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01/04 2004

Ronny Scholz - Der Vater des Sohnes der Tochter des Chefs

von Kevin Kempf



Ronny Scholz war kein Spitzen-U23-Fahrer. Während die zwei Jahre jüngeren Patrik Sinkewitz und Torsten Hiekmann, die in der UCI Weltrangliste die Plätze 2 bzw. 5 belegten, zu Mapei und Telekom gingen, fand René Weissinger, der 13. der Weltrangliste war, kein Profi Team. Ronny Scholz fand sich auf Platz 24 wieder, kurz vor Mathias Jelitto, den heutzutage niemand mehr kennt, obwohl er zwei Jahre jünger ist als Scholz.

Bei der WM in Plouay nahm er am Straßenrennen teil und endete im Mittelfeld.

Trotzdem widerfuhr ihm etwas, was einem deutschen U23 Fahrer, der international nur gutes Mittelmaß ist, nur sehr selten passiert. Er wurde von einem GS1 Team verpflichtet. Das Team Gerolsteiner nahm sich seiner 2001 an.

 

Recht schnell fand man heraus, dass Scholz eine Beziehung mit der Tochter seines Teamchefs hat – wie der recht überraschende Vertrag zu Stande kam war somit den Meisten deutlich.

Unglücklicherweise gewann Scholz gleich in seinem ersten Profijahr die Schynberg – Rundfahrt in der Schweiz. Er setzte sich aus einer achtköpfigen Spitzengruppe durch, mit dabei waren auch Cancellara, Aebersold, Elmiger und Markus Zberg. Nicht schlecht, aber so ein Sieg aus einer Ausreißergruppe kann jedem mal passieren, ganz klare Sache. Seine starke Deutschland – Tour, bei der er oft live im Fernsehen zu bestaunen war, ließ an dieser These nicht zweifeln, obwohl doch eingestanden werden musste, dass der Ronny schon ein wenig Rad fahren kann. Und einen lustigen Vornamen hat er auch auf der Haben – Seite.

 

2002 war dann, Gott sei dank, recht lange recht wenig von Scholz zu sehen. Bis zur Rheinland – Pfalz – Rundfahrt. Auf der dritten Etappe sicherte er sich sein erstes Topp 10 Resultat des Jahres; einen 6. Platz. Nicht berauschend, ganz klare Sache. Nur Vitmanin B eben! Einen Tag später schob er sich auch noch auf den zweiten Platz der Gesamtwertung...hinter dem Schweizer Rolf Huser. Dass ein Schweizer die Rundfahrt abschiessen würde, war natürlich höchst unsympathisch. Auch wenn der Scholz natürlich eigentlich kaum Radfahren konnte und völlig unwürdig war, ein bißchen hoffte man schon auf seinen Sieg. Und so geschah es auch, Huser stürzte kurz vor dem Ziel und Scholz gewann die Rundfahrt mit einer Sekunde Vorsprung auf einen Österreicher! Neben dem Vornamen ein weiterer Pluspunkt...auch wenn das alles natürlich pures Glück war!

 

2003 begann ein ganzes Stück besser für Ronny. Nachdem ich ihn bei der Präsentation der Niedersachsen – Rundfahrt ein wenig geärgert hatte und ihn „Hey Ronny, wo ist denn der Olaf?“, fragte, belegte er im Einzelzeitfahren den siebten Platz, den konnte man ihm fast schon gönnen, immerhin hatte er schon zwei Pluspunkte! Als er dann sogar die zweite Etappe aus einer Fluchtgruppe abschoss, begannen Zweifel zu nagen, ob er nicht vielleicht doch zurecht Profi sein könnte. Aber naja, er hatte die Etappe vor allem aus einer teamtaktisch sehr vorteiligen Situation gewonnen – und als Ronny in Osterode dann sein Kind vom Podium nach unten grinsen ließ erinnerten wir uns schnell wieder: Der Vater des Sohnes der Tochter des Chefs!

Den Giro d´Italia durfte er in dem Jahr auch mitnhemen...und wenn da nicht dieses Kind vom Podium gelacht hätte, hätte man fast sagen können, dass er nach Faenza ein Klasserennen gefahren ist.

 

Bei der Sachsen – Rundfahrt wurde er im Gesamtklassement dann Fünfter, seine zweite Topp 10 Platzierung nach der Niedersachsen – Rundfahrt. Die Suche nach Ausreden, warum er eigentlich völlig unwürdig ist, wurde immer komplizierter.

Zumal er auch bei der Regio – Tour gleich richtig gut startete. Zu allem Überfluss gewann er auf dem zweiten Teilstück der zweiten Etappe dann das Einzelzeitfahren, zwei Plätze hinter ihm Torsten Hiekmann...zumindest ich musste es aufgeben und ein Bekenntnis ablegen:

 

Der Ronny ist ein guter Rennfahrer!

 

Der zweite Platz im Gesamtklassement befestigte diese Feststellung. Und jetzt, da es jeder weiß, tut es auch gar nicht mehr weh und wir können uns völlig unparteiisch seinen Leistungen nähern.

Und deswegen nähern wir uns doch einfach mal seinem national beinahe unbeachtet gebliebenem Criterium International:

Der zehnte Platz im hügeligen Rennen war nicht schlecht, aber auch nicht spektakulär. Überraschend, weil es so gut wie keine Vorleistung gab dieses Jahr, aber vom Potential her ist das drin. Im Einzelzeitfahren belegte Scholz den sechsten Rang. Knapp hinter Armstrong, knapp vor Hamilton. Natürlich haben diese Herrschaften noch keine absolute Toppform, aber hat Ronny die? Auf jeden Fall ist dies sein erstes absolutes Toppresultat in einem international hochkarätig besetzten Rennen. Zumal er auch in der Gesamtwertung einen hervorragenden sechsten Platz belegte. Hätte Jens Voigt nicht unglücklicherweise gewonne, wäre diese Leistung national wohl auch mehr aufgefallen, denn sie stellt wohl eine Art Durchbruch dar, vom national guten zum international beachteten Fahrer!

 

Neben diesem Durchbruch durchbricht noch eine Frage die Idylle meiner Radsportwelt. Sie ist nicht neu, aber unweigerlich:

Warum kriegen so wenige gute, aber nicht Spitzen-U23-Fahrer aus Deutschland Profi Verträge? Muss man wirklich der Vater des Sohnes der Tochter des Chefs oder etwas Ähnliches sein, um sich beweisen zu können? Warum kriegen in Italien, Spanien oder Frankreich Fahrer Verträge, die weitaus schwächer einzuschätzen sind als die deutschen U23 Fahrer?

Ronny Scholz zeigt den Weg, der möglich ist.

 



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