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Geschichte internationaler Radsport



Schrittmacher: die Anfänge und 'Kniffe und Schliche'





Die Schrittmacher unserer Dauerfahrer
1905
1. Reimers - 2. Käser -
3. Dunkel - 4. Willy Wolff -
5. Starke 6. Otto -
7. Krüger - 8. Danglard -
9. Marius Thé

1909 fasste Fredy Budzinsky im Sport-Album der Radwelt Kniffe und Schliche der Schrittmacher zusammen.

 

So manche Radsportveteranen, die als Steher Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von Rekord zu Rekord fuhren und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen, sind heute noch den Fans bekannt. Von ihren Schrittmachern weiß man jedoch wenig. Dabei konnten sie nur gemeinsam erfolgreich sein. Gute Schrittmacher wussten das Geschick des Rennfahrers entscheidend positiv zu beeinflussen. Sie waren nicht nur Experten bezüglich der Führungsmaschinen, sondern mussten das Rennen auch verstehen, 'lesen' können. Gewiefte Taktiker waren gefragt und wenn sie ihren Dauerfahrern auch noch persönlich näherstanden, wenn ein Vertrauensverhältnis existierte, war dies ein zusätzlicher Vorteil. Viele Schrittmacher waren selbst zuvor Rennfahrer gewesen und kannten das Geschäft. 

 

Die Tricks und Kniffe, die in dem Budzinski-Artikel geschildert werden, waren somit keine isolierten, sondern wurden selbstverständlich im Einklang mit den Fahrern angewandt. Vieles erklärt sich durch den Stand der Technik während dieser Experimentier- und Entwicklungsphase. Aber eigentlich hat sich bis heute in der Haltung der Protagonisten gegenüber dem Wettkampf und dem Gegner nicht viel geändert.

 

Viel Vergnügen beim Lesen der >>> "Kniffe und Schliche unserer Schrittmacher" .

Noch ein paar Informationen zum Thema im Folgenden:

 



Hintergrund



Windschatten




Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts traten Dauerleistungen in den Vordergrund des sportlichen Interesses, dies betraf alle geeigneten Sportarten. Damit begann auch im Radsport eine kaum endenwollende Gier nach Rekorden. Auf der Straße wurden Strecken über Hunderte von Kilometern zurückgelegt, Einzelkämpfer durchquerten Kontinente, auf der Bahn wurden 12- und 24 Stunden-Rennen durchgeführt und die Jagd nach Stundenweltrekorden nahm ihren Anfang.

 

Erleichtert wurde dies durch die (allerdings schon ältere) Erkenntnis, dass Fahren im Windschatten erhebliche Geschwindigkeitsvorteile mit sich brachte. Schnell organisierte man sowohl auf der Straße als auch auf der Bahn entsprechende Führungen. Anfangs waren es einzelne Radfahrer, die kurze Zeit ihr Bestes gaben und dann von frischen abgelöst wurden. Bald waren es Tandemführungen und mehr. Fünf Fahrer auf einem Rad waren keine Seltenheit. Das organisierte Schrittmacherwesen war geboren.

 



Die ersten Steher-Rennen




Der Begriff ist wahrscheinlich auf den Pferdesport zurückzuführen, wo der 'pace-maker' für die Geschwindigkeit sorgt. Der Ausdruck Steher, wie die Dauerfahrer auch heute noch genannt werden, ist wohl von dem 'Stehvermögen', das von ihnen verlangt wird, abgeleitet.

 

Den ersten Stundenweltrekord hinter Schrittmacher erlangte am 25.3.1876 der Cambridge-Student F.L. Dodds mit 25,598 km. Der erste Steher-Weltmeister L.S. Meintjes wurde 1893 in Chicago gekürt. Der Südafrikaner benötigte für 100 km hinter Schrittmachern 'mit Muskelkraft' 2:46:12 3/5 Stunden. Am 22. September 1893 stellte er zudem einen Stundenweltrekord hinter Tandemführung über 41,888 km auf. 1896 fuhr Tom Linton bereits 50,420 km/h hinter Tandems, Tripletts und Quadrupletts, d.h. Zwei-, Drei- und Viersitzern. Solche 'Fuhrparks' wurden damals bereits vielversprechenden Fahrern von Firmen aus Werbegründen zur Verfügung gestellt. Besonders die Reifenfirmen konnten damit bestens auf ihre Weiterentwicklungen, die Luftreifen, aufmerksam machen.



