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Historisches



Frauenradfahren im 19. Jahrhundert, Teil 2

>>> Frauenradfahren im 19. Jahrhundert, Teil 1



Leistung und Sport

Dass Frauen das schwächere Geschlecht sind, war Konsens. Die meisten Frauen stimmten der Ansicht zu, dass Überanstrengung, z.B. beim Bergauffahren oder durch ‚Parforcetouren’ zu vermeiden seien, zumal selbst die Männer hierbei Vorsicht walten lassen sollten. Doch was hieß das schon. Wer immer sich auf das Abenteuer Radfahren einließ, ob Mann oder Frau, musste experimentieren, Erfahrungen sammeln, die abhängig von eigenem Mut, Selbstsicherheit und tatsächlicher körperlicher Konstitution, aber auch vom sozialen Umfeld waren. Amelie Rother gehörte zu den wenigen deutschen Frauen, die deutlich die Konventionen sprengten und versuchten ihre Leistungsgrenzen zu erkunden.

 

So schreckte sie auch nicht zurück, lange Tourenfahrten nach Italien und Frankreich zu unternehmen. 1893 nahm sie zudem am ersten offiziellen deutschen Damenrennen auf Niederrädern in Berlin-Halensee teil. Ein Rennen auf Dreirädern hatte bereits 1890 in Madern bei Leipzig stattgefunden (Madern, Deutschlands erstes Damen-Radrennen).

 

Das erste bekannte Damenrennen überhaupt wurde jedoch bereits 1868 in Bordeaux auf Michauxlinen, Tretkurbelrädern, ausgetragen (s.o.). Die ‚Allgemeine Illustrierte Zeitung Leipzig' berichtete darüber 1869 folgendermaßen: „Velocipede en vogue. Es ist fürwahr keine leichte Sache auf dem Velocipede zu paradieren und gar den Wettlauf zu versuchen. Darum Bewunderung den kühnen Damen, die dies Wagstück unternommen haben. Gar malerisch nahmen sich die Damen im kokett gewählten Pagenkostüm aus. Der Wettlauf fand kürzlich in Bordeaux unter großem Zulauf des Publikums statt. Wer hätte aber nicht diesem Schauspiel beiwohnen mögen, wo Schönheit und Kühnheit, Kraft und Grazie in seltenem Verein sich paarten. Fürwahr, die Siegerin hatte mit ihren Füßchen eine heidenmäßige Arbeit zu verrichten, um nur mit einer halben Fuhrwerkslänge zuerst zum Ziele zu gelangen. Gar mancher Mann würde bei einem solchen Kraftstückchen unterliegen.“(Hochmuth)

 

Welch Unterschied zu späteren Kommentatoren!

 




Zieleinlauf beim ersten Damenrennen 1868 in Bordeaux



Die von den Frauen gewählte Bekleidung für dieses Rennen bleibt jedoch unbekannt, in Pagenkostümen, wie aus obigem Zitat zu entnehmen oder so locker in kurzen Röcken wie hier dargestellt? Zu vermuten ist, dass dieses Bild dem Wunschbild des zeichnenden Herrn Ausdruck gibt, denn es gibt noch eine Variante genau dieser Abbildung, auf dem die Frauen ihre Beine zusätzlich unter Pluderhosen versteckt hatten. Dies scheint plausibler, wenn auch immer noch in keinster Weise konvenierend.

 

Auch bei einem Straßenrennen Paris-Rouen am 7.11.1869 über 123 km sind unter den 323 Teilnehmern einige Frauen zu finden. Vor allem Französinnen, die überwiegend aus Rennfahrerfamilien stammten, sollen in den Folgejahren ernsthaft den Radsport betrieben haben. Vereinzelt werden auch deutsche Frauen erwähnt, die bei Städte-Distanzfahrten Rekorde aufstellten.

 

Insgesamt nennt man für Frankreich und Belgien zwischen 1868 und 1870 23 Damenrennen.

 




Damenrennen in London 1898






Die meisten radelnden Frauen der neunziger Jahre befürworteten die Rennen nicht vorbehaltlos. Häufig zeigten sie sich hin und her gerissen. Sie teilten einerseits die Bedenken und Ansichten der Männer, sahen aber auch die Verdienste, die diese ‚Pionierinnen des Radsports’ mit ihren sportlichen Leistungen für ihr Geschlecht errungen hatten. Amelie Rother sah die Rennen entsprechend positiv, da „durch das Rennen zum erstenmale einem grossen, zum guten Teil sportverständigen Publikum Gelegenheit geboten wurde, eine Reihe guter Fahrerinnen nebeneinander in geschmackvollen Anzügen die Maschine meistern zu sehen. Das wirkte natürlich ganz anders, als wenn man irgendwo eine einzelne Frau vom Gejohl des Pöbels verfolgt daherkommen sah. Jedenfalls war für den sportverständigen Teil des Publikums nun das Eis gebrochen. Die Radfahrer achteten uns als gleichberechtigte Kameraden und der Aufschwung begann, wenn auch zunächst noch langsam.

