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Giro d'Italia 1998, 19. Etappe

von Sven



04. Juni 1998: "Elefantino" schlägt zu - durch die Dolomiten zum Giro-Sieg

 

Reine Bergfahrer, im französischen die sogenannten „Grimpeurs“, hatten es in den 90er Jahren wahrlich schwer, sich gegen die beinahe übermächtige Konkurrenz der herausragenden Zeitfahrer um Indurain, Rominger und Co. durchzusetzen. Speziell die Tour de France und infolge des wenig spektakulären Profils die Spanien-Rundfahrt waren „verrufen“, den kleinen, zierlichen Bergfahrern kaum eine Chance auf das begehrte Spitzenreitertrikot zu geben.

 

Spötter behaupteten, die Italien-Rundfahrt würde sich nur aus diesem Grund dem Trend seit 1997 verwehren, um ihren italienischen Landsleuten endlich wieder größere Chancen einzuräumen, das so heiß begehrte „maglia rosa“ nach Franco Chiocciolis Sieg 1991 auf der obligatorischen Schlusszeremonie durch Mailand tragen zu können.

 

Bereits 1997 wurden die Zeitfahrkilometer zugunsten der Kletterspezialisten drastisch reduziert, was dazu führte, dass mit Ivan Gotti wieder ein Italiener nach sieben langen Jahren das „maglia rosa“ erobern konnte. Doch der unscheinbare Gotti war nur unwesentlich beliebter als die ausländischen Fahrer, die den Giro von 1992 bis 1996 unter sich ausmachten. Für die „Tifosi“ gab es nur einen Mann, den sie abgöttisch liebten und verehrten: Marco Pantani. Der 28-jährige aus Cesenatico eroberte 1994 wie aus dem Nichts die Herzen der italienischen Radsport-Fans, als er die beiden Königsetappen des Giros auf spektakuläre Art und Weise gewann und einige Wochen später auch der Tour de France den Stempel aufdrücken konnte, indem er dort sensationell den dritten Gesamtrang hinter Miguel Indurain und Pjotr Ugrumov belegen konnte. In jenem Jahr bekam er auch den Spitzname „Elefantino“ im Zuge seiner lieblich aussehenden abstehenden Ohren.

 

Doch viel prägender waren die Jahre danach: Zwar gewann Pantani 1995 bei der Tour hinauf nach l’Alpe d’Huez in Rekordzeit und siegte auch Tage später im Pyrenäen-Örtchen Guzet Neige, daraufhin jedoch wurde er von unglaublichem Pech verfolgt, was ihn beinahe zum Ende seiner Karriere zwang. Beim Rennen Mailand-Turin kurz vor Saisonschluss im Herbst 1995 wurde er in einer Abfahrt von einem entgegenkommenden Auto (Anm. des Verfassers: Eine Unglaublichkeit sondergleichen, dass auf einem eigentlich abgesperrten Kurs Privatautos unbehelligt fahren können) gerammt – komplizierte Beinbrüche waren die Folge. An Radrennen war in diesem Augenblick und Wochen danach überhaupt nicht mehr zu denken. Auch den Giro d'Italia 1995 musste er bereits absagen, nachdem er sich infolge eines Autounfalls leichte Verletzungen zugezogen hatte.

 

Die gesamten 96er Saison fiel ins Wasser, doch Pantani gab nicht auf und erholte sich wie durch ein Wunder von all seinen Verletzungen. Der Giro d’Italia 1997 sollte Plattform eines großartigen Comebacks werden, doch wieder einmal war ihm das Glück untreu: Ausgerechnet eine schwarze Katze kreuzte den Weg des Giro-Pelotons auf einer der Anfangsetappen. Ein halbes Dutzend Renner lag auf der Straße, darunter, so zynisch es klingen mag, natürlich auch Marco Pantani, der daraufhin den Giro beenden musste. Glücklicherweise erwiesen sich die Verletzungen als nicht so stark, als dass er nicht im Juli bei der Tour zurückkehren konnte: Siege in l’Alpe d’Huez (in bis heute gültiger Rekordzeit) und Morzine bescherten ihm erneut einen hervorragenden dritten Gesamtrang.

 

1998 sollte das Jahr von „Elefantino“ werden. Die Giro-Organisatoren hatten sich ähnlich wie 1997 einen Kurs ausgeguckt, der den Kletterern um Pantani und Gotti entgehen kommen sollte. Insbesondere die letzte Woche mit drei schweren Dolomiten-Etappen hatte es Pantani angetan, auch wenn ihm so recht niemand aus dem Expertenkreis den großen Coup zutrauen wollte. An allererster Stelle der Favoriten wurde der Schweizer Alex Zülle genannt, der zu Beginn des Jahres für teures Geld vom spanischen ONCE-Rennstall zur französischen Star-Equipe Festina um Richard Virenque und Laurent Dufaux gewechselt war und für den der Giro-Sieg seitens der Teamleitung zur Pflicht propagiert wurde. Neben Zülle waren vor allen Dingen die Giro-Sieger der beiden vergangenen Jahre, Gotti und Pavel Tonkov (Russland), zum Favoritenkreis zu zählen. Pantani hatten dagegen „nur“ die unzähligen Tifosi auf der Rechnung. Seine Zeitfahrschwäche schien zu akut...