Motorräder

Die Entwicklung der Motor-Räder war auf den Rennbahnen gut nachzuvollziehen. Die neusten Erfindungen wurden schnell eingesetzt und viele Konstrukteure testeten diese in Steherrennen, von denen damit durchaus ein Innovationsschub für die Industrie ausging.

 

Mitte der 90er Jahre tauchten die ersten motorbestückten Räder auf. Anfangs unterstützten Elektromotoren (Akkumulatoren, erfunden 1859 von Planté) die Tretleistung der Schrittmacher. Dabei wurde auch mit Dreisitzern experimentiert. 1898 folgten dann erste Räder mit Ottomotoren, spezielle Schrittmachermaschinen.

 




Steger (Berliner Schrittmacher) und Hösina (österreichischer Sprinter) als Schrittmacher für Lucien Lesna 1898 beim 50km Handicap-Rennen auf der Bahn von Friedenau, das er überlegen gewann. Das Tandem ist eines der ersten durch Muskel- und Motorkraft betriebenen (1 3/4-PS-de-Dion-Bouten-Motor).





Dauerfahrer Eugen Dutrieu, der sich schon früh einen Zweisitzer mit 'Hilfsmotor' bastelte, "bildete seine Schwester als Dauerfahrerin aus und liess sie am 13.7.1895 hinter seinem Motortandem in Berlin gegen Paul Mündner starten. Mündner gewann zwar dieses Match, zollte der Belgierin jedoch hohes Lob für ihre ausgezeichnete Fahrweise. Helene Dutrieu wurde am 2. August 1897 in Ostende inoffizielle Weltmeisterin; in dieser "Weltmeisterschaft für Rennfahrerinnen" siegte sie vor den Belgierinnen Eglée und Dedaele. Die vielseitige Dame machte sich auch als Bühnenschauspielerin einen Namen und war die erste Frau Belgiens, die ein Motorflugzeug flog." (Groenen/Lemke)



Es gab zwar Widerstände von Seiten der deutschen Verbände, die 1898 Führungsmaschinen mit 'elektrischen oder motorischem Antrieb' bei großen Rennen verboten, doch der Trend aus Frankreich, der neue Rekorde verhieß, setzte sich schnell durch. Als erste deutsche Bahn brachte die Kürfürstendamm-Radrennbahn am 3. und 4. September 1898 Motormaschinen an den Start. Auch Thaddy Robl war mit dabei. "Am besten funktionierte der von Dussart & Accpu in Roubaix hergestellte Motorzweisitzer, hinter dem Huret das Rennen um so leichter gewann, als er sein Tandem mit einer phantastisch bemalten Windschutzwand von 1,50 m Höhe und 1 m Breite ausgerüstet hatte!" (Groenen/Lemke)

 

So fand 1899 in Montreal (Kanada) die erste Weltmeisterschaft hinter Benzinmotorschrittmachern statt. Es siegte der Kanadier Gibson in 2:15:12 h für 100km. Allerdings war er noch fünf Minuten langsamer als Palmer 1898 hinter Mehrsitzern ohne Motorführung (Groenen/Lemke). 

 



Schnell fanden sich deutsche Firmen, die Motortandems entwickelten und gute Erfolge damit erzielten. Das zusätzliche Treten der Schrittmacher wurde überflüssig und der Einsitzer hielt Einzug in die Rennbahnen. Fahrer Arthur Heimann ( >>> Portrait), selbst Konstrukteur, war der erste, der mit solch einem Einsitzer auftauchte. Dieses Modell als Vorbild nehmend, konstruierte der ehemalige französische Straßenfahrer Marius Thé 1901 eine einsitzige Führungsmaschine mit luftgekühltem 14-PS-Motor. Damit verbesserte Linton den Stundenweltrekord innerhalb kurzer Zeit auf 71,660 km/h, 1902 wurde er mit weiter verbessertem Windschutz auf 75,492 km/h hochgeschraubt.

 




Der König der Schrittmacher Marius Thé
mit seinem 14 HP Niederrad (Hurtu mit Motor de Dion-Bouton). *



Contenet hinter
Marius Thé
Das Motorniederrad als Schrittmachermaschine im Jahre 1902



(* Bildtext: Thé gilt zur Zeit (Anm.: 1903, Radwelt, 2. Jhrg) als der beste Schrittmacher der Welt und eventl. auch der populärste. Er steht im 31. Lebensjahre und debutierte 1894 als Niederrad-Meisterfahrer von Marseille. In dem Rennen Basel-Strassburg belegte er vor dem Oesterreicher Gerger und dem heutigen Weltmeister Robl den ersten Platz.)