 

Neben solch wenigen engagierten Ausnahmeerscheinungen wie A. Rother und ihren Freundinnen, waren es häufig Schauspielerinnen und Künstlerinnen, die es wagten den bürgerlichen Konventionen zu trotzen. Das war nicht einfach, wetterte doch der Deutsche Radfahrer-Bund (DRB) dagegen, verbot seinen Mitgliedern 1898 schließlich entsprechende Rennen und drohte den Rennveranstaltern mit Boykott, doch sein Einfluss reichte nicht aus um Damenrennen komplett zu verhindern.

 





die Siegerin

Die ambivalente Haltung der meisten Frauen spiegelte sich in den Zeitschriften für Radlerinnen wieder. Schadeten die Rennen der Akzeptanz der Frauen auf dem Rad? Wo blieb die Weiblichkeit? „Wir wollen keine kampflüsternen, rumlechzenden Amazonen.““... siegeshungrig, in Außerachtlassung aller dem Weibe geziemenden Anstandsgefühle, in krummer, den Schönheitssinn verletzender Haltung atemlos und schweißbedeckt ...“ war im Vademecum zu lesen und in der Draisena war auch keine klare Haltung zu finden. Einerseits lehnte sie Radrennen ab, andererseits erlag sie der Faszination von Leistung und Rekorden. Erstaunen hervorrufen konnten die Leistungen, die z. B. auf Städtefernfahrten erbracht wurden, durchaus: Der Damen-Städte-Rekord Berlin-Paris lag gegen 1897 bei 12 Tagen, Berlin-München bei 5, Mailand-Berlin via Gotthard-Bodensee bei 9 Tagen (A. Rother).

 

Als die Dänin Susanne Lindberg 1897 einen 1000 Kilometer Rekord aufstellte und dabei einen männlichen Kollegen um mehr als zwei Stunden unterbot, äußerte sich das Blatt begeistert, schränkte aber ein, dass „Frl. Lindbergs Vorgehen ein vereinzeltes bleiben möchte. Trotz aller Anerkennung bleiben wir doch unserem Prinzip treu, dass die Radlerin dem Rennfahren und namentlich dem Rekordfahren fern bleiben sollte.“ Oder 1898 anlässlich eines international besetzten Damenrennens in Berlin: „Wir betonen stets wieder, dass wir Gegner der Rennen sind, nichts destoweniger aber müssen wir bekennen, dass das Sonntagsdamenrennen absolut nicht so unästhetisch und ordinär war, wie man uns glauben machen will.“ Dass bei vielen Einschätzungen und Kritiken eine gewisse Doppelmoral die Feder führte, genährt von der Angst vieler Männer vor starken Frauen, wurde von Draisena in Richtung Rennfahrerinnen deutlich angesprochen: „Wäre doch ein Vesuv unter euren Füßen, der Euch verschlingt, damit Ihr nicht noch mehr Unheil anrichtet in dieser so ‚sittenstrengen’ Männerwelt, die da errötet vor Scham über Eure mangelhaft bekleideten Körper, die sich aber nicht scheut , sich zu ergötzen an den blossen Hälsen und Armen, an den ‚wundervollen’ Nacken und Büsten, welche die Damen im Ballsaale zur Schau stellen! Und wie die Herren ‚Moralprediger’ nun erst erröten beim ‚Ballett’, freilich nicht vor Scham, sondern vor Freude über die ‚schöngeformten Waden’ – Ja, Rennfahrerin, das ist etwas anderes.“(Bleckmann)

 






So lag der Reiz der Frauenrennen für die meisten Zuschauer und auch für die Rennveranstalter im Ungewohnten, Neuen, in der Attraktion, im Anrüchigen.