 

 

In den ersten zwei Wochen lief aus französischer Sicht alles nach Plan: Zülle eroberte sich rasch das „Rosa Trikot“, hatte mit dem aufgrund Krankheit ausgeschiedenen Ivan Gotti einen Kontrahenten weniger und konnte Pantanis erstes Ausrufezeichen hinauf nach Piancavallo mit einem überragenden Sieg im Einzelzeitfahren von Triest kontern. Die Aktie Zülle schien für Festina die erwartete Rendite abzuwerfen, doch die Steilheit der Dolomiten wurde scheinbar völlig unterschätzt: Auf der ersten Dolomiten-Etappe am bis zu 13% steilen Fedaia-Pass musste Zülle klein beigeben und hatte im Zielort Wolkenstein all den Vorsprung (ca. vier Minuten) auf Pantani verspielt, den er sich in den ersten zweieinhalb Wochen Giro so mühevoll herausgefahren hatte. Pantani hingegen ließ seinem Fluchtgefährten Giuseppe Guerini ehrenvoll den Etappensieg und schlüpfte zum ersten Mal in seiner Karriere in ein Leader-Trikot einer großen Landesrundfahrt. Von nun an hieß sein gefährlichster Gegner Pavel Tonkov, der ihm am Folgetag in Alpe di Pampeago als einziger nicht von der Seite wich und auf der Zielgeraden gar noch den Etappensieg einheimste.

 



Nur noch eine einzige Bergetappe stand auf dem Programm. Pantani wusste, dass dies seine letzte Chance war, vor dem abschließenden Zeitfahren von Mendrisio nach Lugano noch genügend Vorsprung auf Tonkov herauszufahren, um mit einem beruhigenden Zeitpolster in eben jenen Kampf gegen die Uhr hineinzugehen, bei dem er in Triest soviel Zeit einbüßte. Vor der 239 km langen Königsetappe von Cavalese nach Plan di Montecampione mit einem durchschnittlich 8% steilen Schlussanstieg über eine brutale Länge von 20 Kilometern betrug der Vorsprung Pantanis auf den Russen schlappe 27 Sekunden.

Zu wenig angesichts der Tatsache, dass Pantani im ersten Zeitfahren über zwei Minuten Rückstand auf Tonkov hatte. Die Hitzeschlacht in den Dolomiten war ein Fiasko für den bis dato noch relativ passabel platzierten Zülle: Bereits am ersten Pass des Tages fiel Zülle zurück und fand sich am Ende des Tages abgeschlagen im „grupetto“ wieder – 30 Minuten Rückstand machten das Debakel für Zülle perfekt.

 

Schnell kristallisierte sich am Schlussanstieg das erwartete Duell Pantani gegen Tonkov heraus. Tonkov hängte sich wie eine Klette ans Hinterrad von „Elefantino“. Dieser fuhr gewohnt unrhythmisch und versuchte mit ständigen Attacken, Tonkov zu zermüben und aus der Fassung zu bringen. Kilometer um Kilometer verstrich, ohne dass der Russe auch nur annähernd gewillt schien, sich abhängen zu lassen. Je näher die beiden dem Ziel entgegenfuhren, desto resignierter schien Pantani zu sein – die Attacken verpufften scheinbar ohne Wirkung, demzufolge er fortan wesentlich gleichmäßiger fuhr, um nicht selbst noch Opfer seiner anspruchsvollen Fahrweise zu werden. Doch Tonkov musste viele Schläge einstecken – er war angeknockt, ohne dass Pantani dies ad hoc realisierte. Nur noch zwei Kilometer waren zu fahren, da entschied sich in einem einzigen Augenblick die Italien-Rundfahrt: Falls der Russe hätte kontern können, wären beide wohl gemeinsam ins Ziel gekommen.

So allerdings realisierte Pantani just in dem Moment, als er den letzten Schlag ansetzen wollte, dass Tonkov schwächelt und einen eher marginalen, aber doch alles entscheidenden Abstand zu Pantanis Hinterrad hatte. Dieser setzte noch einmal alle Kräfte frei und legte alles in diesen Angriff, wodurch er sich tatsächlich doch noch vom Russen absetzen konnte. Beflügelt von dieser neuen Situation erwachte neue Energie in ihm, während Tonkovs Trittfrequenz immer abzählbarer wurde.

Pantani gelang es, nicht mehr für möglich gehaltene 57 Sekunden zwischen sich und seinen Rivalen zu legen. Dieser wiederum war im Ziel völlig entkräftet – im Nachhinein sollte sich herausstellen, dass Tonkov trotz brütender Hitze keine Trinkflasche mit in den letzten Anstieg hinein genommen hatte. Dehydriert und resigniert musste er mitansehen, wie sich Pantani von den begeisterten Fans feiern ließ. Somit war auch der letzte Baustein für den großen Triumph von "Elefantino" gelegt.

 

Im abschließenden Zeitfahren war Pantani gar, im Rausch des nicht mehr zu nehmenden Gesamtsieges, fünf Sekunden schneller als Tonkov.

Wenige Wochen später sollte Pantani dann auch bei der Tour de France nach den Sternen greifen…

 

Ruhe in Frieden, Marco !

 




Videosequenz (MPG) vom Zieleinlauf in Plan di Montecampione:

ca. 0,5 MB


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