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Giro d'Italia 1997, 14. Etappe

von Sven



31. Mai 1997: Kleiner Mann ganz groß - Ivan Gotti fliegt aufs Matterhorn

 

Freundschaften haben im Hochleistungssport Seltenheitswert. In den meisten Fällen unterliegen diese eher pragmatischen Gesichtspunkten - sinngemäß also dem Motto, dass der berühmte Zweck die Mittel heiligt. Auch im Radsport gibt es dies zuhauf, was auch nicht weiter als verwerflich anzusehen ist.

Pikant wird es, wenn Freundschaften eben nicht aus jenen beschriebenen sportlichen Aspekten zustande kommen, der Sport jedoch eben solcherlei persönliche Verbandelungen auf harte Proben stellen kann. Den Italiener Ivan Gotti sowie den Russen Pavel Tonkov verband nicht nur der gleiche Geburtsjahrgang, sondern auch eine innige Beziehung, eine Freundschaft, die über den Tellerrand des Radsports hinausging. Viele Jahre gemeinsame Berufstätigkeit in Italien ließ diese „Männerfreundschaft“ entstehen und wachsen und so konnten beide beim Giro d’Italia 1996 ihre gegenseitige Zuneigung auch erfolgreich ins Berufsleben transformieren. Legendär der Zieleinlauf in Aprica am vorletzten Tag der Italien-Rundfahrt 1996, als Tonkov und Gotti am Mortirolo gemeinsame Sache gegen Weltmeister Abraham Olano (Spanien) machten mit der Intention, eben diesen zugunsten von Tonkov aus dem „Rosa Trikot“ zu fahren, auch wenn beide in verschiedenen Teams (Gotti bei Gewiss-Playbus, Tonkov bei Panaria-Vinavil) unterwegs waren. Möglich wurde dies auch dadurch, dass sich beide in der Gesamtwertung nicht mehr in die Quere gekommen wären, lag doch Gotti dreieinhalb Minuten hinter Tonkov und Olano zurück, die beide vor der Etappe gleichauf waren. So jubelten in Aprica gleich zwei Rennfahrer: Ivan Gotti, der seine erste Giro-Etappe gewann, und Pavel Tonkov, der damit seinen ersten (und einzigen) Giro-Sieg sicherstellte.

 



Das misslungene Pantani-Comeback

Ein Jahr später stand der Start des Giro d’Italia ganz im Zeichen des Comebacks von Marco Pantani, Italiens Volkshelden, der nach seinem schweren Sturz bei Mailand-Turin 1995 die gesamte Vorsaison aussetzen musste. Nach dem eher bedächtigen und unspektakulären Giro des Vorjahres mit den schweigenden Protagonisten Tonkov, Olano und Gotti war offensichtlich nur der charismatische Kletterkünstler aus Cesenatico in der Lage, das Feuer in den Herzen der Tifosi wieder auflodern zu lassen. Wer auch sonst sollte zudem imstande sein, dem Russen Tonkov das Zepter aus der Hand zu nehmen…

Doch dieser beherrschte den Giro zwei Wochen lang mit der Souveränität eines „Patrons“. Durch zwei Etappensiege in der ersten Woche machte er unmissverständlich klar, dass der Gesamtsieg nur über ihn gehen konnte. Selbst die Aura Marco Pantanis ließ den Mann, den sie die „Sphinx“ nannten, kalt wie den sibirischen Winter. Als Pantani dann auch noch einer schwarzen Katze Tribut zollen musste und im Getümmel stürzender Rennfahrer der Leidtragende war, schien der Weg für Tonkov zum zweiten Giro-Sieg hintereinander geebneter denn je…

 



Tonkov auf der falschen Fährte…

Im sicheren Gefühl des Sieges schien er dann aber in Lethargie zu verfallen und wurde von seiner eigenen Überheblichkeit bestraft. Am vierzehnten Etappentag stand die Bergankunft im 2000 Meter hoch gelegenen Breuil-Cervinia an, einem Wintersportort, gelegen unterhalb des Gipfels des berühmten Matterhorns an der Grenze zur Schweiz. Laut Profil eine wenig selektive Steigung, wenn auch ausgesprochen lang: 28 Kilometer. Dennoch rechnete niemand ernsthaft mit einer Attacke auf das „Maglia Rosa“, am wenigsten wohl Tonkov selbst…

