationen, von denen allerdings eine hässlicher als die andere ist.

 

Worauf ich zukünftig auch locker verzichten kann, sind Fotos von paramilitärischen Trainingscamps, die unter dem reizenden Euphemismus "Team Building" aus harmlosen Radlern martialische Kampfmaschinen zu formen versuchen. Diese Art von Konditionierung nach Beispiel der darwinschen Evolutions-Theorie wird hoffentlich weder weiterhin Schule machen, noch von irgendeinem Erfolg gekrönt sein.

 

Weiterhin unerwünscht: Geschichten von Fahrerhunden. Keine gedopten Labradors, keine krebskranken Golden Retriever (oder gar Schwüre auf deren Grab) und bitte auch keine lustigen Kleinsthunde, bei denen man Angst haben muss, dass sie trotz Übernachtung im Sauerstoffzelt von einer einzigen, mittelgroßen Zecke um ihre gesamten Körperflüssigkeiten gebracht werden könnten.

 

Verzichtbar sind auch merkwürdige und / oder wenig ruhmreiche Rücktritte. Bitte kein Karriereende nach unzähligen Ankündigungen und Comebacks, und auch keine nervenden, unglaubwürdigen Ausreden nach positiven Dopingbefunden mehr (in diesem Zusammenhang möchte ich eindringlich darauf hinweisen, dass folgende Stellungnahmen bereits verwendet wurden – deshalb "bitte nicht wieder wählen": abgestorbene Zwillinge, Tests auf Medikamente, die angeblich gar nicht existieren, unerfüllte Kinderwünsche, kranke Haustiere und Schwiegermütter, Zahnarztsitzungen, kolumbianische Bonbons und Tees, nationalistisch angehauchte Rachefeldzüge ganzer Völker, Zweifel an Testverfahren und der Satz "Ich wurde nie positiv getestet!"). Und bitte hinterher auch keine Auftritte in öffentlich-rechtlichen Sportsendungen, bei denen ebenso unwitzige wie sinnlose Schätzfragen nur der Präsentation eines Neoprenanzugs mit zahllosen Sponsorenaufnähern dienen. 

 

Ebenfalls mehr als überflüssig: desorientierte TV-Kommentatoren, die fehlende Ortskenntnis mit permanentem "Guck' ma', guck' ma', guck' ma'..." oder dem Aufblasen von Fahrernamen auf Adelstitel-Format ("Kim Kirchen, der Luxemburger, aus dem Team T-Mobile") zu überspielen versuchen. Laue Witzchen derselben während sich das Feld über endlose, staubige Autobahnen durch öde Steppenlandschaften quält, die nur durch gelegentlich auftauchende "Osborne"-Stiere kurz in ihrer Eintönigkeit unterbrochen werden, sind ebenfalls bitte zu vermeiden. Schlimm genug, dass Vuelta-Flachetappen in ihrer ganzen Unendlichkeit übertragen werden müssen. Die Geografie allein ist schon deprimierend genug!

 

Was ich auch absolut nicht mehr sehen möchte, sind Landes- oder Weltmeistertrikots mit weißen Radhosen. Und wo wir schon mal dabei sind: Auch Türkis ist keine Farbe, die ein "richtiger Kerl" tragen sollte. Ebenso Giro-Leader-Rosa (Sorry, Gazzetta dello Sport!) – eine Farbe, die bei kleinen Schweinchen süß ist, heftigst pubertierende Teenies schmückt und auch auf dem Christopher Street Day durchaus ihre Daseinsberechtigung haben mag. Aber doch bitte nicht an italienischen Machos mit Brustfellimplantat und Goldkettchen!

 

Ebenso kann ich auf eine sensationelle Neuerscheinung auf dem Buchmarkt verzichten, die von ehemaligen Klassikerspezialisten und ihren Ghostwritern mit dem Untertitel „Wie ich die Homosexualität besiegte und die Tour de France gewann“ möglicherweise (und das ist eine meiner größten Ängste!) auf den Markt geworfen werden könnte.

