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29/06 2004

Die Rückkehr des Tourgotts?

Jan Ullrich

Jan Ullrich 2004.
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Von Susan Westermeyer. Übersetzung: Cyclist und Raubkatze. Fotos: Cyclist



1996 - Ein junger Deutscher fährt seine erste Tour de France und wird sofort Zweiter hinter Bjarne Riis, seinem Kapitain. Ein Jahr später überflügelt Jan Ullrich dann sogar den Dänen, der als Führungsfahrer ins Rennen gegangen war, und wird somit der erste deutsche Tour de France-Sieger der Geschichte: Ein neuer Tourgott ist geboren.

 

Und was passiert dann? Bei der Austragung von 1998 verliert der Tourgott fast 9 Minuten auf einer Bergetappe und wird nur Zweiter hinter dem siegreichen Marco Pantani. Eine Knieverletzung verhindert 1999 einen Start bei der Tour de France. Diese Ausgabe wird von dem US-Amerikaner Lance Armstrong gewonnen, der Ullrichs Schicksal werden soll. Ullrich wird 2000 und 2001 wieder Zweiter, jeweils hinter Armstrong. 2002 darf der Kapitain vom Team Telekom wegen seiner Doping-Drogen-Pillen-Geschichte nicht an der Tour de France teilnehmen. Das Jahr 2003 bringt ihm dann zwar ein neues Team - Bianchi - aber auch ein gewohntes Ergebnis: schon wieder "nur" zweiter hinter diesem Armstrong.



Neue Saison, alte Probleme

Wird die Lage 2004 anders sein? Ullrichs Rückkehr zu Telekom/T-Mobile soll sein letzter Schritt bei dem Plan, endlich Armstrong zu schlagen, sein. Aber die Umsetzung gestaltet sich von Anfang an schwierig. Eine Grippe lässt ihn erst spät ins Trainingslager starten und wirft ihn in seinem Trainingsplan zurück.

 

Im Februar und März bestreitet er seine ersten Rennen in Spanien - Almeria, Murcia, Katalonien - immer unauffällig in der Mitte des Feldes, um Rennkilometer zu sammeln und die Rennen als Training zu nutzen. Er prophezeit schon bald, dass er seinen Sieg bei Rund um Köln nicht wird wiederholen können und er hält Wort, indem er sicher mit dem Feld ins Ziel kommt. Aber er sagt immer noch, dass alles wunderbar sei.

 



Rudy Pevenage

Pevenage bestätigt Formdefizit von Jan Ullrich
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Dann werden die Probleme aber publik. Er verzichtet auf seinen Start beim Amstel Gold Race, immer noch behauptend, dass alles in bester Ordnung sei und sich seine Form Tag für Tag steigere. Die "offizielle" Version lautet, dass er nicht in der Form sei, um das Rennen zu gewinnen, man ihn aber nicht als Helfer "missbrauchen" könne. Außerdem sei es sein Ziel zur Tour im Juli fit zu sein.

 

Ein paar Tage später steigt er beim Fleche Wallone frühzeitig aus, hoffnungslos zurückliegend an der berühmten Mauer von Huy. Danach folgen weitere Rennabsagen bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und am Henninger Turm mit der Begründung, er habe nicht die notwendige Form.

 

Anschuldigungen und Gegendarstellungen zum Thema Übergewicht schwirren durch den Raum, die erst kürzlich von Rudy Pevenage bestätigt werden. "Es gab Momente, in denen ich besorgt war. Zu Beginn des Aprils hatten wir eigentlich den Fleche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich als Rennen um seine Stärke zu demonstrieren, aber das klappte nicht. Wir müssen blind gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass Jan immer noch zu schwer war."



Comeback

Es folgen lange Wochen des Trainings.

 

Sein Auftritt bei der TEAG Hainleite wird von vielen sehnsüchtig erwartet. Es gibt viele Spekulationen - was, wenn überhaupt, hat sich während des Trainings verändert? Was für ein Jan Ullrich würde in Erfurt auftauchen? Ein durchtrainierter, konzentrierter Rennfahrer mit Siegermentalität oder der altbekannte easy-go-lucky Jan, der seine Fehler einfach abschüttelt und augenscheinlich nicht in der Lage ist, sich an seine Grenzen zu führen?

 

Zur Überraschung vieler und zur Freude der deutschen Fans tritt eine schlanke "Kampfmaschine" an. Er beendet das Rennen als hervorragender Fünfter, nur 14sek hinter dem Sieger Peter Wrolich und über eine Minute vor dem großen Feld. Er beweist sich ein weiteres Mal bei der Deutschland Tour mit einem guten Auftritt, zeigt aber eigenartigerweise Schwächen am Berg.

 

Es folgt die Tour de Suisse - ein Sieg bei der ersten Etappe bringt ihm das Leadertrikot, das er bis die Berge höher und steiler werden verteidigt. Und wieder zeigt sich, dass er (noch) nicht mithalten kann, wenn es zu schwer wird; dass er nicht mit den Bergfahrern mitgehen kann, sondern nur seine eigene Geschwindigkeit zu halten in der Lage ist. Er holt sich die Führung erst auf der letzten Etappe wieder, als er nicht nur das Zeitfahren, sondern auch noch die gesamte Tour de Suisse mit nur einer Sekunde Vorsprung vor dem unglücklichen Fabian Jeker gewinnt.



DAS Duell

Tourgott Jan Ullrich

Trubel um den Tourgott
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Es ist immer noch eine Woche Zeit bis zum Start der Tour de France. Wenn Jan Ullrich die Frankreichrundfahrt wirklich gewinnen will, muss er seine Zeit nutzen, um sich den letzten Schliff für die Berge zu holen. Irgendwie muss er einen Weg finden, diese steilsten Steigungen ohne Zeitverlust hochzukommen. Und so spektakulär, wie sein diesjähriger Sieg beim Zeitfahren der Tour de Suisse auch war, muss er zugeben, dass Lance Armstrong nicht Fabian Jeker ist....

 

Armstrong wird immer für einen technischen Perfektionisten gehalten, der Rennen in seinem Kopf gewinnt, während Ullrich sich immer darauf verlässt. dass sein außergewöhnliches Talent ihn da irgendwie durch bringt. Jahr für Jahr erklärt er immer wieder aufs Neue, dass er aus den Fehlern des Vorjahres gelernt habe und das dieses Jahr alles anders sein werde - und wird doch wieder "nur" Zweiter. Zweiter zu werden hat für ihn keinen inspirierenden Effekt, genauso wenig wie seine Sperre wegen der Doping-Drogen-Pillen-Geschichte, die Geburt seiner Tochter, die Unruhe im Team Bianchi - aber dieses Jahr macht er den Eindruck, als habe er nicht nur das Talent, sondern auch den Kopf eines Champions.

 

Wer wird nun die Tour de France in diesem Jahr gewinnen? Sicherlich sieht es so aus, als hätten nur Armstrong und Ullrich realistische Siegchancen. Beide haben in dieser Saison bereits Stärken und Schwächen gezeigt. Sollte Ullrich gewinnen wollen, kann er von dem Amerikaner nicht erwarten, dass er es ihm leicht machen wird - wer auch immer dieses Rennen gewinnen wird, er hat den Sieg auch verdient.

 

Lasst einfach den Besten gewinnen!


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