Dickentmann mit seinen Schrittmachern 1901 und Kraftzweisitzern mit Wasserkühlung





Dickentmann hinter Brettschneider-Steger



Geschwindigkeiten



"Die grosse Masse der Radrennbahnbesucher verlangt heute das Knattern des Motors und die Erzielung immer höherer Geschwindigkeiten. Es glaubt an sein Recht, sich für die zwei oder drei Mark seines Eintrittgeldes an der Todesgefahr dessen zu berauschen, was es seinen 'Sport' nennt und was in Wahrheit nur ein tollkühnens, artistisches Künststück ist. Looping the loop, Gladiatorenkämpfe, Stiergefechte, moderne Dauerrennen hinter Motorführung - alles letzten Endes Schauspiele für die überreizten Nerven eines untergehenden Volkes, eines degenerierten Geschlechts." (Kreutzer 1909 nach Rabenstein)

Die rasche technische Weiterentwicklung der Schrittmachermaschinen ließ die erreichten Geschwindigkeiten der Steher auf der Bahn in kurzer Zeit extrem ansteigen. Anfang der 90er Jahre lag der Stundenweltrekord noch unter 40 km/h, um die Jahrhundertwende stand er schon bei 60 km/h und 1909 überschritt er die 100 km/h Grenze.

 

Damit erklärt sich auch die hohe Attraktivität der Steherrennen, die die Flieger in der Publikumsgunst stark zurückdrängten. Es herrschte immer eine große Spannung, ein heftiger Nervenkitzel, denn mit Unfällen musste gerechnet werden, und nicht selten endeten die Rennen für Fahrer und Schrittmacher tödlich.

 

Der vorläufige Höhepunkt war die Rennbahnkatastrophe am 18. Juli 1909 auf der Rennbahn am Botanischen Garten in Berlin. Es starben 9 (8?) Zuschauer, 52 wurden verletzt:

"Bei einem Dauerrennen kam der Schrittmacher Krüger, der Stol führte, infolge Reifenschadens in der Kurve zu Fall und Borchardt der Steuermenn des Ryserschen Tandems, musste, um einen Sturz zu vermeiden, scharf nach oben abbiegen. Bei dem scharfen Tempo vermochte er aber die Maschine nicht zu halten. Sie lief in wagerechter Haltung ungefähr 10 m an der Balustrade entlang und flog dann in weitem Bogen mitten zwischen die Zuschauer auf der Kurven-Tribüne, dabei wurde das Benzin-Reservoir beschädigt. Im nächsten Augenblick erfolgte eine Explosion, bei der viele Menschen von brennendem Benzin übergossen wurden und schwere Verletzungen davontrugen." (Sport-Album der Radwelt, 1910)

 

Das preußische Ministerium des Innern untersagte daraufhin die Verwendung von Motorrädern als Renn- oder Schrittmacher-Maschinen bis auf Weiteres. Es wurden neue Bestimmungen erlassen, wonach einerseits die Rennbahnen Schutzmaßnahmen für das Publikum ergreifen mussten und andererseits die Geschwindigkeit der Maschinen auf der Bahn reduziert werden sollte.

 

Doch kürzerfristig nützten diese Beschränkungen wenig. Tödliche Unfälle ereigneten sich weiterhin. Längerfristig wurden die Grenzen des technisch Machbaren im Radsport erkannt und so nahm dessen Faszination sowohl auf Zuschauer- als auch auf der Konstrukteursseite ab. Nicht wenige Aktive der Radsportszene wandten sich den Automobilen und/oder den Flugzeugen zu.






Willy Hartwig, Rennfahrer Ende des 19. Jahrhunderts, wurde danach Schrittmacher von vielen bekannten Fahrern u.a. von Fritz Theile (Portrait), dessen Tod er 1911 auf der Rennbahn miterlebte.



 

Quellen:

R. Rabenstein, Radsport und Gesellschaft 1996

W. Groenen/W. Lemke, Geschichte des Radsports, 1987

Sport-Album der Radwelt, verschiedene Jahrgänge

 





von Maki, mit freundlicher Erlaubnis von Klaus Budzinski

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