 

Auch weg damit: Tourfavoriten mit Promi-Freundinnen, die während entscheidender Etappen permanent im Split-Screen-Verfahren eingeblendet werden. Und - Achtung, Fahrerfrauen: Verschont mich bitte freundlicherweise mit blondierten Vogelnest-Frisuren, dekorativen Zwerghündchen (womit wir wieder bei einem bereits abgehandelten Thema wären) und permanentem Kinder-vor-die-Kameras-der-Welt-Geschiebe.



Und jetzt ein paar Dinge, deren Anblick mir äußerst genehm wäre:

Ich würde gerne einen strahlenden Filippo Simeoni sehen, wie er eine Giro-Etappe gewinnt und auf dem Podium wild mit Sekt rumspritzt. Da könnte ich dann gegebenenfalls auch großzügig über das schweinchenfarbene Leibchen hinwegsehen.

 

Außerdem wünsche ich mir die Rückkehr einer Art von Radsport, die weniger berechnend und taktierend ist, die begeisternde Ausreißversuche und beherzte Angriffe zeigt, und zumindest den Eindruck hinterlässt, dass ein Begriff wie "Ehrenkodex" nicht nur dann existiert, wenn er zum eigenen Vorteil lauthals vom Gegner eingefordert wird. Ich will Sieger sehen, die einen noch überraschen und begeistern können ("Go! Voeckler! Go!"), ohne Misstrauen zu wecken – und die ruhig auch mal aus dem langsameren Teil des "Pelotons der zwei Geschwindigkeiten" stammen dürfen.

 

Womit ich persönlich auch durchaus leben könnte, wären Bilder von den Triumphfahrten eines ehemaligen Toursiegers, wie er geschmeidig, ja nahezu schwerelos (!), in allerlei bunten Trikots (Rosa? Gelb? Gold? Edeka?) und unbehelligt von fiesen Bakterien, Viren und Teamfahrzeugen selbst unüberwindlich scheinende Anstiege mit einem bezaubernden Lächeln und wunderbar rundem Tritt mühelos erklimmt. Wie er sich freundlich für Blümchen und Kuscheltiere bedankt, anschließend seine Rennmütze abnimmt, unter der sein kurz (!!!) geschnittenes Haar zum Vorschein kommt, um das Podium dann mit einem letzten, bescheidenen Winken zu verlassen.

 

Dann hätte ich gerne, dass Daniel Becke die Tour de France ohne Kollisionen mit plötzlich auftauchenden Felswänden übersteht, nicht wieder so schrecklich leiden muss, wie man es in "Inside Bianchi" miterleben musste, und falls doch, dass er wenigstens anschließend immer jemanden findet, der so schön trösten kann wie einst Alain Gallopin.

 

Noch eine Bitte: Gebt mir Fahrertagebücher, die zu lesen wirklich Spaß macht. Das Kuscheltagebuch gibt es ja nun nicht mehr, aber große Hoffnungen setze ich für die Zukunft in Robert "Frösi" Förster – das war doch schon mal sehr erquicklich im letzten Jahr. Mehr davon!

 

Worauf ich bereits am 1. Mai sicher zähle ist das Auftauchen attraktiver, bewundernswerter C4F-Selberfahrer-Helden am Ruppertshainer. Hier bin ich Chick, hier darf ich's sein!

 

Darf ich noch was oder muss jetzt gut sein? O.K. – dann nehme ich das hier noch: einen trockenen Rotwein und ein Chick-mit-Fahrer-Foto mit Tobi-Steini-Kuschelschmied an der Bar des "Le Chamois Restaurant Savoyard" in La Toussuire am 19. Juli um 18.30 Uhr. Wahrscheinlich brauche ich dann sowieso ein Gläschen, um Georges Etappensieg bei der Bergankunft dieses Tages runterzuspülen.


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