 



Saalfahren

Weniger bis gar nicht verpönt war das Saalfahren. Unabhängig von Witterungseinflüssen konnte in großen Sälen und Velodromen das ganze Jahr über geübt werden. Hier ergaben sich für radbegeisterte Frauen und Männer zusätzliche  Möglichkeiten im Winter. Dabei entwickelte sich das Reigenfahren zu einer ernsthaften Disziplin mit Wettbewerben und Siegerehrungen. Begonnen hat es wohl 1869 in Magdeburger Velociped-Club ausschließlich für Männer. Dies lag vor allem an den für Frauen unhandlichen Tretkurbel- und Hochrädern. Mit dem Niederrad fanden die Frauen Gefallen an dem Sport. Hier konnten sich auch Damen bewegen und das Vereinsleben genießen, die dem Straßenrad skeptisch gegenüber standen. Dieser Sport entsprach der erwarteten Frauenrolle durchaus: „Hier vermögen unsere Damen ihre ganze Grazie und überlegene Anmut in den Bewegungen des Körpers zum Ausdruck zu bringen.“(Fressel)

 

Beim Kunstradfahren, einer weiteren beliebten Disziplin, stellte sich die Schicklichkeitsfrage erneut. Akrobatik war bei diesem Sport gefragt, hartes Training und ein spezielles enganliegendes Trikot. Keine leichte Aufgabe für die ausübenden Damen dabei die geforderte ‚Decenz’ zu wahren und unanständige Stellungen zu vermeiden. Zu Ehren kam das Reigen- und Kunstradfahren bei Veranstaltungen und auf festlichen Anlässen.

 

Festlich, prunkvoll und üppig präsentierten sich auch die Korsos, Umzüge mit aufwendig dekorierten Fährrädern zu bestimmten wichtigen Anlässen, als Touristenattraktion oder nach Beendigung bedeutender Rennveran- staltungen.

 



Vereine

Die bürgerlichen Radsportvereine schossen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts aus dem Boden. Überwiegend handelte es sich dabei um nur Männern zugängliche Zusammenschlüsse. Frauen hatten es schwer: Entweder sie wurden überhaupt nicht aufgenommen oder man begrüßte sie als ‚belebendes’ Element für Radfahrgesellschaften und festliche Angelegenheiten, man konnte sie durchaus ‚als schmückendes Beiwerk’ bezeichnen. Das war engagierten Radlerinnen nicht genug. Gleichberechtigung im Radfahrsport war ihr Ziel, was die Gründung reiner Frauenradsportclubs zur Folge hatte. Zwischen 1890 und 1894 etablierten sich auf deutsch-österreichischem Gebiet 4 Frauenvereine (Dresden, Graz, Berlin, Wien), von denen der ‚Damen-Radfahrklub Berlin’ in den Deutschen Radfahrer-Bund (DRB) stimmberechtigt aufgenommen wurde. 17 weitere Damenvereine gründeten  sich im Deutschen Reich bis zur Jahrhundertwende und in Den Haag schufen radbegeisterte Frauen einen Damenclub mit  dem schönen Namen ‚Honni soit qui mal y pense’ ('ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt').

 




Klubsitzung des Berliner Damen-Radfahrklubs "bei der es ganz nach männlichem Vorbilde parlamentarisch hergeht und jedenfalls viel weise Worte gesprochen werden. Solch' eine Sitzung unterscheidet sich vermuthlich von der eines männlichen Radfahrklubs nur dadurch, daß neben dem Bier auch Limonade und Kaffee zur Stärkung der Redefertigkeit verwendet wird."



Neben den gemischten gab es noch 6 Ehepaarvereine, die nur Ehepaare als Mitglieder hatten - diese Variante sahen manche Frauen allerdings als Rückschritt an. Unbekannt ist heute wie lange die Frauen- und Ehepaarvereine existierten.

 

Wie hoch war die Mitgliederzahl der Damenclubs? Wahrscheinlich nicht sehr hoch zumal die sozialen Grenzen nicht überschritten wurden, obwohl die engagierten bürgerlichen Damen sich darüber im Klaren waren, dass sich alle sporttreibenden Frauen eigentlich zusammenschließen und gemeinsam auftreten sollten.

 

Als Indiz dafür, dass man radfahrende Frauen zusehends ernst nahm, kann die Existenz zweier Ratsportjournale für Frauen angesehen werden: 'Die Radlerin' und die ‚Draisena’. Zudem erschien in der Redaktion der ‚Wiener Mode’ 1897 das ‚Vademecum für Radfahrerinnen’ , eine Publikation, in der die verschiedensten Aspekte zur Sprache kamen.

 

Die beiden Radsportverbände Deutscher-Radfahrer-Bund (DRB) und Allgemeine Radfahrer-Union (ARU) öffneten sich den Frauen, sie konnten als Einzelmitglieder beitreten (der DRB nahm erste Frauen bereits in den 80er Jahren auf) und erhielten volles Stimmrecht – das war außergewöhnlich, Verbände anderer Sportarten waren noch nicht dazu bereit. Allerdings gab es schnell Bestrebungen von Seiten mancher Herren, dieses Recht wieder abzuschaffen. Das gelang ihnen zwar nicht im gewollten Umfang, doch der DRB unterbreitete alsbald den Frauen das Angebot eines halben Mitgliederbeitrages unter Verzicht auf Verbandspublikationen und Stimmrecht. Die ARU folgte.