So verliefen die ersten knapp 200 Kilometer mehr oder minder unspektakulär: Ausreißer versuchten reihenweise, über die weniger hohen Pässe wie den Champremier und den Santa Pantaleon einen nennenswerten Vorsprung herauszufahren. Den Italienern Stefano Garzelli und Nicola Miceli gelang dies noch am erfolgreichsten – beide verschwanden aus dem Blickfeld der Favoriten. In der Gruppe um das Rosa Trikot hingegen schien Waffenstillstand Einkehr zu halten: Verzog Tonkov mal eine Miene, dann zumeist in Richtung Luc Leblanc, den er seit einigen Tagen als Hauptkontrahenten deklarierte. Für seinen Freund Gotti hatte er keine Augen.

 



Nicht vom Winde verweht: Die Gotti-Attacke

Ein verhängnisvoller Fehler, denn als Gotti 34 Kilometer vor dem Ziel einen Angriff in den Gegenwind hinein lancierte, blieben sowohl Tonkov als auch alle andere Konkurrenten sitzen.

Soll er doch ins windige Verderben reiten, haben sie sich wohl gedacht, als sie den schmalbrüstigen Bergfloh aus San Pellegrino ziehen ließen. Doch Gotti erwies sich zäher als der Wind: Sekunde um Sekunde vergrößerte er seinen Abstand, während Tonkov immer noch auf Leblanc schielte. Als letzterer dann in der Steigung nach Cervinia abreißen ließ, war Tonkov zwar den Franzosen los, aber sich seiner Zwickmühle immer noch nicht so recht bewusst. Währenddessen wuchtete sich Gotti Kilometer um Kilometer das Matterhorn hinauf, stellte nach einer gewissen Zeit Stefano Garzelli und hatte auf dem Weg zum ‚Maglia Rosa’ derweil nur noch Nicola Miceli vor sich. Sein Vorsprung auf die Gruppe mit Pavel Tonkov wuchs und wuchs, wobei der Russe nun damit beschäftigt schien, nach dem Verlust von Leblanc ein neues Gesicht zur Orientierung zu suchen. Doch weder Leonardo Piepoli, noch Alexander Shefer, José Jaime Gonzalez oder Axel Merckx waren gewillt, die visuellen Hilfegesuche der „Sphinx“ zu replizieren. Also musste sich Tonkov umorientieren und (endlich) sein eigenes Rennen fahren...



Gotti in 'Rosa' und obenauf



„Gotti verdient den Giro-Sieg.[…] Dennoch machte ich Fehler, den größten auf der Etappe nach Cervinia, als ich die Verfolgung Gottis zu spät initiierte.“
Pavel Tonkov nach dem Ende des Giro d’Italia 1997.

Jedoch – es war bereits zu spät: Nebst der Stärke Gottis, die Tonkov weiß Gott unterschätzt hatte, musste er einsehen, einem stetigen Formverlust seit der herausragenden ersten Giro-Woche unterlegen gewesen zu sein. Die Leichtigkeit der ersten Tage schien sich in den windigen Hängen im Schatten des Matterhorns verflüchtigt zu haben.

Gotti schraubte sich den Berg hinauf, fuhr hin zu Nicola Miceli, ließ diesen aber drei Kilometer vor dem Zielstrich stehen. Unaufhaltsam näherte er sich dem ersten Rosa Trikot seiner Karriere. Bereits 1995 trug er für einen Tag das Gelbe Trikot der Tour de France – das erste Mal, dass der Name Gotti erwähnenswert in der Radsport-Welt auftauchte.

Nach sieben Stunden, sechs Minuten und 32 Sekunden überfuhr der 28-jährige Lombarde die Linie des Triumphs in Breuil-Cervinia. Tonkov kam als Fünfter an – eine Minute, 46 Sekunden Rückstand. Zähneknirschend, keinesfalls aber verbittert, sondern voller Respekt gegenüber seinem Freund, nahm der Russe seine Niederlage zur Kenntnis, die er auch die Tage später nicht mehr revidieren konnte.

 


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