 



Fahrrad-Boom und Emanzipation?

Das Fahrradfahren und der Fahrradsport erlebten Ende des neunzehnten Jahrhunderts einen ungeheuren Aufschwung. Inwieweit waren die Frauen daran beteiligt?

 

Schon der Anteil der Fahrer und Fahrerinnen an der Bevölkerung ist weitgehend unbekannt. Sicher gab es große Unterschiede zwischen Stadt und Land und zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Schätzungen lassen vermuten, dass  um das Jahr 1900 Radler und Radlerinnen zusammengenommen weniger als 2% der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches ausmachten. Höchstens 8 bis 9% aller radelnden Personen waren Frauen, weit weniger als in den USA und vor allem in England. (Bleckmann).

 





Fortschritt 1896/97: BELÄSTIGUNGEN VON RADFAHRERINNEN werden von den Gerichten in erfreulicher Weise immer strenger bestraft. In Berlin wie in München wurden in letzter Zeit verschiedene Rohlinge mit und ohne Glacéhandschuhen, welche radfahrende Damen angriffen oder denselben beleidigende Bemerkungen nachriefen, empfindlich abgestraft. Solche Bemerkungen , wie sich viele gegen Radfahrer überhaupt noch erlauben, braucht man sich absolut nicht gefallen zu lassen: Absteigen, die Beleidigung feststellen und den Beleidiger notieren lassen, ist das allerbeste. Nur einige Exempel und der Unfug hört auf ! (Salvisberg)

Amelie Rother schilderte ihre ersten Erfahrungen wie folgt: „In Berlin dürften meine Freundin Frl. Clara Beyer und ich die ersten Damen gewesen sein, die sich dem entsetzten Volke auf dem Rade zeigten und zwar auf Dreirad. Das war 1890. Wir liessen uns zunächst die Räder nach auswärts bringen und radelten auf stillen Waldchausseen, von den vereinzelten Passanten  teils mit tugendhaftem  Entsetzen, teils mit Hohngelächter und Bemerkungen unzweideutigster Art begrüßt. Dann wagten wir es in frühester Morgendämmerung die Stadt zu durchfahren  und endlich wurde auch eines schönen Nachmittags vom Blücherplatz aus gestartet. Sofort sammelten sich hunderte von Menschen, eine Herde von Straßenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spiessrutenlaufen, so dass man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich alle die Scheusslichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war. Eigentümlich war dabei, dass am  rüdesten und gemeinsten sich nicht die unterste Volksklasse  benahm, sondern der Pöbel in Glacéhandschuhen und zur Schande meiner Landsmänninen muss ich das leider sagen, Frauen, die ihrem Aeusseren nach den besseren Ständen angehörten. „Pfui, wie gemein !“ war ungefähr das Mildeste, was man von „Schönen“ Lippen zu hören bekam. (...) Das Komischste leistete eine alte Dame in Berlin W.  Sie stand auf dem Bürgersteig und sah mich ankommen. Ihr Gesicht zeigte ein derartiges starres Entsetzen, dass ich unwillkürlich in langsamstes Tempo fiel und sie mir genau ansah. Während ich ganz langsam bei ihr vorbeifuhr, platzten ihr plötzlich die Worte heraus: „Das ist ja gar nicht möglich!“

 

Nur wenige Jahre später gehörten die radfahrenden Damen zum gewohnten Straßenbild. Zumindest in den Städten konnte es sein, dass sie an manchen Tagen und Tageszeiten in der Mehrheit waren. Um 1900 erregten sie kaum mehr Aufsehen, auch wenn sie immer noch einem kleinen Kreis zuzuordnen waren.

 






1897

Nicht zuletzt der Preis für die Räder erwies sich als stark limitierender Faktor. Wer konnte um 1890 schon 230 – 320 Mark für Rad, Ausrüstung und Vereinsmitgliedschaft erübrigen? Zudem hatten Dienstbotinnen, Arbeiterinnen oder auf dem Land arbeitende Frauen kaum genügend Freizeit, mussten sie doch häufig zusätzlich einen eigenen Haushalt führen. So erklärt sich, warum es überwiegend das gehobene Bürgertum war, das dem neuen Vergnügen huldigte. Viele Frauen wussten zu schätzen, dass sie mit dem Fahrrad ihren gesellschaftlichen Status demonstrieren konnten. 

 

Die deutsche Fahrradindustrie befand sich am Anfang des 20. Jahrhunderts im Niedergang, Überproduktion, scharfe Konkurrenz, billige Importe aus den USA und eine große Anzahl gebrauchter Räder auf dem Markt ermöglichten zunehmend den niederen Schichten den Erwerb eines Rades und so begegneten den feinen Damen auf der Straße immer öfter ihre eigenen Bediensten, die das Rad als gutes Fortbewegungsmittel entdeckten. Vorbei war es mit dem Prestige, der Exklusivität, dem besonderen Kick. Da konnte Mann/ Frau schon die Lust verlieren. Hier zeigte sich recht gut der sich anbahnender soziale Wandel, der gesellschaftliche Umbruch der nächsten Jahrzehnte.

 

Es ist davon auszugehen, dass trotz der erschwinglicheren Räder der Anteil der radelnden Frauen in den Kleinbürger- und Arbeiterfamilien noch lange sehr gering war. Die stark patriarchalisch geprägten Strukturen verwehrten den Frauen den Zugang. Wurde die Anschaffung eines Rades erwogen, hatte sicher der Mann Vorrang. Diese Strukturen setzten sich im Arbeiter-Radfahrerbund ‚Solidarität’ fort, Frauen spielten hier bis nach dem ersten Weltkrieg kaum eine Rolle. Die ersten traten um die Jahrhundertwende bei und noch 1907 wurde diskutiert ob die Frau eines Arbeiters überhaupt Rad fahren solle. 1910 konnte man im offiziellen Organ exakt dieselben Argumente gegen das Frauenradfahren lesen, die den bürgerlichen Frauen schon vor langer Zeit entgegengehalten worden waren.

 

Die beiden Radfahrzeitschriften für Frauen 'Draisena' und 'die Radlerin' wurden 1900 bzw. 1992 eingestellt. Das gehobene Bürgertum verlor das Interesse am Rad, es hatte einen Ersatz gefunden, das Automobil.

 

Das Fahrrad wurde zum Alltagsgegenstand, einst vorwiegend zu Freizeit- und Sportzwecken eingesetzt, war es nun eher Verkehrsmittel, auch für Frauen.

 

Hat das Fahrrad zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschicht  mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen, wie Rosa Mayreder aus Wien 1905 vermutete? Hier gehen die Meinungen auseinander und sicher gab es nationenbedingte Unterschiede.

 





Postkartenmotiv um 1898

zeitgenössige Textvariation:
"Schönes Fräulein, darf ich wagen,
Mein Tandem Ihnen anzutragen" -
""Bin weder Fräulein, weder schön,
Hab selbst mein Fahrrad draußen steh'n!"" P.


Nur sehr wenige Frauen hatten das Rad für sich entdeckt, aber es wurden doch die herkömmlichen starren Rollen infrage gestellt und vielfach setzte ein neues Nachdenken ein oder wurde zumindest angestoßen. Die Gesellschaft des auslaufenden 19. Jahrhunderts befand sich insgesamt im Wandel, das Fahrrad war  Ausdruck der zunehmenden Industrialisierung, der wachsenden Mobilität und des technischen Fortschritts. Da waren langfristig neue Männer- und Frauenrollen von Nöten. Das Fahrrad konnte zwar den männlichen Herrschaftsanspruch nicht ernsthaft infrage stellen, aber er wurde doch angekratzt.  Das patriarchalische Gebäude begann weitere Risse zu bekommen und manch selbstbewußte Frau hatte für sich in Form des Rades ein wunderbares Gefährt/ einen wunderbaren Gefährten auf dem langen Weg in die Freiheit von männlicher Dominanz entdeckt.






Der Berliner Damen-Radfahrklub unternimmt einen Ausflug in den Grunewald





 

Quellen:

 

Der Radfahrsport in Bild und Wort, Hrsg. Paul Salvisberg, Olms Presse 1998, Nachdruck der Ausgabe München 1897, daraus insbesondere: 

Amelie Rother, Das Damenfahren

Wehe wenn sie losgelassen, Dörte Bleckmann, Maxime 1998

Radsport und Gesellschaft, Rüdiger Rabenstein, Weismann 1996

Kommt Zeit, Kommt Rad, Andreas Hochmuth, ÖBV 1991

 

Bildquellen: Rüdiger Rabenstein Archiv (Damenrennen Bordeaux), sellwood cycle repair, Metz Bicycle Museum, bicyle museum of america, Oldtimer Museum Altmünster, Pedaling History Bicycle Museum, sport posters, cycling4fans  

 

Vielen Dank an chris combüs für ihre Unterstützung

 

Beitrag von maki

© Cycling4fans


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